Es ist schon sein dritter Beruf. Dabei ist Almedin Bibić erst 30 Jahre alt. Als ehemaliger Flüchtling bringt der Diplom-Germanist fachliche wie persönliche Voraussetzungen mit, um Flüchtlingskinder zu unterrichten.

Seit Ende 2016 arbeitet Almedin Bibić als Schulsozialarbeiter in der Kanonikus Kir Realschule Plus und Fachoberschule Mainz-Gonsenheim (KKR). Der Bosnier unterrichtet Flüchtlingskinder in DaZ: »Deutsch als Zweitsprache«. Etwa 40 Kinder nehmen an dem DaZ-Unterricht teil, sie kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und schleppen Kriegs- und Fluchterfahrungen mit sich herum.

»Ich bin ja selbst Flüchtling gewesen als Kind, ich habe auch eigene Kriegserfahrungen, vermutlich nicht so gravierende, wie sie die Kinder aus Syrien oder dem Irak gemacht haben, aber ich kann mich hineinversetzen,« sagt Almedin Bibić. Seine Fluchterfahrungen hängen mit dem so genannten Jugoslawien-Krieg zusammen, der die Familie Bibić zwang, ihre Heimat zu verlassen. Sie zogen von einem Dorf in der Nähe von Tuzla in Bosnien nach Oberhausen im deutschen Ruhrgebiet. Almedin Bibic, der älteste von zwei Söhnen, war damals sechs Jahre alt. Bis zur fünften Klasse besuchte er die Gesamtschule in Oberhausen.

Ein Sprachnetzwerk aufbauen

»1998 hieß es, der Krieg ist vorbei, ihr könnt nach Hause«, erinnert sich Almedin Bibić. Die Familie kehrte zurück, er besuchte in Tuzla das Gymnasium, studierte Germanistik und Literatur und nach dem Diplom – fand er keinen Job in der Heimat. Bibić wollte aber unbedingt arbeiten, er hatte zwischenzeitlich geheiratet und war zum ersten Mal Vater geworden. Auf Anraten seines Vaters machte er eine Umschulung zum Schlosser und Monteur. Anschließend arbeitete er im Auftrag von bosnischen Firmen in Deutschland und kam so auch nach Rheinhessen. Über seinen Vater, der ebenfalls hier auf Montage arbeitete, lernte er zufällig die Rektorin der KKR kennen und die Idee, ihn als Schulsozialarbeiter für die Flüchtlingskinder einzustellen, nahm Gestalt an.

In seinem mittlerweile dritten Beruf profitiert der 29-Jährige von seinen pädagogisch-didaktischen Kenntnissen und seinen praktischen Lebenserfahrungen. »Ich musste mir zuerst innerhalb der Schülergruppen und unter den Lehrern ein Sprach-Netzwerk aufbauen, um mich mit allen verständigen zu können: Welches Kind, welcher Lehrer spricht Persisch, Paschtu, Dari, Farsi, Türkisch damit wir uns gegenseitig übersetzen können.« Wichtig ist das insbesondere in den Elterngesprächen. Außerdem musste Almedin Bibić »das Eis brechen«, wie er sagt: »Wenn ich den Kindern erzähle, ich bin Bosnier und Moslem, sind die sehr überrascht, weil ich anders aussehe, als sie es von Moslems gewohnt sind.«

Almedin Bibić unterrichtet die Kinder nicht nur in Deutsch und erklärt ihnen, dass man sich auch als Moslem an die in Deutschland geltenden Regeln zu halten habe. Er höre ihnen zu, manchmal müsse er sie trösten, dürfe dabei aber nicht seine professionelle Abgrenzung aufgeben. »Ich bin auch Ausländer hier und muss mich integrieren«, sagt er und versucht den Kindern von seinem Selbstbewusstsein auf diesem Weg etwas abzugeben.

langfristige Zukunftsplanung?

In seiner karg bemessenen Freizeit spielt er mit Freunden Fußball und Tischtennis, trifft sich mit ehemaligen Arbeitskollegen zum Eis essen – der Genuss von Alkohol und Tabak ist Bibic fremd: »Das hat mich noch nie interessiert.«

Almedin Bibić würde gerne weiter als Schulsozialarbeiter in Mainz arbeiten, aber: »Nur, wenn meine Familie auch hier leben kann.« Seine Frau mit den mittlerweile zwei Kindern sieht er nur in den deutschen Schulferien, wenn er nach Bosnien fährt. Zwar seien die Aussichten gut, dass die Anita und Wolfgang Bürkle-Stiftung die Stelle an der KKR weiter finanzieren könne, erzählt er, allerdings erneut nur für ein Jahr. Ein befristetes Arbeitsverhältnis aber gibt Almedin Bibić nicht die Sicherheit, um mit seiner Familie langfristig eine Zukunft in Deutschland zu planen.

| SoS

 

 

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