Ulrike Zollfrank Julchen

Mit dem »Julchen« über die Mainzer Zitadelle

Ulrike Zollfrank, ursprünglich ein echt Frankfurter »Schlippche«, hat eine besondere Führung für die Mainzer Zitadelle konzipiert. Als »Julchen« erzählt sie aus dem Leben der Familie Schinderhannes.

Das »Julchen« heißt Juliana Bläsius, sie war die Geliebte des Schinderhannes. Ulrike Zollfrank hat sich mit dem Leben der Frau vertraut gemacht, sachkundig und anekdotenreich führt sie als Julchen über und unter die Mainzer Zitadelle. Zwar ist der Schinderhannes bekannter, aber auch das Leben der Juliana Bläsius sei gut dokumentiert – bis hin zu ihrer Kleidung. Bei den Führungen trägt Ulrike Zollfrank ein mittelalterlich anmutendes Gewand mit entsprechender Haube und erzählt in feinstem »rhoihessisch«.

Ist die Geschichte des Schinderhannes und seiner »Familie« nicht eine traurige? Der Räuberhauptmann endete schließlich ohne Kopf im Grab. »Aber nein«, sagt die promovierte Erwerbsgartenbauerin, die sich auch mit Schinderhannes intensiv befasst hat. »Der hat selbst vor Gericht noch die Menschen zum Lachen gebracht.« So erzählt Ulrike Zollfrank alias Julchen eine Anekdote nach der anderen, berichtet dabei auch von den Lebensumständen zu Schinderhannes-Zeiten (»es herrschte Anarchie – aber der Schinderhannes war kein Robin Hood«) und verpackt darin die Geschichte der Mainzer Zitadelle. Das Publikum freut es – was wiederum Julchen freut: »Wenn die Leute so richtig herzhalft lachen, dann ist das wunderschön.«

Dr. Ulrike Zollfrank ist 1958 in Frankfurt geboren: »Ich bin ein echtes Frankfurter ›Schlippche‹!« Wie bitte? Schleife bedeutet das auf Hochdeutsch, was wiederum in ihrem Elternhaus gesprochen wurde. In Hofheim am Taunus machte sie Abitur, es folgte ein Praktikum im Badischen als Gärtnerin, in Weihenstephan studierte sie Erwerbsgartenbau, der Pilz Hallimasche stand im Zentrum ihrer Promotion an der Technischen Universität München in Weihenstephan.

Vielseitig unterwegs

Ende der 1980er Jahre sagte Ulrike Zollfrank der wissenschaftlichen Laufbahn Adieu, folgte ihrem Ehemann nach Mainz und qualifizierte sich hier für den höheren Landesdienst. Bei der Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz (die 2003 aufgelöst wurde) koordinierte sie u.a. den Aufbau des agrarmeteorologischen Messnetzes Rheinland-Pfalz. Seit 16 Jahren arbeitet sie beim Landesamt für Geologie und Bergbau – Bodenschutz ist jetzt das Thema.

»Mainz, das ist meine Wahlheimat« sagt sie aus tiefstem Herzen. Hier wollte sie bleiben, also blieb sie. Nachdem der erste Sohn Stefan 1992 geboren wurde, reduzierten beide Elternteile ihre Arbeitszeit um 50 Prozent. Ein ganzes Jahr lang. »Wir haben das so gewollt, deshalb hat es funktioniert«, stellt sie fest.

Seit 2011 führt Ulrike Zollfrank als Julchen über und unter die Zitadelle, seit 2015 bietet die ausgebildete rheinhessische Gästeführerin zusätzlich mit einer Winzerin eine Führung mit Weinprobe auf der Zitadelle an.

Unterwegs ist die 61-Jährige aber nicht nur als Julchen. Als 2015 Flüchtlinge nach Mainz kamen, übernahm sie mit ihrem Mann gemeinsam die Patenschaft für eine ganze Familie aus Syrien. »Die sind jetzt selbständig, die kommen klar«, stellt sie fest. Auch für eine Grünanlage in Hechtsheim hat sie die Mitverantwortung übernommen. Seit 23 Jahren hegt und pflegt sie mit dem CVJM gemeinsam als »Patenschaftsgruppe« den Zagreb-Platz. Auf der Frankenhöhe half sie »SoundConnection« aus der Taufe. »Singen, das ist meins, das hat mich über alle Ortswechsel hinweg begleitet.« Der Gospel-Chor feierte in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum und brachte die dritte CD heraus.

Effizient Arbeiten

Und dann ist da noch der urgroßväterliche Bauernhof im Vogtland, den Ulrike Zollfrank geerbt und in ein Feriendomizil umgewandelt hat. Wie das alles zusammen geht? »Ich bin einfach sehr effizient in meinem Arbeiten, deshalb geht das.«

Es geht dann auch noch, dass sie die Füße hoch legt und liest (»unheimlich gerne und viel«) und im Urlaub Wander- und Klettersteige erkundet.

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mut: Ein Name als Programm




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mut: Ein Name als Programm

»mut« – vor 20 Jahren gegründet von Unternehmerinnen, um sich miteinander zu vernetzen, auszutauschen und weiter­zubilden. Im Juni 2019 feiert der »Mainzer Unternehmerinnen-Treff« seinen Geburtstag. Yvette Sillo ist eine der führenden Köpfe im Verein.

Eine Vorsitzende gibt es bei »mut« nicht. Ingrid Richter, Claudia Seeland und Yvette Sillo vertreten den Verein gleichberechtigt. Eine jede hat einen anderen Arbeitsschwerpunkt, erzählt Yvette Sillo. Sie selbst ist für Multimedia und für die Webseite verantwortlich, sie pflegt die Social-Media-Kanäle und schreibt die Einladungen für die Veranstaltungen. Ihr berufliches Metier ist das nicht, aber: »Ich bin neugierig und probiere alles aus.«

Yvette Sillo ist selbständige Innenarchitektin – und arbeitet als solche gegen das Image an, Innenarchitektur könnten sich nur Menschen mit zu viel Geld leisten. »Innenarchitektur muss nicht teuer sein«, weiß sie und bietet bewusst »Innenarchitektur für alle« an. Das heißt, in einem übersichtlichen Preisrahmen, z.B. bei der Auswahl der Möbel. Dazu gehören auch reine Beratungsangebote, in denen nur über die Zusammenstellung von Farben gesprochen wird.

Neue Existenz aufbauen

Yvette Sillo ist 1961 in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus Ungarn. Ihre ungarischen Wurzeln kommen in der Aussprache des Nachnamens zum Ausdruck: Sillo, wird mit SCH gesprochen. Das war es dann auch schon, was daran erinnert, dass die Eltern 1956 nach dem Aufstand Ungarn verließen und nach Zwischenstationen in Frankreich (die Mutter) und den USA (der Vater) in Deutschland wieder von vorne anfingen, sagt Yvette Sillo. Zurückblickend meint sie, vielleicht habe die Tatsache, dass sich ihre Eltern eine neue Existenz in einem fremden Land aufbauen mussten dazu geführt, dass sie selbst beharrlich und zäh arbeitet: »Ich gebe so schnell nicht auf«.

Nach Mainz kam Yvette Sillo 1981, um an der Fachhochschule Innenarchitektur zu studieren. Sie lernte hier ihren ersten Mann kennen und gründete ihre Familie. »Am Anfang dachte ich, Mainz ist tiefste Provinz – Frankfurt, wo ich aufgewachsen bin, ist doch um einiges größer. Aber dann wurde ich ganz schnell heimisch und finde die Überschaubarkeit längt super.«

Yvette Sillo macht gerne alles selbst, beruflich sowieso, aber auch sonst: Webseite gestalten, Texte formulieren, Kleidung nähen, Brot backen. Um das mit den Anforderungen der selbständigen Berufstätigkeit in Einklang zu bringen, bedarf es einer guten Selbstorganisation, auf der einen Seite, und auf der anderen, genügend Ausgleich, zum Beispiel beim Laufen und beim Fitnesstraining.

Vor neun Jahren lernte Yvette Sillo den »Mainzer Unternehmerinnen-Treff« kennen. Als Einzelunternehmerin sei sie meist allein im Büro, habe selten Kontakt zu Kollegen/-innen. Bei den »mut«-Veranstaltungen komme sie mit anderen selbständig arbeitenden Frauen zusammen, die Veranstaltungen seien abwechslungsreich, informativ und lehrreich. »mut« beschreibt Yvette Sillo als ein Netzwerk, in dem es weniger darum gehe, für sich selbst Werbung zu machen und Kunden/-innen zu akquirieren. »Es beruht viel mehr auf wechselseitigem Vertrauen. Wir kennen uns gut, wissen, was wir voneinander zu halten haben – und können uns guten Gewissens gegenseitig empfehlen.«

Miteinander – ohne Männer

Männer spielen bei »mut« keine Rolle, »männlich dominierte Seilschaften, gibt es doch genug«, bemerkt Yvette Sillo – wobei vor 20 Jahren, als »mut« gegründet wurde, hatte das Miteinander von Frauen ohne Männer vermutlich einen ganz anderen Stellenwert. Ihr selbst, erzählt sie, sei erst mit Ende 20 aufgefallen, dass Männer und Frauen unterschiedlich ticken. »Mein Vater hat mir alles beigebracht, was ich lernen wollte, dazu gehörten auch technische Dinge, für ihn spielte es keine Rolle, dass ich ein Mädchen war.« 32 Mitglieder zählt »mut« derzeit, zu den Unternehmerinnen gesellen sich Freiberuflerinnen und Selbständige, die bei ihren Veranstaltungen gerne auch »Gastfrauen« begrüßen.

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Mainzer Kopf: »Ich bin Brandstifter und was ich mache ist Kunst«




Barry Nolan

Mainzer Kopf: Gepflegte Pub-Kultur

Am 17. März ist St. Patricks Day. Der irische Gedenktag wird überall in der Welt gefeiert. Auch in Mainz. Hier wird zwar nicht der Rhein grün eingefärbt, aber in den Irish Pubs das Bier, zum Beispiel bei Barry im »Nolan‘s«.

Grün. Die Farbe Irlands. Am St. Patricks Day sticht sie hervor. Der Chicago River ist grün, in München wogt es grün von der Münchner Freiheit bis zum Odeonsplatz, anlässlich der Parade zu Ehren des irischen Nationalheiligen. Im Vergleich dazu wirkt grün gefärbtes Bier in den Irish-Pubs in Mainz schon fast unterkühlt.

