Die Straftaten gehen zurück, die Aufklärung nimmt zu. Manche Menschen fühlen sich dennoch nicht sicher, haben Angst. Die objektive, statistisch erfasste Sicherheit und das subjektive, unsichere Gefühl klaffen auseinander. Was tun?

Bis Ende Juni waren die Mainzer/-innen aufgefordert, an der Umfrage zum Thema Sicherheitsgefühl in Mainz teilzunehmen. Ziel der Umfrage ist es, herauszufinden, wie sicher sich die Bürger/-innen in der Stadt Mainz fühlen. Die Antworten sollen helfen, mögliche Gefahren  zu erkennen und Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern. Im Herbst werden die Ergebnisse vorgestellt.

Neben der Stadt Mainz war auch das Polizeipräsidium Mainz an der Erarbeitung der Studie beteiligt. Im MAINZER-Interview erklärt der Mainzer Polizeipräsident Reiner Hamm, was hell ausgeleuchtete Orte mit dem subjektivem Sicherheitsgefühl zu tun haben, warum die Polizei auf die Kooperation mit der Stadt angewiesen ist, ob es ausreichend Polizisten/-innen in Mainz gibt und warum die so nett sind.

Was bedeutet das subjektive Sicherheitsgefühl?

Reiner Hamm: »Es gibt keine allgemeingültige Definition, aber eine Reihe von Faktoren, die es beeinflussen und wir müssen dieses Gefühl, Empfinden vor allem differenziert betrachten. Grundsätzlich ist es die gefühlte Wahrnehmung des unmittelbaren Lebensraums eines Menschen. Diese Wahrnehmung ist sehr individuell geprägt. Ein junger, durchtrainierter Mann nimmt seine Umgebung ganz anders wahr, als eine ältere, gebrechliche Frau. Wir wissen auch, Menschen, die schon einmal von einer Straftat betroffen waren, reagieren viel sensibler auf äußere Faktoren.

Menschen nehmen öffentliche Räume, in denen sie sich bewegen, unterschiedlich war, diese Wahrnehmung wird durch die individuellen Faktoren mitbestimmt, die wir kaum beeinflussen können. Wobei, wenn wir an die Senioren-Sicherheitsberater denken, die mit den älteren Menschen regelrecht üben, sehen wir, auch durch solche Maßnahmen lässt sich das subjektive Sicherheitsempfinden positiv beeinflussen.

Zu den äußeren Faktoren, die auf die subjektive Wahrnehmung im öffentlichen Raum einwirken, zählen z.B. Helligkeit, Einsehbarkeit, die Anzahl von Menschen, ob sich Familien mit Kindern unter diesen Menschen befinden, ob Personen laut sind und aggressiv wirken. Hier gibt es Möglichkeiten einzuwirken, dazu braucht es vor allem auch die Unterstützung der Kommune. Zum einen können öffentliche Räume heller, Sicht durchlässiger gestaltet werden. Oder, wie im Falle der ›Jugendgang‹ im Finther Sertoriusring, sind Gespräche zwischen der Ortsverwaltung und der Polizei die Grundlage, um Maßnahmen, wie häufigere Bestreifung, Gespräche mit den Jugendlichen etc. einzuleiten. Letztlich mit dem Ergebnis, dass die Situation sich entspannt hat.

Eine andere, eher präventive Maßnahme ist z.B. der Altstadt-Stammtisch, den die Stadt organisiert: hier werden regelmäßig die Anliegen, Beschwerden der Anwohner/-innen vorgetragen und Abhilfe gesucht. Oder wir führen gemeinsame Großkontrollen durch, z.B. im Bleichenviertel mit dem städtischen Ordnungsamt, dem Zollfahndungsamt und verschiedenen Polizeieinheiten. Eines will ich aber unterstreichen: Es gibt in Mainz keine echten Brennpunkte!«

Gibt es zu wenige Polizisten/-innen?

Reiner Hamm: »Wir haben die personelle Talsohle hinter uns, verfügen über ausreichend Personal. Aber es gibt natürlich Luft nach oben. Letztlich ist es immer eine politische Entscheidung, wie viele Polizisten/-innen eingestellt werden. Seitdem die innere Sicherheit in Deutschland wieder eine größere Rolle spielt, ist hier Bewegung erkennbar. In meinem Zuständigkeitsbereich sind 1.500 Polizisten plus 200 Zivilangestellte im Dienst – für 800.000 Einwohner/-innen. Der kriminalgeographische Raum reicht von Mainz bis Worms, über die Landkreise Mainz-Bingen, Alzey-Worms bis nach Bad Kreuznach und umfasst noch Teile des Donnersbergkreises. Ab Oktober beenden pro Halbjahr rund 250 Polizisten/-innen ihre Ausbildung und werden in den Polizeipräsidien eingesetzt.

