Eine objektive Analyse der Einkaufsstadt Mainz war das Ziel eines Gutachtens, das die IHK für Rheinhessen bei Prof. Dr. Jörg Funder in Auftrag gab. IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz erläutert die wesentlichsten Ergebnisse.

 

»Fakt ist, es gibt einen realen Kaufkraftabfluss, Einbußen in der Zentralität und die Mainzer haben zwar viel Geld, geben es aber, was das Einkaufen betrifft, nicht in Mainz aus, sondern immer mehr in Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt«, so Jertz. Das Gutachten, das der Professor für Unternehmensführung im Handel und geschäftsführende Direktor des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement (IIHD) an der Hochschule Worms erstellt hat, benenne die Ur­sachen und erläutere Handlungsvorschläge. »Professor Funder kommt zu dem Schluss, in Mainz werde ein Innenstadt-Konzept konserviert, das nicht nach vorne blicke – und das muss sich ändern!«

Folgende zentrale Erkenntnisse und Entwicklungen des Gutachtens fasst der IHK-Hauptgeschäftsführer zusammen:

Der Rückgang der Zentralität um 16 Indexpunkte auf 109 in 2016 stelle einen realen Kaufkraftabfluss dar; während der Zuwachs im Einzelhandel im Bundesdurchschnitt 1 Prozent betrage, erreiche der Mainzer Einzelhandel nur ein Umsatzplus von 0,2 Prozent; die Einzelhandelsrelevante Kaufkraft liege in Mainz um 7,4 Prozent über dem Bundesdurchschnitt (Stand 2016), sei aber gegenüber 2003 um 3,9 Prozent geringer; die Verdrängung des Einzelhandels aus der Innenstadt in übrige Stadtgebiete sei zu beobachten; der Anteil der Einzelhandelsgeschäfte an gesamten Ladenlokalen der Innenstadt sei um 4,6 Prozent und der Einzelhandelsverkaufsflächenanteil der Innenstadt von 2003 bis 2012 um 2 Prozent zurückgegangen; der überdurchschnittlich hohe Filialisierungsgrad in 1A-Lagen gefährde die Identität der Mainzer Innenstadt; der Filialisierungsgrad von 85,3 Prozent übersteige deutlich die Werte von Berlin, Düsseldorf, München, Nürnberg und Stuttgart.

»Professor Funder benennt eine Reihe von Handlungsfeldern, darunter das Tripolkonzept – von dem muss sich die Stadt Mainz verabschieden, denn es ist nicht mehr zeitgemäß«, so Jertz. Passender seien unterschiedliche und dezentrale Pole, also lokale Initiativen wie sie das LEAP-Gesetz vorsehe. Auch das Zentrenkonzept, entstanden in einer Zeit, in der es galt den Innenstadthandel vor der »Grünen Wiese« zu schützen, habe der Handelsexperte als unzeitgemäß identifiziert. »Der größte Konkurrent des Innenstadthandels ist der Online-Handel«, weiß Jertz, weshalb die Lockerung des Zentrenkonzeptes durch eine Anhebung der zentrenrelevanten Nebensortimente von bislang 5 % auf 10 % angeraten sei.

Einen Schwerpunkt der Analyse bildet ein »integriertes Mobilitätskonzept« – das auch den motorisierten Individualverkehr beinhalten müsse. »In Mainz sind die Parkgebühren zu hoch, die Stadt ist aus dem Umland heraus zu schwer erreichbar und der anhaltende Wegfall von Kurzzeitparkplätzen drängt noch mehr Kundschaft in den Online-Handel ab«, fasst Jertz die Erkenntnisse Funders zusammen. Als weiteres Manko nenne der Wirtschaftswissenschaftler die steckengebliebene Entwicklung des Karstadt-Komplexes in der Ludwigsstraße. »Wir brauchen in Mainz, um voranzukommen, um die vorhandenen Potenziale zu stärken und zu erweitern ein umfassendes und vor allem langfristig wirkendes Innenstadtkonzept. Die Analyse von Prof. Funder bietet die Faktengrundlage für einen intensiven Dialog mit den Beteiligten.« Jertz verweist auf den bereits bestehenden »Runden Tisch«, an dem die IHK, der Einzelhandelsverband Mittelrhein-Rheinhessen-Pfalz und Vertreter der Stadt teilnehmen. »Hier werden wir im Herbst die Ergebnisse des Gutachtens diskutieren und weiterentwickeln.« Bereits nach den Sommerferien werden Professor Funder und die IHK-Spitze zudem im Wirtschaftsausschuss des Stadtrates die Ergebnisse des Gutachtens vortragen.

| SoS

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