Barry Nolan erlebt seit 30 Jahren die Begeisterung für den irischen Nationalfeiertag in Deutschland. Rational erklärbar sei das nicht – andererseits: »Überall auf der Welt feiern die Menschen gerne und nutzen jeden Anlass, der sich bietet. In Mainz wird ja auch das Oktoberfest gefeiert und Halloween.«

Barry Nolan war 18 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Ein Freund in Frankfurt vermittelte ihm 1989 eine Stelle und eine Wohnung. Bleiben wollte der Ire nur ein paar Monate und dann weiterziehen, um die Welt kennenzulernen. Stattdessen blieb der heute 48-Jährige im Rhein-Main-Gebiet und widmet sich hier der irischen Pub-Kultur.

Die Mischung machts

»In Irland ist es seit Jahrhunderten normal, vielmehr meistens notwendig, dass die jungen Menschen ins Ausland gehen, um Arbeit zu finden. In unserer Familie bin ich der Einzige, der nicht mehr zuhause lebt, das ist dann bei sieben Kindern schon ungewöhnlich.« Als Barry Nolan vor 30 Jahren nach Deutschland kam, sprach er kein Wort Deutsch. Gelernt hat er die Sprache, wie er sagt, »nebenbei« – und das perfekt. Nur der irische Akzent, der will nicht ganz weichen, was ihn ärgert.

Anfangs, in Frankfurt, arbeitete Barry Nolan auf dem Bau, wechselte dann in die Gastronomie – und lernte alles, was ein Wirt können muss. Unter anderem lernte er auch die beiden Iren kennen, die 1994 in Wiesbaden den ersten Irish Pub eröffneten und Barry Nolan einstellten. Ein Jahr später wechselte Barry Nolan ins neu eröffnete Irish Pub in Mainz, als Geschäftsführer. »Es gab in Deutschland keine Pub-Kultur, wie sie in Irland üblich ist, ein bisschen schummrig, mit Livemusik, mit echtem irischen Tee und natürlich mit Guinness.« Warum diese irische Kneipenkultur damals wie heute in Deutschland und überall auf der Welt so gut ankommt – Barry Nolan kann nur mutmaßen. »Die Gäste singen gerne, sie reden gerne miteinander und sie trinken gern – diese Mischung gibt es in jedem Irish Pub.« Vermutlich seien die Iren spontaner, gastfreundlich sind sie sowieso, so dass die Stimmung in den irischen Pubs lockerer, gelöster wirke.

Als 2014 nahe des Hauptbahnhofs die mittlerweile vierte irische Kneipe in Mainz öffnete, wechselte Barry Nolan wiederum als Geschäftsführer in das »Kellys«. Drei Jahre später konnte er sich seinen Traum erfüllen und eröffnete in der Altstadt das »Nolan‘s«. In diesem irischen Pub ist er sein eigener Herr und es geht etwas ruhiger zu: »Ich werde ja auch älter.« Die Mainzer Spezialität, babbeln, steht im Vordergrund, die irische Musik klingt etwas dezenter, irische Biere fließen aus den Zapfhähnen, die Whisky-Auswahl ist ordentlich und am 17. März dominiert auch hier das irische Grün.

Gefühle unter einen Hut bringen

Seit 15 Jahren ist Barry Nolan mit seiner Frau Gurur verheiratet – deren Familie stammt aus der Türkei. Mittelpunkt des Familienlebens sind die beiden Töchter, neun und elf Jahre, sie können dreisprachig aufwachsen und lernen von klein auf, wie unterschiedliche kulturelle Prägungen im direkten Miteinander klar kommen.

Was die Nationalität angeht, hat Barry Nolan zwei Seelen in seiner Brust: Er lebt viel länger in Deutschland und in Mainz als er in Wexford in Irland gelebt hat und sagt: »Ich bin Ire und ich liebe Deutschland«. Das passt für ihn gut zusammen, bringt zwei Gefühle unter einen Hut: »Ich bin gerne in Irland und mein Zuhause ist in Lörzweiler.«

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Mainzer Kopf: Gardisten pflegen Weinkultur

Winzer-Gardist ist Timo Gölz mit Herz und Verstand. Allerdings trägt er keine Uniform, ist beim Rosenmontagszug als Zuschauer dabei und hat beruflich nichts mit Wein zu tun.

Mit dem Namen lässt sich einiges verbinden: 1. Mainzer Winzergarde. Gegründet am 11.11.2011, ein echtes Mainzer Geburtsdatum. Timo Gölz war Gründungsmitglied und ist seither 2. Vorsitzender des Vereins. Laut Satzung besteht ein Ziel darin, die Weinkultur zu pflegen: »wir wollen Spaß mit Wein haben«, bringt es Timo Gölz auf den Punkt. Wein gehört zu Mainz wie die Fastnacht, ohne Winzer gibt es keinen Wein und ohne Garden keine Fastnacht – so in etwa kann die fantasievolle Namensgebung des Vereins verstanden werden. Die Aktivitäten der Winzergardisten reichen von Wanderungen mit weiniger Einkehr, Treffen in Weinstuben bis zu Weinverkostungen – aber braucht es dazu einen Verein? Timo Gölz sieht den Verein als eine Anlaufstelle, über die spontane Verabredungen ebenso möglich sind, wie längerfristige feste Termine vereinbart werden. Zum Beispiel für das Hegen und Pflegen eines Weinbergs. Es ist das neueste Projekt der Winzergarde. Acht Zeilen mit 60 Jahre alten Riesling-Reben in der Lage Bodenheimer Hoch. Sie gehören dem einzigen Winzer unter den Vereinsmitgliedern. Der bringt den Winzer-Gardisten in diesem Jahr bei, wie die Arbeit im Weinberg funktioniert.

»Wichtig ist uns aber auch das soziale Engagement für andere«, sagt Timo Gölz. Bei »Rudern gegen Krebs« ist der Verein mit drei Booten dabei und in der Pfarrer Landvogt-Hilfe haben die Mitglieder eine Kochpatenschaft für die Obdachlosen übernommen.
Etwa 60 erwachsene, also zahlende Mitglieder sind in dem Verein, das Gros ist zwischen Mitte 40 und Mitte 50 Jahre alt. »Wir sind uns im Laufe der Jahre immer wieder zufällig begegnet, in einer Weinstube, im Fußballstadion, dabei wurde erzählt und wir stellten fest, wie viel wir gemeinsam haben. So wurden aus den Zufallstreffen Verabredungen, gemeinsame Bekannte und Freunde kamen dazu – bis eben am 11.11.2011 die 1. Mainzer Winzergarde gegründet wurde.«

Bewegung, Genuss, Engagement

Timo Gölz ist 46 Jahre alt und gebürtiger Mainzer, verbrachte sechs seiner Kindheitsjahre aber in Kassel, weshalb er den Mainzer Dialekt nicht unbedingt sprechen muss (aber gut sprechen kann). Studiert hat er in Dortmund, weil es die Ausbildung Chemie-Technik nicht an hiesigen Unis oder (Fach-)Hochschulen gab. Derzeit vertreibt der Chemie-Ingenieur für ein amerikanisches Unternehmen Filtertechnik – die zum Beispiel für die Klärung von Wein eingesetzt wird. Womit wir wieder beim Lieblingsthema und -getränk der 1. Mainzer Winzergarde sind. Die Neugierde und auch die Begeisterung für Wein hätten seine Eltern geweckt, sagt Timo Gölz, während der vielen Sommerferien, die die Familie in Südfrankreich verbrachte.

Den Winzer-Gardisten ist die Freude an Bewegung, Genuss und Engagement eigen, Timo Gölz gibt dafür ein Paradebeispiel ab. Früher schwamm er für die SG Mainz Freistil und Delphin, heute organisiert er im MTV 1817 die Volleyball-Abteilung, spielt im Winter Volleyball und im Sommer Beach-Volleyball. Außerdem fährt er gerne Ski und liebt es mit Ehefrau und Winzer-Gardistin Nicole auf Reisen zu gehen, z.B. nach Ligurien, Kambodscha, Georgien (die Wiege des Weinbaus!) und immer wieder nach Südfrankreich. Zum Genuss-Erleben gehört selbstverständlich – das Kochen, Timo Gölz kocht sich gerne quer durch die Welt. In eine besondere Welt bekam er einen Einblick während seiner Diplom-Arbeit: fünf Wochen lang fuhr er auf der, aus dem Titanic-Film von James Cameron bekannten »Keldysch«, von Kopenhagen nach Spitzbergen. Allerdings hatten es ihm dabei nicht die Tauchgänge der Forschungs-U-Boote vom Typ Mir angetan, sondern die Methanhydrate, mit denen sich die internationale Crew auf dem russischen Forschungsschiff unter anderem beschäftigt.

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Mainzer Kopf: Annäherungen an die Fastnacht

Liebe auf den ersten Blick war das nicht. Eher ein Flirt, aus dem eine schüchterne Freundschaft wurde, die sich in eine fundierte Beziehung  weiterentwickelt hat. Gemeint ist das Verhältnis von Marc Bockholt zur Mainzer Fastnacht.

Ganz allmählich hat er sich der Mainzer Fastnacht genähert – für einen nicht in Fastnachtshochburgen sozialisierten Menschen kann so ein Rosenmontagszug schon ein Kulturschock sein. Marc Bockholt schaute dem Treiben erst einmal von oben, von einer Dachterrasse herab zu, stellt dabei fest, das macht Laune und knüpfte erste Kontakte in die Mainzer Fastnachtsszene. In die traditionelle wohlgemerkt, also zu den Vereinen und Garden. Das »Who is Who« der Mainzer Fastnacht ist ihm geläufig – es gibt keine Berührungsängste. Keine? Naja ein paar Traditionalisten kommen mit Männern in rosafarbenen Paillettenjacken nicht so gut klar.

Marc Bockholt ist in Hamburg geboren und im Laufe seines Lebens Stück für Stück Richtung Süden (um)gezogen. Die Berufstätigkeit der Eltern hat das so mit sich gebracht. 1997 ist der heute 46-Jährige ausgestiegen aus der Umzieherei: er kam in Mainz an, um zu studieren und er blieb. Fast 20 Jahre ist das her. Bislang plagt ihn nicht der Gedanke, hier weggehen zu müssen – obwohl er gerne in anderen Städten unterwegs ist, auch im europäischen Ausland, am liebsten, um dort Freunde zu besuchen. Freunde, Menschen überhaupt: Marc Bockholt liebt die Kommunikation. Wie gut, dass er als Selbständiger in seiner Agentur damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Auftakt für den Sprung ins aktive Mainzer Fastnachtsgeschehen (ohne zu wissen, dass es der Auftakt wird) war der Prinzessinnenball. »Wir wollten etwas schwul-lesbisches machen, zusätzlich zur Sommerschwüle eine Veranstaltung im Winter, da kam Stefan Schwabe die Idee mit diesem Verhohnepipeln der klassischen Miss-Wahlen in den USA als Prinzessinnenwahl, bei der jede und jeder antreten kann.« Das war 2006. Während der KUZ-Renovierung musste der Prinzessinnenball pausieren. Am 19. Januar 2019 erobert sich die queere Szene mit der elften Auflage das KUZ zurück. Zurück kommt auch Stefan Schwabe, jedenfalls um wie gewohnt das Ballgeschehen zu moderieren.