Wir legen sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung und stellen ausschließlich Anwärter/-innen mit Abitur oder vergleichbarem Schulabschluss ein – das wird teilweise politisch diskutiert und von anderen Bundesländern zum Teil kritisch gesehen. Wir halten aber daran fest. Die Polizei-Ausbildung in Rheinland-Pfalz gilt als eine der besten in Deutschland. Sie dauert drei Jahre, mit einem hohen praktischen Anteil. Die angehenden Polizisten/-innen verbringen ein Drittel der Ausbildung in den Dienststellen, für die sie sich zu Beginn der Ausbildung entschieden haben.«

Hintergrund: Die Freundlichkeit von Polizisten/-innen, die bspw. Radfahrer/-innen oder Falschfahrende in Fußgängerzonen ansprechen, ist manchmal verblüffend. Und könnte den Eindruck erwecken, die »Diener/-innen der Staatsgewalt« meinen es gar nicht so ernst mit ihrer Ansprache. Gleichzeitig beklagt die Polizei zunehmende Respektlosigkeit und aggressives Verhalten, bis hin zu körperlicher Gewalt gegen Einsatzkräfte.

Ist die Polizei zu nett?

Reiner Hamm: »Zum einen verstehen wir uns als Bürgerpolizei, was auch in unserem Verhalten gegenüber den Bürger/-innen zum Ausdruck kommt. Außerdem lernen die Polizisten/-innen in ihrer Ausbildung, Aggressionen wahrnehmen und darauf reagieren zu können. Sie folgen dabei einem vorgegebenen Deeskalationsstufen-Modell: was in Stufe 1 vielleicht noch ›nett‹ klingt, ist in der letzten Stufe sehr eindeutig, dann werden die zuvor angedrohten Eingriffsmaßnahmen in der Regel umgesetzt, gegebenenfalls erfolgt eine Gewahrsamnahme, ein Platzverweis, eine Sicherstellung eines Gegenstandes, oder ähnliches.

Wir wollen die Respektlosigkeit nicht negieren. Die Ursachen sind vielfältig, dazu gehören z.B. auch kulturelle Unterschiede mit einem Frauenbild, das nicht zu unserer Gesellschaft passt. Es gibt auch körperliche Gewalt, die über entsprechende Ermittlungsverfahren statistisch erfasst wird. Pöbeleien, die eindeutig verbale Gewalt darstellen, dagegen nicht – was ich persönlich bedauere. Andererseits erleben wir, dass es ein großer Teil der Bürger/-innen als Beruhigung empfindet, wenn die Polizei Präsenz zeigt – was wiederum das subjektive Sicherheitsgefühl fördert. Ich bin grundsätzlich fest überzeugt, das Vertrauen in die Polizei ist groß«.

Was raten Sie Bürger/-innen, die sich mit ihrer subjektiven Unsicherheit allein gelassen fühlen?

Reiner Hamm: Ich möchte dieses Gefühl auf keinen Fall kleinreden, wir erhoffen uns natürlich auch von den Ergebnissen der Sicherheitsumfrage eine Versachlichung. Tatsache ist, es gibt in Mainz ein rund um die Uhr besetztes Ordnungsamt, als Ansprechpartner für u.a. auch Ruhestörungen. Das gibt es in anderen Städten so nicht. In Mainz gibt es zwei Innenstadtreviere der Polizei, dazu das Revier auf dem Lerchenberg. Die Wegezeiten für die Streifenwagen sind im Stadtgebiet unheimlich kurz. Tatsache ist auch, von den fünf Oberzentren in Rheinland-Pfalz ist Mainz am sichersten.«

Ist Mainz sicher?

Anlässlich des Auftakts der Befragung zum Sicherheitsgefühl der Mainzer/-innen Mitte Juni 2019 sagte der Untersuchungsleiter Prof. Dr. Gregor Daschmann vom Institut für Publizistik der JGU Mainz: »Mainz gilt als sichere Stadt. Es würde mich wundern, wenn wir zu anderen Ergebnisse kämen.« Eine These, die Polizeipräsident Reiner Hamm so kommentiert: »Ich würde mich sehr freuen wenn es tatsächlich so wäre!«

Zur Person: Reiner Hamm

Der 57-jährige Reiner Hamm wurde in Worms geboren. Und trat 1978 in den Polizeidienst ein. Hamm arbeitete zuvor unter anderem bei der Bereitschaftspolizei. Er war von 1980 bis 1995 bei der Polizeiinspektion Alzey tätig. Und er leitete mehrere Jahre die Polizeiinspektion Bad Kreuznach.

Seit 2006 ist er bei der Zentralstelle für Polizeitechnik beschäftigt. Die Leitung übernahm er im Jahr 2012. Davor war er federführend mit der landesweiten Einführung des Digitalfunks betraut. 2015 ernannte Innenminister Roger Lewentz (SPD) den Leitenden Polizeidirektor zum Präsidenten des Polizeipräsidiums Mainz.

 

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