Der Ingelheimer Winzerkeller bietet ein herausragendes Ambiente, diverse Räumlichkeiten zum Feiern und eine erstklassige regionale Weinkarte. Beim Essen fehlte uns der letzte Pfiff.

Das Anfang des 20. Jahrhunderts als Heimstatt der Nieder-Ingelheimer Winzergenossenschaft errichtete Gebäude beeindruckt. Von 2016 bis 2019 wurde es grundsaniert, und nun steht es da wie ein Solitär aus einer anderen Zeit. Bei näherer Betrachtung, besonders wenn man das Innere betritt, zeigt sich eine ungewöhnlich attraktive Symbiose aus alter Bausubstanz und moderner Materialien-Optik. Natur- und Backstein harmonieren mit Glas, Holz und Metall. Den großen Lichthof, der das geografische Zentrum des Komplexes bildet, schmücken zahlreiche, teilweise recht alte Kübelpflanzen, darunter stattliche Olivenbäume.

Geschickt sind hier zurzeit – und noch bis 18. April kommenden Jahres – in dieses palmengartenartige Ambiente mehrere Litfaßsäulen integriert, die spannende Informationen zu Burgen und Kaiserpfalzen im erweiterten Rhein-Main-Gebiet liefern.

Die Ausstellung ist Teil der zweigliedrigen Ingelheimer Präsentation »Säulen der Macht – Mittelalterliche Paläste und die Reisewege der Kaiser«, die mit der derzeitigen großen Mainzer Landesausstellung inhaltlich zusammenhängt.

Multifunktionales Gebäude

Die Ingelheimer Tourist-Information, eine Vinothek mit Weinen regional ansässiger Weingüter und schließlich ein Restaurant mit Weinbar, Weinsalon, Nord- und Südterrasse vervollständigen die hiesige Infrastruktur. Mister X und ich widmen sich – dreimal darf man raten – dem letztgenannten Ensemble. Wir nehmen in der Weinbar vis-à-vis der Theke Platz. Der Barkeeper/Kellner ist flott zur Stelle und erweist sich als informationsfreudig. Wir könnten uns gerne auch das Obergeschoss und den historischen Gewölbekeller anschauen. Beide Lokalitäten stünden für größere Feiern zur Verfügung. Uns ist allerdings erst einmal nach Essen zumute, und so ordert X die Winzersuppe mit Sauerteig-Croûtons zu 7 Euro. »Nun, vor mir steht offensichtlich eine Crèmesuppe – möglicherweise auf einer Mehlschwitze basierend –, die den weinbaulichen Aspekt ihres Namens anscheinend via einiger halber dazugetaner Träubchen widerspiegelt«, lautet das recht nüchterne Fazit meines immerwährenden Begleiters, der immerhin das mitservierte Graubrotkörbchen lobt.

Perfekt gereifter Handkäs

Da habe ich zunächst mehr Glück. Mein riesiger, heller, perfekt durchgereifter Handkäs ist geschmückt mit zarten Zwiebelchen, Blattsalaten, winzigen dunklen Oliven, Radieschenscheiben und Hälften kleiner Tomätchen. Eine hauchdünne Scheibe frittierten Graubrotes krönt dieses sehr ansehnliche Arrangement. Die feinwürzige Marinade erfreut darüber hinaus. Zusammen mit einem recht üppigen Brotkorb ergibt sich eine ausgezeichnete Vorspeise, die dem nicht arg Hungrigen auch mühelos als Hauptspeise dienen kann. 6,90 Euro kostet das Ingelheimer Handkäs-Arrangement.




So recht will es an diesem Donnerstagmittag nicht gelingen, Mister X kulinarisch zu überzeugen, geschweige denn zu begeistern. Sein Flanksteak in BBQ-Sauce ist zwar – wie in der Karte avisiert – rosa gebraten, aber ein wenig zäh. Zum Fleisch gibt es ein Maispüree, kleine Buttermaiskölbchen und Perlzwiebeln. Alles zusammen wird mit 26,50 Euro berechnet. »Der Preis korrespondiert hier nicht wirklich mit dem Freudefaktor«, höre ich mein Gegenüber murmeln.

Burger überzeugt nicht

Ich versuche es derweil mit dem Winzerkeller-Burger zu 16,90 Euro. Dieses Arrangement gleicht einem Turm aus Sesambrötchen, Spiegelei, Cheddar, plattem Rindfleisch-Klops und roten Zwiebeln. Kurzum: Ich empfinde den Teller schlichtweg als überfüllt, und das Hackfleisch ist derart eng gepresst, dass der Genusssuchende überhaupt keine körnige Struktur mehr erkennen kann. Nein, so stelle ich mir einen hochklassigen Burger nicht vor. Dazu werden immerhin sehr ordentliche Pommes gereicht, die man mit Ketchup und Mayo aus kleinen Heinz-Gläschen veredeln kann.
| Lou Kull

ESSEN7,0
TRINKEN8,0
SERVICE7,5
AMBIENTE9,0
PREIS/LEISTUNG7,0
GESAMT38,5 : 5 = 7,7 KAPPEN

Fazit

Der Ingelheimer Winzerkeller ist eine Art Gesamtkunstwerk, dessen Besuch aus unterschiedlichen Gründen lohnenswert sein kann. Besonders die Architektur beeindruckt. Uns interessierte zuvorderst das Restaurant. Dessen Ambiente ist sehr ansprechend, es vereint urig-alte mit modernen Gestaltungselementen. Den Service empfanden wir als bemüht, wiewohl nicht sehr professionell. Beim Essen nahmen wir gute Ansätze wahr, die jedoch nicht konsequent fortgeführt werden – siehe die Winzersuppe, das Flank-Steak und den Burger. Bezüglich der beiden letztgenannten Speisen scheint zudem das Preis-Genuss-Verhältnis nicht ganz im Lot zu sein; daran ändert auch die hübsche Optik nichts. Die Küche kann an guten Tagen sicherlich mehr.

Das Weinangebot im Ingelheimer Winzerkeller ist hervorragend. Es gibt 15 offene Weine und eine weit größere Zahl an Flaschenweinen, die allesamt das hohe Niveau renommierter und junger Weingüter aus Ingelheim und den umgebenden Orten überzeugend darstellen. Wir tranken zum Essen den trockenen Riesling von Bettenheimer zu 4,90 Euro für 0,2 Liter und den Chardonnay Gutswein von Neus, der mit 4,60 Euro für 0,1 berechnet wird.

Ingelheimer Winzerkeller
Winzerkeller Restaurant GmbH
Binger Straße 16
55218 Ingelheim
Tel. 0 61 32 / 999 91 60
info@winzerkelleringelheim.de
www.winzerkelleringelheim.de
Öffnungszeiten:
Mo bis Fr 11.30 bis 23 Uhr
Sa, So und feiertags 10 bis 24 Uhr
warme Küche bis 22 Uhr

 

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