Tradition mit anderen Akzenten

Marc Bockholt organisiert gerne und schon lange. In der Schule als Klassen- und Schulsprecher die Schulfeten, beim Jugend-Rot-Kreuz das eine und das andere, die Sommerschwüle im KUZ, er steckt hinter der Orga des Prinzessinnenballs und als Präsident der »Rosa Käppscher« organisiert er die Sitzungen des Fastnachtsvereins – mit. Mit: das ist ihm wichtig. Ohne die tatkräftige Unterstützung all der Mitstreiter/-innen, Homos wie Heteros, gäbe es in Mainz keine rosa Fastnachtssitzungen – die allerdings aus Mangel an geeigneten Mainzer Veranstaltungsräumen in Ginsheim stattfinden (beide Sitzungen 2019 sind schon lange ausverkauft).

Fastnachtsgerecht wurden die »Rosa Käppscher« am 11.11. aus der Taufe gehoben, 2013 war das. In der 2014er Kampagne organisierten die Männer und Frauen die erste »Rosa Sitzung« – die mit 200 Gästen direkt ausverkauft war! Zweimal 400 Gäste genießen mittlerweile das Spektakel mit der üppigen Dekoration, feiern Büttenredner wie Gesangsdarbietungen ausgelassen und fröhlich. »Unsere Sitzungen orientieren sich an den Traditionen der Mainzer Fastnacht, aber wir streuen hie und da andere Akzente ein«, so Bockholt. Mal steht eine Zaubershow mit einer Dragqueen auf dem Programm, mal zwei Burlesque-Tänzerinnen oder ein klassischer Gardetanz – dargeboten von den Pink Tigers aus Frankfurt sicher ein besonderer Augenschmaus.

Und sonst? Sport – das sei nicht sein Thema, wobei Marc Bockholt als Alltagsradler viel mit dem Zweirad unterwegs ist. Kochen mit dem Freund, Lesen – ja das auch, aber am liebsten macht er etwas mit anderen zusammen. Kommunizieren eben oder babbeln, auf meenzerisch.

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Mainzer Kopf: Eine Bereicherung des Lebens

Eine Gratwanderung zwischen Helfen und Bevormunden sei ihr Engagement, sagt Claudia Ahlers. Seit 2015 koordiniert sie die Ehrenamtsarbeit in der Flüchtlingsunterkunft Zwerchallee.

»Es hat sich viel geändert, die Anforderungen sind aktuell ganz andere als 2015.« Damals war es wichtig, die Ankommenden mit Essen zu versorgen und Deutschkurse zu organisieren: »Wir haben im ›Katastrophenmodus‹ gearbeitet«, erinnert sich Claudia Ahlers. Längst ist es wichtig, die Menschen in ihrem Alltagsleben zu begleiten und vor allem die Kinder zu unterstützen und zu fördern. »Auf den Kindern liegt unser Hauptaugenmerk.« 140 Kinder im Alter von 0 bis 18 Jahre leben in der Flüchtlingsunterkunft Zwerchallee.

Ausflüge zu organisieren, ist so eine Aufgabe, bei der auch die Fähigkeit, Mittel zu akquirieren gefragt ist. »Wenn wir mit den Kindern nach Frankfurt in den Zoo fahren wollen, müssen wir zuerst Fahr- und Eintrittsgeld über Spenden beschaffen.« Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung zu organisieren, die Bewerbungen für die Schul-Stipendien des Bistums Mainz zu betreuen und immer wieder die – möglichst kostenlose – Teilnahme an Veranstaltungen zu arrangieren, sind weitere Aufgaben der Ehrenamtlichen und ihrer Koordinatorin. »Wir wollen die Kinder so oft wie möglich aus der Zwerchallee rausholen, damit sie unser Alltagsleben kennenlernen«, sagt Claudia Ahlers. Aktuell sind die Ehrenamtlichen mit der Weihnachtsgeschenke-Aktion beschäftigt. Die Kinder schreiben Wunschzettel, die werden an Unternehmen weitergeleitet, die bei der Spenden-Aktion mit­machen.

Claudia Ahlers ist 1949 in Norddeutschland geboren, ihre Eltern, aus Oberschlesien und Sachsen stammend, waren dort Flüchtlinge. »Wir mussten als Flüchtlingskinder in der Schule immer in der letzten Reihe sitzen, ich erinnere mich, wie sich das anfühlt.« Nach Mainz kam sie 1983 mit Mann und Tochter und arbeitete 22 Jahre lang als Außenhandelskauffrau bei einem internationalen Logistiker am Frankfurter Flughafen.

Eher zufällig ist Claudia Ahlers in die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit in Mainz geraten. 2014 engagierte sie sich im MUMM-Projekt der damals noch bestehenden Ehrenamtsagentur und brachte Unternehmen mit sozialen Einrichtungen zusammen. Dabei organisierte sie auch ein Projekt für die von der »Stiftung Juvente Mainz« betreute Flüchtlingsunterkunft in der Zwerchallee. Im Sommer 2015 war das Projekt erfolgreich beendet und »Juvente« suchte eine Koordinatorin für ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit. Claudia Ahlers sagte ja.

Die Ankommenden begleiten

»Ich sehe mein Ehrenamt auch als eine politische Arbeit, bei der ich, wie alle anderen, viel lerne, wie soziale Einrichtungen funktionieren und Netzwerken, zum Beispiel. Außerdem überlege ich mir, wie wird unsere Gesellschaft in 20 Jahren aussehen, werfen uns unsere Enkelkinder einmal vor, wir hätten uns zu wenig engagiert?« Die Begegnung mit den Flüchtlingen sei nicht immer konfliktfrei, stellt sie fest, aber: »Sie treffen unter den Flüchtlingen ganz unterschiedliche Menschen an, manche sind sehr gebildet andere gar nicht – ein Querschnitt der Bevölkerung, wie bei uns auch.« Außerdem hält sich Claudia Ahlers vor Augen, wie das wohl wäre, wenn sie hier alles aufgeben und ganz allein in, zum Beispiel, einem arabischen Land leben müsste. »Ich denke immer daran, das sind Menschen aus anderen Kulturkreisen. Wer sich darauf einlässt, macht gute Erfahrungen und erlebt das als Bereicherung seines Lebens.«

Zurzeit arbeitet Claudia Ahlers in der Zwerchallee mit 30-35 Ehrenamtlichen zusammen, dazu kommen diejenigen, die eine Patenschaft für eine Familie übernommen haben: »Wir brauchen dringend weitere Mitstreiter/-innen, um den Ankommenden den Weg in unsere Gesellschaft zu erleichtern.« Als begeisterte Fotografin widmet sich Claudia Ahlers mit der Kamera gerne bildlichen Details – ohne die Hintergründe aus den Augen zu verlieren. Ein Blickwinkel, der sie auch durch ihr Engagement für die Flüchtlinge zu begleiten scheint und ihr viele Anregungen, Einsichten und neue Freundschaften verschafft.

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Mainzer Kopf: Beschädigte begleiten

»Wir lachen auch oft, trotz des Schmerzes«, sagt die Trauerbegleiterin Tatjana Ohlig. Sie unterstützt Eltern, die ein Kind verloren haben und Kinder nach dem Tod von nahen Angehörigen.

Trauer – Trauern: ein Thema, das glücklicherweise allmählich wieder Platz findet in unserem Alltag. Der Verein »Trauernde Eltern & Kinder Rhein-Main e.V.« leistet mit seiner Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen dazu einen Beitrag. Trauerbegleiterinnen bieten im Auftrag des Vereins ganz konkrete Unterstützung an.

»Trauernde sind nach einem schweren Verlust beschädigt, sie sind ohnmächtig – das passt nicht in die Zeit«, sagt Tatjana Ohlig. Unsere Gesellschaft habe sich so entwickelt, dass Schwächen nicht toleriert würden. »Trauernde erkennen sich selbst oft nicht wieder, sie müssen sich selbst neu kennenlernen, das kann lange dauern und stößt oft auf Unverständnis.«
Tatjana Ohlig begleitet Trauernde seit elf Jahren für den Verein, seit neun Jahren bietet sie Trauer- und Traumatherapie auch in ihrer Praxis in Wiesbaden an. Ursprünglich arbeitete die Diplom-Psychologin in der Wissenschaft. Eine schwere Verlusterfahrung veränderte ihr Leben. Durch Weiterbildungen qualifizierte sich die 53-Jährige in Trauer- und Traumatherapie und als Trauerbegleiterin.

Das Miteinander ist oft schwer

Im Verein »Trauernde Eltern & Kinder Rhein-Main e.V.« arbeitet sie als Trauerbegleiterin auf Honorarbasis. Das reduzierte Honorar wird meist nicht von den Klienten selbst aufgebracht, sondern durch die Spenden an den Verein finanziert.

»Wenn Erwachsene um ein Kind trauern, waten sie lange durch seichtes Wasser, während trauernde Kinder von Pfütze zu Pfütze hüpfen: das macht das Miteinander von trauernden Eltern und trauernden Kindern oft so schwer«, weiß die Trauerbegleiterin. Kinder könnten gar nicht kontinuierlich trauern, sie trauerten auf Raten, Eltern dagegen trauerten hin zu mehr Stabilität.

Am liebsten am Rhein

»Menschen, die mich außerhalb meiner Arbeit kennenlernen, können oft gar nicht glauben, dass Trauer mein Berufsthema ist«, sagt Tatjana Ohlig. Häufig ist sie mit dem Camper unterwegs, überhaupt steht Reisen auf ihrer Lieblingsbeschäftigungs-Liste ganz oben. Gefolgt von Kochen und Bewegung an der frischen Luft. »Ich würde mich nicht als sportlich bezeichnen, aber ich bin gerne mit dem Fahrrad unterwegs oder gehe walken, am liebsten am Rhein.« Geboren ist Tatjana Ohlig im Rheingau und wohnt nach einigen Jahren in Heidelberg und in Rheinhessen wieder dort.

