Im Auftrag der IHK Rheinhessen stellte Prof. Dr. Jörg Funder in seiner Studie zur Einkaufsstadt Mainz u.a. das Einzelhandels- und Zentrenkonzept vor dem Hintergrund aktueller Anforderungen auf den Prüfstand.

Einleitend stellt Prof. Funder fest, die unterschiedliche Einschätzung der Situation des innerstädtischen Einzelhandels zwischen zentralen Interessengruppen – der IHK Rheinhessen, dem Einzelhandelsverband Mittelrhein-Rheinhessen sowie der Stadt Mainz – »beruhe unter anderem auf der divergierenden Bewertung zentraler Herausforderungen der Innenstadt Mainz, darunter der bestehenden, durch das Zentrenkonzept vorgegebenen Ansiedlungspraxis, insbesondere periphere Lagen betreffend.«

Ausführlich beleuchtet Funder die Entstehungsgeschichte des Mainzer Einzelhandelskonzepts (EKo), wie er das Zentrenkonzept bezeichnet, vor der Herausforderung, die »Standortkonkurrenz zwischen Einzelhandelsbetrieben auf der »Grünen Wiese« bzw. nicht-integrierten Lagen und den Betrieben in Innenstadt, Stadtteilzentren und sonstigen zentralen Bereichen zu beheben.«

 

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Innenstadt + Oberzentrum

Im Kern seien die Bestrebungen des EKo darauf ausgerichtet, den Wettbewerb zwischen den Standorten abzubauen und stattdessen den Wettbewerb innerhalb der Standorte zu beleben. Dieses Ansinnen sei vor dem Hintergrund des in den 90er und ‘00er Jahren hohen Ansiedlungsdrucks von großflächigen und nichtgroßflächigen Einzelhandelsbetrieben an verkehrsgünstig gelegenen nicht-integrierten Gebieten (Industrie-/ Gewerbegebiete) wie zum Beispiel der Haifa-Alle mit dem Gutenbergzentrum in Bretzenheim oder dem ehemaligen Wal-Mart Super- Center in Weisenau (jetzt Edeka Scheck-in), zunächst verständlich.
Mit Blick auf die Innenstadt müsse allerdings berücksichtigt werden, dass der ›Schutz‹ der Innenstadt nicht mit dem Verlust der Funktion eines Oberzentrums kollidieren dürfe. Insbesondere, da knapp 25 Prozent der Passantenfrequenz der Innenstadt aus dem Mainzer Umland komme. Deshalb müsse bei Ansiedlungsüberlegungen bedacht werden, dass Einzelhandelsagglomerationen, deren kollektives Einzugsgebiet über das der einzelnen Betriebe hinausgeht, zur Vergrößerung des Einzugsgebiets der Stadt Mainz als Einzelhandelsstandort beitragen könne.

Zunehmende Wirkungslosigkeit

Funder schlussfolgert, auch wenn die im Einzelhandelskonzept getroffenen Grundüberlegungen richtig seien, erschienen sie in einer veränderten, zunehmend digitalen Handelswelt teilweise überdenkenswert.
Mit Blick auf die Funktion des EKo als Stadtplanungsinstrument, z.B. zur Vermeidung von unerwünschten und unschönen Leerständen, erkennt der Handelsexperte zunehmende Wirkungslosigkeit: »In dem Zuge in dem der Vertriebsweg Online-Handel räumlich nicht planbar ist, entzieht er sich dem Einfluss der Stadtplanung und -entwicklung, da tradierte Instrumente wie z.B. die Definition zentrenrelevanter Sortimente oder sonstige Ansiedlungsbeschränkungen kaum den Online-Handel beeinflussen.

Erhalt des Status quo

Als Entwicklungsziel des EKo identifiziert Funder die Forderung nach »einem herausragenden Kristallisationspunkt in der Innenstadt, der aus Kundensicht qualitativ und quantitativ einen neuen Maßstab setzt« (Quelle Zentrenkonzept, Stadt Mainz, 2005). Die Auseinandersetzung mit neuen Anforderungen an Städte- und Einzelhandelsstrukturen, die aus dem Bedeutungsanstieg digitaler Einkaufskanäle und Kundenkommunikation sowie der sich daraus ergebenden Veränderungen des Einkaufsverhaltens resultiere, bleibe aber aus. Ebenso fehlten konkrete Maßnahmen bzw. Vorbereitungen wie mit eventuell drohenden oder tatsächlichen Leerständen, vor allem in Randlagen der Innenstadt, umgegangen werden soll.

»Zwar wird ein Leerstandsmonitoring durch die Wirtschaftsförderung der Stadt bereits seit Jahren durchgeführt, es beschränkt sich jedoch auf die statistische Aufarbeitung (auch da der Leerstand in Mainz bisher kaum besonders ausgeprägt war). In Summe überwiegen die Maßnahmen zum Erhalt des Status-Quo der Innenstadt.« Die Liste der innenstadtrelevanten Sortimente des EKo samt deren vier Anpassungen waren in den vergangenen Jahren immer wieder Gegenstand von Diskussionen in Mainz und spielten bei ansiedlungswilligen Unternehmen, wie Decathlon eine entscheidende Rolle (»zentrenrelevant« oder nicht, ist auch bei den Fotos oben nicht auf Anhieb erkennbar). Funder stellt fest, deren Beurteilung sei nicht originär Gegenstand der Beauftragung. Er gibt dennoch zu bedenken, dass die Definition zentrenrelevanter Sortimente Einzelhandelskonzepte oftmals in ›Schutzkonzepte‹ verwandelten und nicht in aktive ›Entwicklungskonzepte‹ . Der Einfluss städteplanerischer und -entwickelnder Tätigkeiten sei nicht allumfassend und Ende dort, wo die Freiheit und Kreativität z.B. der Händler beginne.

Eigenverantwortung + Anpassungsleistung

»D.h. wie gut oder schlecht die Geschäfte eines Einzelhandelsbetriebes geführt werden, wie dynamisch sich Händler an neue Realitäten anpassen, eigene Stärken entwickeln und ausbauen, liegt in der Verantwortung der Händler. Entsprechend kann die Definition zentrenrelevanter Sortimente die Wahrnehmung von Eigenverantwortung und Anpassungsleistung von Einzelhändlern in der Innenstadt auch negativ beeinflussen.«
Zudem stamme die Definition zentrenrelevanter Sortimente im Wesentlichen aus Zeiten, in denen eine Zunahme des Wettbewerbs zwischen ›Grüner Wiese‹ und Innenstadt bestand. Die Handelsrealitäten heute aber seien andere. Mit der deutlichen Zunahme des Onlinehandels und damit der Allverfügbarkeit von Sortimenten mache die Definition zentrenrelevanter Sortimente nur noch bedingt Sinn.

| SoS

 

Hier erfahren Sie, warum das Tripol-Konzept nicht mehr zeitgemäß ist: www.dermainzer.net/2018/07/tripol-konzept-ist-die-mainzer-innenstadt-zu-gross, folgen Sie dem Link auf dieser Seite um zu lesen, was IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz von der Studie hält.
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