Die Trauerbegleiterin erklärt ihre Arbeit häufig in Bildern, sie ist sich der unterschiedlichen Bedeutungen von Worten sehr bewusst und setzt sie entsprechend ein: Einen Verlust hinnehmen, zum Beispiel. Das Verb annehmen vermeidet sie in diesem Kontext und verdeutlicht die Unterschiede der beiden Begriffe mit Blick auf einen Trauerprozess. »Wenn ein Kind stirbt, meinen Eltern, die Welt bleibt stehen, sie haben keine Zukunft mehr, das Leben, das sie hatten ist vorbei – das müssen sie hinnehmen«, erklärt Tatjana Ohlig.

Sie verbringt fast jeden Tag viele Stunden mit Menschen, die trauern, die leiden, die vielleicht nicht weiterleben wollen: »Ich habe vor den Emotionen keine Angst, in unseren gemeinsamen Stunden kann alles erzählt werden.« Angst hat Tatjana Ohlig auch nicht vor weinenden Menschen, sie kann damit umgehen, kennt die Techniken, um sich in solchen Prozessen selbst zu stabilisieren. Trotz der Trauer werde in diesen Therapien auch viel gelacht und jede einzelne Begegnung mit den Menschen gebe ihr sehr viel. »Es passiert, dass ich kurzzeitig selbst traurig werde, aber ich bin im Umgang mit den Klienten sicher, ich kann auf meine Erfahrungen, mein Wissen, mein erlerntes Instrumentarium zurückgreifen.« So gelingt es ihr auch, die Trauer nicht als Belastung mit nach Hause zu nehmen. »Ich denke häufig an meine Klienten – mir fällt dann ein, was sie alles schon geschafft haben, wie weit sie gekommen sind und was sie erreicht haben.«

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Informationen: www.eltern-kinder-trauer.de



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Mainzer Kopf: Achtung & und Respekt vor der Kreatur

Christine Plank ist seit fünf Jahren Vorsitzende des Tierschutzvereins Mainz und Umgebung e.V., dem Trägerverein des Mainzer Tierheims. Sie weiß, Tiere zu lieben reicht nicht aus, damit es ihnen gut geht.

Sie ist gebürtige Mainzerin und regelrecht verliebt in diese Stadt. Obwohl oder weil Christine Plank auch schon andernorts gelebt hat: in Düsseldorf während ihrer Ausbildung zur Versicherungskauffrau, in New York, während sie Jura studierte. Mit Tieren sei sie groß geworden, erzählt die knapp 50-Jährige, vor allem mit verletzten Tieren. Als Kind habe sie die mit nach Hause geschleppt, denn, die Tiere mussten doch wieder gesund werden. Irgendwann hatte sich im Elternhaus dann auch eine Katze eingefunden – die nicht mehr weg wollte. Seither lebt in ihrer unmittelbaren Nähe immer eine Katze.

Christine Plank hat Achtung und Respekt vor der Kreatur und einen Blick, für das, was Not tut. Den Kater mit der verletzten Pfote, den sie im Griechenland-Urlaub entdeckte, brachte sie mit nach Deutschland. »Das bedeutet schon etwas Arbeit, ein bis zwei Urlaubstage sind nötig, um die entsprechenden Papiere zusammen zu bekommen und eine Fluggesellschaft zu finden, die Tiere transportiert. Aber wer wirklich helfen will, macht das dann auch.«

Zum, bzw. in den Mainzer Tierschutzverein kam Christine Plank eher zufällig. Sie wollte eine Weihnachtsspende machen, kam im Tierheim ins Gespräch und schon war sie als Hunde-Ausführerin und als neues Mitglied gewonnen. Das war 2011. Zwei Jahre später war sie bereits Vorsitzende und ist es bis heute. Ihre Aufgabe ist es, den Verein nach innen und außen zu vertreten – seit fünf Jahren. Sie wickelt Erbschaften ab, kümmert sich um Personal und Mitglieder, ihr Sachverstand als Juristin ist sehr hilfreich. Wöchentlich kommt sie auf 20 Stunden ehrenamtlichen Einsatz für das Tierheim, bzw. für den Tierschutzverein, schätzt sie. Wobei die »praktische« Arbeit leider zu kurz komme, bedauert sie. Sechs Jahre lang hat Christine Plank Tierheim-Hunde ausgeführt. Für einen sogenannten Listenhund, einen American Staffordshire Terrier, mit dem sie sogar in die Hundeschule ging, fand sie ein »traumhaftes Zuhause«.

Was ist die beste Tier-Mensch-Kombi?

Ist für den Hund »traumhaft«, was Menschen so bewerten, Frau Plank? »Leben Hunde in einer Umgebung, in der sich Menschen mit ihnen intensiv befassen, geht es den Hunden gut«, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. Natürlich ist Tierschutz im Verein wie im Heim das große Thema. »Unsere Aufgabe ist es aufzuklären: Hamster in Minikäfigen, das ist nicht gut für den Hamster und damit auch nicht für den Mensch, denn der Hamster, übrigens ein nachtaktives Tier, wird in dem kleinen Käfig nicht artgerecht gehalten.«, nennt sie ein Beispiel.

Mit 4.500 Mitgliedern sei der Tierschutzverein der zweitgrößte Verein in Mainz. »Wir sind ein tolles Team, die Zusammenarbeit mit der Leiterin, Vanessa Kappesser und allen Angestellten klappt prima.« 17 Mitarbeiter/-innen versorgen die derzeit etwa 300 Tiere, davon etwa 100 Wildtiere: hauptsächlich verletzte Vögel, aber auch Eichhörnchen und andere Kleintiere. Die verletzten Tiere werden aufgepäppelt und dann wieder in die Freiheit entlassen.

Christine Plank bezeichnet das Tierheim auch als einen Dienstleister: »Wir suchen bei jeder Vermittlung nach der besten Tier-Mensch-Kombi. Wer hierher kommt, wird entsprechend beraten, kann ein Tier mehrmals besuchen, mit dem Hund z.B. Gassi gehen und sehen, ob er oder sie zu dem Tier passt und umgekehrt.« Christine Plank arbeitet bei einer Versicherung in Frankfurt, den größten Teil ihrer Freizeit beansprucht der Mainzer Tierschutzverein – bleibt da noch Zeit für Anderes? »Für Sport auf jeden Fall, ich rudere einmal die Woche auf dem Rhein, ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und mit Freunden wandern.« Sogar für die Couch reiche das Freizeitbudget manchmal noch, bekennt sie.

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Info: Am 9.9.18, von 10:30-17 Uhr lädt das Tierheim Mainz in der Zwerchallee zum Sommerfest, »Tag der offenen Tür«, ein.




Ewald Dietrich

Mainzer Kopf: Für die Kinder arbeitet er weiter

Ewald Dietrich wird am 31.12.2018 in den Ruhestand gehen.Teilweise zumindest. Dann endet seine Zeit als Geschäftsführer des Mainzer »unterhaus«. Seine Arbeit für Kinder in Ruanda und Thailand setzt er fort.

 

Bekannt ist er. Auch wenn er nicht immer im Vordergrund steht. Wer in Mainz für das »unterhaus« zuständig ist, muss viele Menschen kennen. Vor allem, wenn sein Job die Finanzen dieser Mainzer Kleinkunst-Institution betreffen. Als Ewald Dietrich vor 15 Jahren die Geschäftsführung übernahm, lautete sein Ziel (und das der »unterhäusler« Artur Bergk, Renate Fritz-Schillo, Ce.Ef. Krüger), den Schuldenberg der Kleinkunstbühne abzutragen. Nun, kurz vor seinem 60. Geburtstag im Juli und sechs Monate, bevor Ewald Dietrich in den »unterhaus«-Ruhestand geht, stehen nicht die Finanzen im Vordergrund, sondern die Regelung seiner Nachfolge. Das »unterhaus« ist ein Baby, das er von kundigen Händen umsorgt und entwickelt wissen will. Womit wir vom »Baby« zu den Kindern wechseln. Die müssen ebenfalls umsorgt werden, sie brauchen eine gute Ausbildung, um auf eigenen Füßen stehen zu können. Es geht um Kinder, die nicht das Glück haben in deutschen Landen auf die Welt gekommen zu sein.

1990 gründete Ewald Dietrich Human Help Network (HHN). Seit 28 Jahren ackert er in seiner Freizeit für Kinder in Ruanda und in Thailand. Dort wirkt HHN mit zwei etablierten Kinderschutzprogrammen. Bildung und Ausbildung sollen vor allem denjenigen zuteilwerden, die gar nichts haben, die auf der Straße leben. »Ich werde oft vor Ort angesprochen von Menschen, die mir erzählen, dass ich vor x Jahren dafür gesorgt habe, dass sie eine Ausbildung erhalten. Und dann präsentieren sie mir stolz ihre Familie, die sie selbst ernähren.« Das sei sein »Lohn«, sagt Ewald Dietrich. Sein gesamtes Engagement für die Kinder in Ruanda und in Thailand leistet er unbezahlt. Was nur funktioniert, weil seine Familie das mitträgt. Z.B., dass im Durchschnitt 50 Tage im Jahr das gemeinsame Frühstück zuhause ausfallen muss, weil der Ehemann und Vater mal wieder in Asien und Afrika unterwegs ist.

Nachfolgeregelungen

Zurzeit ist eine Findungskommission dabei, Bewerbungen für die »unterhaus«-Geschäftsführung zu sichten. Deutschlandweit seien 700 Agenturen informiert. Brücken schlagen zwischen der Wirtschaftlichkeit und dem kulturellen Anspruch, das müsse der oder die Nachfolger/-in unbedingt können, weiß Dietrich. Das Unterhaus müsse 80% seines Jahresumsatzes erspielen, gleichzeitig aber ein anspruchsvolles Programm anbieten und unbekannten Künstlern eine Bühne bieten. Wird ihm die Arbeit fehlen? »Nö. Alles hat seine Zeit. Ich habe dann 45 Jahre gearbeitet, das reicht.« Wobei das nicht ganz stimmt. Für seine »Passion« arbeitet er weiter. Die nächsten drei Schulen in Ruanda müssen gebaut werden, in den Stiftungen und Kinderschutzprogrammen ist die neue Leitungs-Generation auf die Nachfolge vorzubereiten. Damit Ewald Dietrich auch hier irgendwann loslassen kann. Die Verantwortung, die er trägt ist immens. In Ruanda profitieren in 300 Haushalten 800 Buben und Mädchen von Dietrichs Arbeit. In Thailand sind es 200 Buben und Mädchen und er kämpft gegen Kindesmissbrauch und Kinderhandel. Außerdem gelte es Löhne und Gehälter für fast 70 Menschen in Ruanda und Thailand zu sichern.

Zu tun hat er also ab dem 1.1.2019 genug. Zurzeit trägt er für elf juristische Personen die Verantwortung für die Finanzen von Stiftungen und Vereinen, zwei gibt er ab, bleiben neun, um seinen »Ruhestand« zu gestalten. Wie er das alles, auch gesundheitlich schafft? »Ich habe gute Gene, ich lasse mich nicht unterkriegen und mein tägliches Gymnastikprogramm sorgt für eine gute Kondition.« Es ist kaum zu glauben, aber Ewald Dietrich kann auch gar nichts machen: im Urlaub. Drei Wochen am Stück. Es sei ihm gegönnt. Zum 60. Geburtstag wünscht DER MAINZER auf diesem Wege: Herzlichen Glückwunsch!

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Mainzer Kopf: Wer heimische Pflanzen sät, erntet Schmetterlinge

Ein »geborener« Gärtner ist Karlheinz Endres nicht. Aber einen »grünen Daumen«, den hat er. Kein Wunder. Seit 14 Jahren bepflanzt und hegt er mit anderen zusammen den Naturschaugarten Lindenmühle.

Es war Zufall. Oder auch nicht. In den 1990er Jahren suchte Karlheinz Endres nach einem Ausgleich für seinen anstrengenden Drei-Schicht-Dienst als Fachkrankenpfleger in der Intensiv-Medizin der Mainzer Uniklinik. Er wollte sich ehrenamtlich betätigen und dabei umschalten – nicht abschalten. 1997 war die Zeit, in der sich in Mainz die Lokale Agenda 21 mit verschiedenen Arbeitskreisen etablierte. Karlheinz Endres wandte sich dem AK »Naturnahes Grün« zu. »Wir waren ein Dutzend Frauen und Männer und wollten ein öffentlich zugängliches Gelände naturnah grün gestalten – aber niemand war gelernter Gärtner, was sich als großer Vorteil herausstellte«, erinnert sich Endres. Die Gruppe dachte über einen »Naturgarten« nach und machte sich kundig. Vieles haben sie sich angelesen, ihr Wissen untereinander ausgetauscht. Bei der Stadt Mainz stieß das Vorhaben auf offene Ohren, sie stellte eine Fläche nahe der Straßenbahnhaltestelle Lindenmühle in Bretzenheim zur Verfügung.

Die AK-Mitglieder vermieden bei der Gestaltung alles, was noch in den 90er Jahren im Gartenbau Usus war: Im Naturschaugarten gibt es keine eckigen Wege, es wird nicht gedüngt, nicht bewässert und nicht gespritzt, der Rückschnitt von Stauden und Gehölzen ist begrenzt. Das Wichtigste aber aus Sicht von Karlheinz Endres ist die Anpflanzung von ausschließlich einheimischen Arten. »Dazu mussten wir als erstes die Exoten auf der Wiese, hauptsächlich die kanadische Goldrute beseitigen.« Die Pflanze sei zwar schön anzuschauen, verdränge aber alles andere. Unterstützung fanden diese Maßnahmen durch das Versickerungskonzept, das die Stadt Mainz umsetzte. Es bildete die Grund-Modulierung des Gartens, die obere, mit den Wurzeln der Goldrute verwucherte Erdschicht wurde vollständig abgetragen, damit heimisches Saatgut und Gewächse gedeihen können. »Wir wollten möglichst viele Lebensräume schaffen, das Konzept berücksichtigt außerdem, welche Pflanzen zusammen passen.« Auch bei den Baumaterialien griffen die Naturgärtner-/innen auf Einheimisches zurück: die Bruchsteine für den Lebensraum von Eidechsen und Wildbienen stammen aus einem alten Bauernhaus in Flomborn, der Schiefer für den Bachlauf aus Rheinböllen.

Natur für alle Sinne

Das war 1994. »Wir haben dann in den Folgejahren Stück für Stück, immer entsprechend der über Spenden und Sponsoren zur Verfügung gestellten Gelder den Garten so gestaltet, wie er sich heute zeigt: ein Naturgarten, in dem es viel zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu fühlen gibt.« Natur mit allen Sinnen erleben ist das Fundament – und spiegelt die Haltung von Karlheinz Endres wider. Zeit in der Natur verbringen, sich auf sie einlassen und natürliches Wachsen unterstützen. Dazu braucht es Interesse, Verständnis und die Bereitschaft, selbst Hand anzulegen. »Die Fläche aller Gärten in Deutschland übersteigt die Fläche aller Naturschutzgebiete«, nennt Endres ein Beispiel. Würden alle Gärten naturnah begrünt, entstünden nahezu automatisch die natürlichen Korridore, die so viele heimische Tier- und Pflanzenarten zum (Über-)Leben brauchten.

Der Naturschaugarten spielt in der Freizeit von Karlheinz Endres eine große Rolle – zeitlich, wie inhaltlich. Dem 62-Jährigen ist das Erleben in der Natur ein Anliegen. Dieses »Umschalten«, das für ihn Entspannung und Anregung darstellt, gelingt Karlheinz Endres auch beim Wandern und Radfahren – wenn er »Flüsse sammelt« zum Beispiel. Heißt, mit dem Fahrrad entlang der großen und kleinen deutschen Flüsse die Natur genießen.

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Am 10.6.18, ab 14 Uhr findet im Naturschaugarten Lindenmühle das »Blütenfest« statt. www.mainz-naturnah.de



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Mainzer Kopf: Mit dem Herzen dabei

Seit drei Monaten ist Jörg Hormann hauptberuflich Citymanager in Mainz. Er wirkt aufgeschlossen, kompetent und ehrlich. Gute Voraussetzungen, um Interessen auszubalancieren und dennoch die Innenstadt auf Trab zu bringen.

Wolfsburg war die erste Station im Leben von Jörg Hormann. Dort ist er 1981 geboren, dort hat er die Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation gemacht und angefangen in der Wirtschaftsförderung zu arbeiten. Die gleiche Aufgabe, mit anderen Schwerpunkten, erledigte er sieben Jahre lang in Heidelberg. Dann folgten zweieinhalb Jahre als Citymanager in Coburg. Der Wechsel von dort nach Mainz fand »der Liebe wegen« statt. Im Herbst 2017 begann seine Freundin in Frankfurt zu studieren, eine Fernbeziehung erschien den Beiden nicht wirklich attraktiv. In dieser »Findungsphase«, wie Jörg Hormann sie nennt, entdeckte er in einem Branchenblatt die Stellenanzeige für den Citymanager in Mainz. Er bewarb sich und seit 1. Januar 2018 agiert der 36-Jährige als Nachfolger von Walter Strutz – oder doch nicht so ganz, denn Jörg Hormann ist hauptberuflich unterwegs.

Der Mainzer Citymanager lebt mit seiner Freundin in Frankfurt. Dort war es einfacher eine passende Wohnung zu finden. Das soll nicht unbedingt so bleiben, denn er ist überzeugt: »Eine Stadt muss man fühlen können.« Dazu gehöre das abendliche Ausgehen genauso wie das Glas Wein beim Treffen mit Engagierten. Wer, wie er mit dem Auto pendelt, muss sich das versagen. In den ersten sechs Wochen seiner Amtszeit hat Hormann 78 Termine absolviert. Ob er tatsächlich schon alle Akteure kennengelernt hat, die in Mainz irgendwie mit der Stadtentwicklung befasst sind, kann er noch nicht sagen.

Auf die Frage, wie er Citymanager geworden sei, sagt Hormann: »Mit Glück und mit Fleiß.« Zum Glück gehört, dass Vorgesetzte erkannten, er sei der geeignete Mann für die anstehenden Aufgaben. Zum Fleiß gehört, dass er alles von der Pike auf gelernt hat. Er übernahm schon Aufgaben eines Baustellenmanagers, organisierte umfangreiche kommunale Jubiläumsveranstaltungen, beteiligte sich an der Entwicklung von Sanierungs- und Leerstandskonzepten, weiß die Werkzeuge für einen onlinekompetenten Einzelhandel zu vermitteln. Berufsbegleitend hat er ein Studium zum »Wirtschaftsförderer« absolviert, allerdings: »Citymanager, den kann man nur richtig gut machen, wenn man mit dem Herzen dabei ist.«

Wobei seine »Kernkompetenzen« hilfreich sind: Kommunikation inklusive persönlicher Ansprache und Vernetzung von Händlern, Konflikte entemotionalisieren, verlässlich und ehrlich sein. Für all das brauche man eine gewisse Veranlagung, meint der Citymanager. Außerdem müsse man in der Lage sein, eigene Fehler einzugestehen. Zudem verbringt Hormann gerne ein paar Stunden »auf der Straße«, heißt bei den Menschen, die Innenstadt gestalten. »Ich weiß, was ich kann, ich habe es in Heidelberg und Coburg unter Beweis gestellt«, gibt sich der Citymanager selbstbewusst. Er kennt die Herausforderung für den inhabergeführten Einzelhandel und für die Innenstadtentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung. Er weiß auch um die vielseitigen Aktionsmöglichkeiten eines Citymanagers – um konkrete Projekte zu benennen, wie, mit welchen Ideen er in Mainz unterstützend tätig werden kann, ist es aus seiner Sicht noch zu früh. Nach der Mitgliederversammlung von Mainz Citymanagement e.V. im April werde man klarer sehen.

Freizeit – auch ein Citymanager, der sich oft abends mit Gesprächspartnern trifft, hat manchmal frei. Diese Zeit verbringt Jörg Hormann am liebsten mit seiner Partnerin: schön ausgehen, zusammen kochen, den kleinen Garten hegen. »Gemeinsam Schönes genießen«, fasst er zusammen. Außerdem wartet sein Mountainbike darauf, bewegt zu werden, ein paar Umzugskisten wollen ausgeräumt werden. Wobei, die könnten vielleicht noch warten, bis sie nach Mainz transportiert worden sind.

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Sophie Holzhüter

Mainzer Kopf: Im Gespräch mit Jesus Christus

Am 10. März findet in der Mainzer Augustinerkirche wieder »Nightfever« statt. Sophie Holzhüter ist seit 2014 in dieser Gebetsbewegung junger Christen in der katholischen Kirche aktiv. Ein Leben ohne eine Beziehung zu Jesus Christus kann sie sich nicht vorstellen.

Das erste Nightfever fand im Oktober 2005 in Bonn statt. Mittlerweile gibt es diese offenen Gebetsabende, die, von Papst Franziskus initiiert, im Rahmen der »24-Stunden-für-Gott Aktion« stattfinden, in über 80 deutschen Städten. Sie laden ein, an einem Abend Gott und Jesus Christus zu begegnen – emotional, spirituell. Etwa viermal im Jahr organisiert in Mainz eine Gruppe jüngerer katholischer Frauen und Männer, unterstützt vom Subregens des Bischöflichen Priesterseminars, Pfarrer Markus Lerchl, diese Veranstaltung. Sophie Holzhüter schloss sich 2014 der Vorbereitungs-Gruppe an.

Die 25-Jährige ist in Aachen geboren, in Köln aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach der Ausbildung zur Kinderpflegerin begann sie 2014 ihr Studium an der JGU Mainz. Zurzeit studiert Sophie Holzhüter an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt katholische Theologie. Ihr Berufsziel heißt: Pastoralreferentin, also Seelsorgerin. In Mainz lebt sie mit fünf Frauen in einer katholischen Wohngemeinschaft zusammen.

Jedes Nightfever beginnt mit einer Eucharistiefeier, einem katholischen Gottesdienst mit Abendmahl. Danach wird das Allerheiligste ausgesetzt, was bedeutet, eine geweihte Hostie wird in einer Monstranz zur Anbetung auf den Altartisch gestellt. Die Kirche ist dunkel, nur von Kerzen erleuchtet. Abwechselnd gestalten junge Katholiken ein Programm aus Musik, gemeinsamem Singen und Beten.

Sophie Holzhüter wurde durch ihre Familie schon früh an den katholischen Glauben herangeführt und mit den katholischen Riten vertraut. Gebetet wurde vor dem Essen und abends, Sophie und ihre jüngere Schwester waren Messdiener, sie sangen im Kinder- und Jugendchor der Gemeinde, besuchten auch Gottesdienste in der Schule. In der Vorbereitung auf die Firmung lernte Sophie Holzhüter als 15-jährige den Rosenkranz zu beten: »Anfangs tat ich mich schwer damit, je mehr ich darüber erfuhr, umso leichter fiel es mir – längst ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden.«

Das macht etwas mit mir

Mit dieser Selbstverständlichkeit im Glauben laden die jungen Katholik/-innen beim Nightfever Passanten ein, in die Kirche zu kommen und eine Kerze anzuzünden: »Die Menschen lassen sich meist von dieser ganz besonderen Atmosphäre anziehen, sie tauchen in sie hinein, lassen sich emotional einfangen und es gibt es immer wieder Begegnungen, die überraschen«, erinnert sich Sophie Holzhüter z.B. an Menschen, die nach einem solchen Nightfever-Besucher berichteten, da sei etwas in ihnen passiert. Glauben bedeutet für Sophie Holzhüter, eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus aufzubauen und zu leben: »Wenn ich bete, das macht etwas mit mir, es ist eine emotionale Bindung. Es macht auch etwas mit meinen Mitmenschen, ich bete auch für deren Anliegen. In der Gemeinschaft stützen wir uns gegenseitig durch Gebete für­einander.«

Ihr Gebetsrhythmus ist nicht an feste Zeiten gebunden, sie gestaltet ihn selbst und betet am liebsten beim Spazierengehen oder in der Ewigen-Anbetungs-Kapelle. »Während der Hektik im Alltag gelingt mir die Zwiesprache mit Jesus Christus nicht so gut.« Dieses Glaubensleben braucht Zeit – und Raum: Stille ist ihr wichtig. Sophie Holzhüter sucht sie – und findet sie, z.B. in der Natur. Nicht ganz so still ist es, wenn sie tanzen geht. Opern- und Schauspielaufführungen gehören ebenfalls zum Freizeitprogramm und sie schwimmt gerne.

Bis Ostern, in der Fastenzeit hat sich Sophie Holzhüter vorgenommen, noch mehr Zeit für Gebete und Stille aufzubringen.

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www.mainz.nightfever.org



Dr. Gabriele Ackermann

Mainzer Kopf: Durchmarsch ins Präsidentenamt

Eine Frau, keine gebürtige Mainzerin also auch nicht mit den Honoratioren der Mainzer Fastnacht verbandelt und einen Doktortitel – das klingt nicht gerade nach idealen Voraus­setzungen, um an vorderster Front einer Fastnachts-Garde zu stehen, oder?

Dr. Gabriele Ackermann schaut bei dieser Frage – ernst. Viel lieber lacht sie – herzlich. Geboren ist die 46-Jährige in Kandel, in der Südpfalz. Nach Mainz kam sie wegen des Studiums; wobei studieren hätte sie auch woanders können, aber Mainz liegt innerhalb eines »Abschlepp-Radius« von 150 KM. Die alten Autos, die sie damals fuhr, gaben öfter den Geist auf und mehr als 150 KM Abschleppen wollte sie ihrer Familie in Hagenbach nicht zumuten.

Studiert hat sie Geographie und VWL, jobbte nebenher bei einem Unternehmensberater, für den sie nach ihrem Diplom in Berlin arbeitete. 2010 wechselte sie innerhalb des Unternehmens nach Bonn: »Da war auch meine sportliche Hochphase.« Gabriele Ackermann fuhr Radrennen, was ihr großen Spaß machte aber: »Ich mag kein Blut an den Ellenbogen und ich gewinne nicht gern auf Kosten anderer, in dem ich riskiere, dass sie stürzen.«

Sie kam,sah und fing an zu schaffen

Das Rad als Sportgerät blieb bis heute, nur ist es jetzt ein Mountainbike mit dem sie am Wochenende durch die Hochheimer Weinberge fährt. Ach so, die Präsidentin einer Mainzer Fastnachtsgarde, deren Sitz auf der »ebsch Seit« ist, wohnt auch in Mainz-Kostheim.

2003 wechselte Gabriele Ackermann in die Mainzer Stadtverwaltung als Abteilungsleiterin Wirtschaft im Amt für Wirtschaft und Liegenschaften. Sie blieb bis 2010 und leitete dann für dreieinhalb Jahre die Public Affairs-Abteilung des Projektentwickler JUWI: »Das Thema Nachhaltigkeit liegt mir sehr am Herzen.« Ihre nebenberufliche Promotion beendete sie 2012 an der Mainzer Uni. Thema der Dissertation: »Erfolgskontrolle in der kommunalen Wirtschaftsförderung – Analyse und Modifikation einer fragwürdigen Forderung«. Anfang 2015 schließlich der Wechsel zu ihrem heutigen Arbeitgeber, der »einzigen umweltzertifizierten Krankenkasse Deutschlands«. Gabriele Ackermann ist Bereichsleiterin für das strategische Management: »Das mache ich gerne: Managen mit einer langfristigen Strategie.« Zwischendurch hielt sie Lehrvorträge an verschiedenen Hochschulen und war zeitweise kooptiertes Vorstandsmitglied der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz.

In die Fastnacht stieg sie erst 2015 ein, als Senkrechtstarterin mit andauerndem Höhenflug. Gabriele Ackermann sah die Uniform der Kostheimer Husaren und wollte genau die auch anziehen. Kein Problem. Mitglied in einem Fastnachtsvereine zu werden ist nicht schwer. Nur stand der »Carneval Club Rote Husaren« damals kurz vor dem Aus. Dem Verein war die Gemeinnützigkeit aberkannt worden. In Ackermann erwachte die »strategische Managerin«. Sie wurde als Präsidentin vorgeschlagen und gewählt, brachte in emsiger Fleißarbeit mit ihren Mitstreitern die Finanzen des Vereins in Ordnung, das Engagement auf Trab und packt überall an, wo es nötig ist. Nach gut zwei Jahren ist es geschafft: Der C.C.KRH kann sich wieder sehen lassen, nicht nur der schmucken Uniformen wegen. Am Neujahrstag demonstrierte der Verein mit der Narrenkette über den Rhein die Verbindung zur Fastnachts-Mutter Mainz und am 2. Februar wird der 66. Geburtstag gefeiert.

Interessenvertretung

Als logisch bezeichnet Gabriele Ackermann, dass sie von Anfang an auch in der sich seit 2015 formierenden Mainzer Fastnachts-Genossenschaft mitwirkt, als stellvertretende Vorstandsvorsitzende: »Ich bin die einzige im Vorstand die die Interessen der rechtsrheinischen und der kleinen Vereine vertritt.« Die Zeit, die nach der Arbeit und allen Aktivitäten für die Fastnacht noch übrig bleibt, verbringt sie am liebsten mit ihrem Ehemann. Außerdem wühlt sie in ihrem kleinen Gärtchen gerne in der Erde herum, oder entspannt beim »Hasenkino«, das die beiden Zwergkaninchen aufführen.

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Kurt-Martin Friedrich: Kinder & Museum

Kinder für die Geschichte des Buchdrucks zu begeistern – eine spannende Aufgabe, die nicht nur viel Wissen sondern auch didaktische und pädagogische Kenntnisse voraussetzt. Gut, dass Kurt-Martin Friedrich von Beruf Lehrer ist.

Es ist ein zweigeteiltes Berufsleben, das Kurt-Martin Friedrich führt. 21 Stunden in der Woche arbeitet er im Gutenberg-Museum als Museumspädagoge. Dort verantwortet er mit seiner Kollegin die Abteilung des Druckladens, koordiniert die vielen Anfragen und den reibungslosen Ablauf mit den dazu erforderlichen Fachkräften, die aus einem heterogenen Kreis von Angestellten, Ehrenamtlichen, Honorarkräften, FSJ‘lern und Gästeführern der Stadt bestehen.

Außerdem erarbeiten sie die museums­pädagogischen Konzepte für die Kin­derführungen und die Familiensonntage, entwickeln in Absprache mit den Fachkuratoren Führungen für die Sonderausstellungen. »Sind Kinder die Adressaten, muss die Vermittlung bildhafter, fassbarer sein, ich habe dann zum Beispiel Ausstellungsstücke dabei, die in die Hand genommen werden können und die Kinder wollen selbst aktiv werden, weshalb wir die Kinder- und auch die Familienführungen wenn möglich mit Druckaktionen kombinieren«, sagt Kurt-Martin Friedrich.

Quereinsteiger

Der 38-Jährige ist auch Ansprechpartner für Besuche von Flüchtlingsgruppen, die das Museum kennenlernen wollen und für die individuelle Führungskonzepte angeboten werden. Nach Mainz kam Kurt-Martin Friedrich 2009 der Liebe wegen. An der Mainzer Uni hat er Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften (Schwerpunkt Oper und Musiktheater) und deutsche Philologie studiert. Nebenbei arbeitete er damals beim Staatstheater Mainz als Einlasskontrolleur, die Praktika machte er am Wiesbadener Staatstheater und mit 25 Jahren hatte er sein Studium mit dem Magister abgeschlossen. »Ich wollte schnell fertig werden und Geld verdienen.« Das klappte zuerst in Heidelberg als Operndramaturg. »Eine erfüllende Arbeit, die aber kaum Raum lässt für Privates«, blickt er zurück. »Ich wollte meine Beziehung, meine Familie und Freunde nicht aufgeben und habe mich deshalb nach knapp drei Jahren entschieden, den Beruf zu wechseln.«

Nach einer kurzen Phase der Selbständigkeit stieß er auf die Möglichkeit, sich als Quereinsteiger zum Lehrer weiterbilden zu können. In Westerburg machte er sein Hauptschulreferendariat, danach das 2. Staatsexamen und fand eine Stelle an der IGS-Hechtsheim. Dort unterrichtet er seit 2010 Musik, Deutsch und Darstellendes Spiel. Als Leiter einer Theatergänger-AG besucht er mit den Schüler/-innen, die Lust dazu haben, zweimal im Monat eine Aufführung am Mainzer Staatstheater: »Es ist schön zu erleben, wenn sich die Kinder für kulturelle Inhalte interessieren.« Eine Haltung, die wunderbar zu seiner mu­seumspädagogischen Arbeit im Gutenberg Museum passt, in der er wiederum auf die didaktischen und pädagogischen Werkzeuge, die er als Lehrer erlernt hat, zurückgreift. Für die Arbeit dort ist Kurt-Martin Friedrich drei Wochentage von seinem Lehrerdeputat freigestellt: »Ich finde die Zweiteilung meines Berufslebens toll.«

Oper im Fitnessstudio

Kultur, in einem weitgefassten Sinne, ist für Kurt-Martin Friedrich beruflich wie privat Mittelpunkt des Lebens. Er besucht gerne Museen und Ausstellungen in Mainz, dem gesamten Rhein-Main-Gebiet und andernorts, Theater und Konzerte in der näheren und weiteren Umgebung. Das »Kulturgut« Mainzer Fastnacht habe sich ihm als gebürtigem Münchner allerdings noch nicht erschlossen, bekennt er.
Sportlichen Aktivitäten fühlt sich Kurt-Martin Friedrich aus gesundheitlichen Gründen verpflichtet, wobei er entdeckt hat, dass man dabei auch in aller Ruhe Musik hören kann. Die eine oder andere Passage einer Oper auf dem Laufband im Fitnessstudio, zum Beispiel.

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Familienführungen finden im Gutenberg Museum jeden Sonntag um 15 Uhr statt;
spezielle Führungen für Kinder ab 6 Jahre werden jeden 2. Samstag im Monat angeboten.

www.gutenberg-museum.de




1711 Mainzer Kopf Dieter Scheffler

Uwe Ferger: Einmal Mombach, immer Mombach

Er ist einer von drei Maledos, textet und singt mit Dieter Scheffler »mir sin de Kall« und hat 2015 die Mombacher Bohnegard mit ins Leben gerufen: Uwe Ferger. Ein ganz normaler Mombacher Bub.

Er hat kein Fastnachtsgen geerbt und ob er seine Leidenschaft und sein Können weitervererbt hat, ist noch nicht ganz klar. Uwe Ferger ist in seiner Familie eine singuläre Erscheinung, bis auf weiteres. Denn sein Sohn, gerade 18 Jahre alt geworden, könnte sich zu einem Fastnachts-Spätzünder entwickeln, wie Uwe Ferger selbst einer war. Erst als über 30-Jähriger fand Uwe Ferger allmählich den Weg in die Fastnacht – in Mombach. Bei den Mombacher Bohnebeitel hat er Mitte der 90er Jahre angefangen zu »lernen«: zuerst als Büttenschieber, dann als Kellner fürs Komitee.
»Schuld« an diesen ehrenamtlichen Aushilfsaktivitäten hatte Uwe Fergers Schwiegervater, Ludwig Metzger, ein Bohnebeitel-Urgestein. 2001 stand Uwe Ferger dann erstmals als Maledo auf der Bühne: er könne doch Gitarre spielen, hatte ihn Robert Bartsch, einer der ehemaligen Maledos, gefragt – und schon war er dabei.

Maledos oder »Kall un Kall«?

Uwe Ferger ist in diesem Oktober 51 Jahre alt geworden, im ehemaligen Mombacher Rochus-Krankenhaus geboren, er ging in Mombach in die Pestalozzi-Schule, dann ins Schloss Gymnasium, machte in einem Mainzer Sanitärunternehmen eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann. In dessen Nachfolgeunternehmen – mit Sitz in Mombach – ist er längst Niederlassungsleiter. Gewohnt hat er schon immer – in Mombach. Länger verlässt er den Mainzer Stadtteil nur, wenn er in Urlaub fährt. Den verbringt die Familie in Bayern und in Holland. Wandern und Radfahren sind dann angesagt, Uwe Ferger sagt von sich, er sei ein Draußen-Mensch: Laufen und Mountainbike-Radeln stehen auf seinem Alltags-Fitness-Programm.

Schlüpft Uwe Ferger lieber in die Maledos-Rolle oder singt er lieber »mir sin de Kall«? Er ziert sich ein wenig, kann (oder mag?) sich nicht entscheiden. Dann sagt er: »Mir macht beides Spaß. Kall un Kall das ist mehr Klamauk, die Maledos sind eher politisch.« In beiden Rollen versteht es Ferger, einen stoischen Gesichtsausdruck in seinem Gesicht einzufrieren – meistens jedenfalls. Er erinnert sich an Auftritte, da kam ihm vor lauter Prusten kein Ton mehr über die Lippen. Die Texte für die Lieder fallen Uwe Ferger übrigens ein, wenn er mit Hugo, dem »eigensinnigen und lustigen Familienmops«, in der Gemarkung unterwegs ist.
Uwe Ferger verbringt weniger Zeit mit den Maledos und mit Kall un Kall, als vermutet: »Da wir Bohnebeitel-Eigengewächse sind und nicht durch die Saalfastnacht tingeln, haben wir nur zwölf Auftritte während der Kampagne, dazu den einen und anderen ‚Freundschafts-Auftritt‘ und wir proben in der Regel einmal die Woche.«

Bleibt also noch Zeit – um eine Mombacher Fastnachtsgarde zu gründen. Diese Geschichte geht so: 2014 verewigten Uwe Ferger und Hubertus Held ihren Beschluss, eine Fastnachts-Garde zu gründen, auf einem Bierdeckel und ein Jahr später erblickte die Bohnegard das Licht der Mombacher Fastnachtswelt. Heute gibt es 98 Gardemitglieder, davon 34 Frauen. Das jüngste Mitglied ist elf Jahre alt, das Älteste 66.

Am Ball bleiben

Die Gründung einer neuen Fastnachtsgarde war in Mainz immer eine heikle Sache, aber Uwe Ferger gelang es, die Bohnegard so zu etablieren, dass andere Mainzer Gardisten nicht missgünstig wurden. »Es gibt keine Konkurrenz und wir haben uns auch nicht aufgrund von Unstimmigkeiten von einer bestehenden Garde abgespalten«, sagt Ferger. »Könnten Sie sich vorstellen, Herr Ferger, mal ein Jahr auszusetzen, nicht mitzumachen bei der Fastnacht?« Die Antwort kommt prompt: »Nein! Lieber nicht! So wie sich das z.B. in der Garde entwickelt, 90-95 Prozent der Mitglieder sind zu Freunden geworden – da möchte ich schon am Ball bleiben.«

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Mainzer Kopf

Mainzer Kopf: »Ich war ja selbst Flüchtling«

Es ist schon sein dritter Beruf. Dabei ist Almedin Bibić erst 30 Jahre alt. Als ehemaliger Flüchtling bringt der Diplom-Germanist fachliche wie persönliche Voraussetzungen mit, um Flüchtlingskinder zu unterrichten.

Seit Ende 2016 arbeitet Almedin Bibić als Schulsozialarbeiter in der Kanonikus Kir Realschule Plus und Fachoberschule Mainz-Gonsenheim (KKR). Der Bosnier unterrichtet Flüchtlingskinder in DaZ: »Deutsch als Zweitsprache«. Etwa 40 Kinder nehmen an dem DaZ-Unterricht teil, sie kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und schleppen Kriegs- und Fluchterfahrungen mit sich herum.

»Ich bin ja selbst Flüchtling gewesen als Kind, ich habe auch eigene Kriegserfahrungen, vermutlich nicht so gravierende, wie sie die Kinder aus Syrien oder dem Irak gemacht haben, aber ich kann mich hineinversetzen,« sagt Almedin Bibić. Seine Fluchterfahrungen hängen mit dem so genannten Jugoslawien-Krieg zusammen, der die Familie Bibić zwang, ihre Heimat zu verlassen. Sie zogen von einem Dorf in der Nähe von Tuzla in Bosnien nach Oberhausen im deutschen Ruhrgebiet. Almedin Bibic, der älteste von zwei Söhnen, war damals sechs Jahre alt. Bis zur fünften Klasse besuchte er die Gesamtschule in Oberhausen.

Ein Sprachnetzwerk aufbauen

»1998 hieß es, der Krieg ist vorbei, ihr könnt nach Hause«, erinnert sich Almedin Bibić. Die Familie kehrte zurück, er besuchte in Tuzla das Gymnasium, studierte Germanistik und Literatur und nach dem Diplom – fand er keinen Job in der Heimat. Bibić wollte aber unbedingt arbeiten, er hatte zwischenzeitlich geheiratet und war zum ersten Mal Vater geworden. Auf Anraten seines Vaters machte er eine Umschulung zum Schlosser und Monteur. Anschließend arbeitete er im Auftrag von bosnischen Firmen in Deutschland und kam so auch nach Rheinhessen. Über seinen Vater, der ebenfalls hier auf Montage arbeitete, lernte er zufällig die Rektorin der KKR kennen und die Idee, ihn als Schulsozialarbeiter für die Flüchtlingskinder einzustellen, nahm Gestalt an.

In seinem mittlerweile dritten Beruf profitiert der 29-Jährige von seinen pädagogisch-didaktischen Kenntnissen und seinen praktischen Lebenserfahrungen. »Ich musste mir zuerst innerhalb der Schülergruppen und unter den Lehrern ein Sprach-Netzwerk aufbauen, um mich mit allen verständigen zu können: Welches Kind, welcher Lehrer spricht Persisch, Paschtu, Dari, Farsi, Türkisch damit wir uns gegenseitig übersetzen können.« Wichtig ist das insbesondere in den Elterngesprächen. Außerdem musste Almedin Bibić »das Eis brechen«, wie er sagt: »Wenn ich den Kindern erzähle, ich bin Bosnier und Moslem, sind die sehr überrascht, weil ich anders aussehe, als sie es von Moslems gewohnt sind.«

Almedin Bibić unterrichtet die Kinder nicht nur in Deutsch und erklärt ihnen, dass man sich auch als Moslem an die in Deutschland geltenden Regeln zu halten habe. Er höre ihnen zu, manchmal müsse er sie trösten, dürfe dabei aber nicht seine professionelle Abgrenzung aufgeben. »Ich bin auch Ausländer hier und muss mich integrieren«, sagt er und versucht den Kindern von seinem Selbstbewusstsein auf diesem Weg etwas abzugeben.

langfristige Zukunftsplanung?

In seiner karg bemessenen Freizeit spielt er mit Freunden Fußball und Tischtennis, trifft sich mit ehemaligen Arbeitskollegen zum Eis essen – der Genuss von Alkohol und Tabak ist Bibic fremd: »Das hat mich noch nie interessiert.«

Almedin Bibić würde gerne weiter als Schulsozialarbeiter in Mainz arbeiten, aber: »Nur, wenn meine Familie auch hier leben kann.« Seine Frau mit den mittlerweile zwei Kindern sieht er nur in den deutschen Schulferien, wenn er nach Bosnien fährt. Zwar seien die Aussichten gut, dass die Anita und Wolfgang Bürkle-Stiftung die Stelle an der KKR weiter finanzieren könne, erzählt er, allerdings erneut nur für ein Jahr. Ein befristetes Arbeitsverhältnis aber gibt Almedin Bibić nicht die Sicherheit, um mit seiner Familie langfristig eine Zukunft in Deutschland zu planen.

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1709 Mainzer Kopf Süleyman Taner

»Integration ist keine Einbahnstraße«

Süleyman Taner ist seit 2015 Vorsitzender des Beirats für Migration und Integration und damit einer der Organisatoren der Interkulturellen Woche in Mainz, die am 8. September 2017 beginnt.

Der 49-Jährige begreift die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund als eine Entwicklung, in der sich zwei Seiten aufeinander zubewegen müssen. Einerseits ist es für ihn, der seit 1991 deutscher Staatsbürger ist, selbstverständlich, dass sich Menschen, die von andernorts kommen und hier bleiben wollen, bemühen, heimisch zu werden. »Andererseits müssen die anderen den Weg ebnen helfen, sie müssen anerkennen, dass wir hierher gehören.«

Süleyman Taner, 1967 in einer Ortschaft Nahe Konya in der Türkei geboren, lebt seit 1980 in Deutschland. Er hat in Karlsruhe eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker gemacht, sich zum IHK-zertifizierten Flugzeugabfertiger weitergebildet und arbeitet als Parkraum-Manager am Frankfurter Flughafen. Nach Mainz kam er 1988 »der Liebe wegen« und engagierte sich bereits ein Jahr später im neu gegründeten »Türkischen Kulturzentrum Mainz und Umgebung« e.V.. Der Verein ist mit der Selimiye Moschee am Barbarossaring ansässig.

Debatten zunehmend populistisch

»Unsere Räumlichkeiten sind offen für alle und in den Veranstaltungen, die wir organisieren, greifen wir bewusst Aspekte des Alltagslebens auf, das für Menschen mit Migrationshintergrund anders ist, als für solche, die bereits seit mehreren Generationen hier leben.«  Themen wie Kultursensible Pflege, Seelsorge und Kindererziehung sind Teil des Veranstaltungsprogramms. Aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen wie seiner ehrenamtlichen Arbeit im Dienste der Integration weiß Süleyman Taner, dass es in den politischen Parteien in Deutschland zwar verbalen Rückhalt für die Anliegen der Integration gibt, der sich aber selten in konkrete Unterstützung wandele. Die Tatsache, dass die Debatten um Integration zunehmend  populistisch geführt werden, bestürzt ihn und lässt ihn mit Ängsten in die Zukunft blicken: »Ich will, dass meine Kinder, die hier geboren sind, nicht mehr Auskunft geben müssen über ihre Herkunft oder über ihre Religion, dass man sie akzeptiert als Mainzer/-innen. Ich finde auch die sexuelle Orientierung spielt keine Rolle, wenn es um das Miteinander von Menschen geht.«

Süleyman Taner praktiziert seine muslimische Religion, aber: »Ich muss den Kopf frei haben, um mich einlassen zu können.« Was bei einem Arbeitsleben im Takt von drei Schichten nicht einfach ist. Außerdem haben Süleyman und Zeynep Taner fünf Kinder. Blickt er auf sein jahrelanges integrationspolitisches Engagement zurück, fragt er sich manchmal, ob er die Zeit nicht sinnvoller mit seiner Familie hätte verbringen können.  »Ich komme nur selten dazu, mit den Kindern schwimmen zu gehen oder mit meiner Frau einen Spaziergang zu machen.« Die Tatsache, dass der Beirat für Migration und Integration rein beratende Funktionen hat, bewertet Süleymann Taner als Nachteil: »Manche Migranten erwarten von uns, dass wir ihnen bei der Lösung von Alltagsproblemen helfen, z.B. bei der Wohnungssuche. Dafür fehlen uns aber die Kompetenzen. Und auf die Stadtratspolitik haben wir keinen konkreten Einfluss.«

Diskussionen befördern

Im Grunde, so meint der Beiratsvorsitzende, müssten die Strukturen der politischen Vertretung von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland komplett neu organisiert werden. So lange dies aber nicht geschehe, sollten die Wahlberechtigten auf jeden Fall ihr Recht nutzen, die Vertreter für den Beirat zu wählen, und, so wie Süleymann Taner, in dem Gremium ihren Teil dazu beitragen, die politischen Diskussionen zu befördern. Im Rahmen der Interkulturellen Woche findet beispielsweise am 14.9.17  eine Diskussion zu »Migration und Diversität« statt, an der fünf Mainzer Direktkandidaten zur Wahl in den Deutschen Bundestag teilnehmen.

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Weitere Informationen unter: www.integration.mainz.de



Tanja Labs

Wissenschaft und Kunst zusammen bringen

Wissenschaft und Kunst, Gestaltung und Inszenierung sind die Arbeitsschwerpunkte von Tanja Labs.
Wie das zusammen wirkt ist am 10. und 11. September 2016 auf dem Mainzer Wissenschaftsmarkt zu erleben.

 

Im Auftrag der Mainzer Wissenschaftsallianz koordiniert die 44-Jährige die zweitägige Veranstaltung. Von Beruf ist Tanja Labs Grafikerin und Eventmanagerin, der Kunst widmete sie allerdings einen Großteil ihrer Ausbildung.

Schon als Kind zeigte sie eine große Leidenschaft für künstlerische Arbeiten: »Ich habe gezeichnet, gemalt und gewerkelt.« In der Oberstufe belegte sie Kunst als einen von drei Leistungskursen und folgerichtig wurde Kunst auch zu ihrem Studienschwerpunkt: »Ich wollte Kunst studieren in Kombination mit einem anderen Fach – aber nicht als Lehramtsstudium.« So wurde es ein Studium der Freien und Bildenden Kunst an der Akademie für Bildende Künste der Mainzer Universität mit einem Diplom als Abschluss und fortgesetzt als »Meisterschülerin« – eine Art Promotion für Künstler. Als zweites Fach belegte Tanja Labs Geographie.

Damit dürfte die Grundlage für jene Kombination aus Logik, Kreativität und Systematik gelegt worden sein, die sie als eine Besonderheit ihrer gesamten Arbeit bezeichnet.

Gestaltung: Das große Thema

Tanja Labs ist 1972 in Siegen geboren, in einem Dorf namens Niederfischbach aufgewachsen und 1992 zum Studium nach Mainz gekommen. In ihrer Familie, so sagt sie, gab es eine Tradition für das Musikalische. Sie spielt selbst Klavier, aber ihr Faible für Kunst übertrifft das der Musikalität.

1999, direkt nach ihrem Studienabschluss, machte sie sich selbständig und gründete ihre Agentur für Grafik und Events in Kultur- und Wissenschaft, die bis heute, ganz bewusst, eine »Ein-Frau-Agentur« geblieben ist, in der freie Mitarbeiter projektbezogen fachliche Unterstützung leisten.

Das große Thema ihrer Arbeit, wie Tanja Labs es selbst beschreibt, ist die Gestaltung: Atmosphäre, Licht und Inszenierung. Ein roter Faden, der sich durch die von ihr organisierten und oft auch von ihr initiierten Ausstellungen ebenso zieht, wie er sich im Mainzer Wissenschaftsmarkt wiederfindet. »Die Wissenschaft hat so unglaublich viele tolle Sachen zu bieten, die ich unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachte und entsprechend inszeniere, dabei Wissenschaft und Kunst verbinde.«

Diese Verbindung besteht, vermutlich nicht zufällig, auch in ihrem Privatleben. Zum einen lebt Tanja Labs ihre Affinität zu Grafik und Layout auch als Künstlerin aus und beschäftigt sich mit abstrahierender Schriftkunst. Zum zweiten pflegt sie mit ihrem Ehemann, einem promovierten Mathematiker mit einer Leidenschaft für mathematische Modelle und Experte in deren Visualisierung, den kreativen Austausch: »Wir haben unsere Scheune ausgebaut und planen hier die Eigenins­zenierung unserer Kunst.«

Spontan und flexibel

Dank eines guten Zeitmanagements schafft Tanja Labs den Spagat engagierter Berufsausübung und intensiver Betreuung der beiden Kinder – spontanes und flexibles Reagieren, wenn Tochter oder Sohn plötzlich krank werden, inbegriffen. »Dann kann es auch mal stressig werden«, gesteht sie und verrät direkt ihr Gegenmittel: »Ich kann mich super entspannen, wenn ich mir in unserem Hof sitzend überlege, wie das nächste Projekt aussehen soll.«

Arbeiten und Freizeit empfindet Labs nicht in der bekannt klassischen Trennung und regelmäßigen Sport braucht sie auch nicht, aber den Blick aufs Meer, den gönnt sie sich so oft, wie möglich: »Ob Nordsee, Mittelmeer, Emirate, Asien – ich liebe das Meer und ich entspanne mich am allerbesten beim Schauen aufs Wasser.« Und beim Schnorcheln taucht sie auch mal ab.  | SoS

 

www.wissenschaftsallianz-mainz.de