Traurig, der öffentliche Ansehensverlust der 05er. Einst ein Vorzeigeverein in Deutschland, hat ihn die intrigante Realität eingeholt. Früher hat die halbe Stadt geweint, als der Aufstieg wieder mal nicht geklappt hat. Mittlerweile ist die Stimmung gekippt. Warum eigentlich?

Eine Trainerlegende wurde in Mainz geboren. Aus der Not heraus, weil man kein Geld hatte, um einen neuen Trainer zu verpflichten – ein Spieler aus dem eigenen Kader musste den Job übernehmen. Alle zogen an einem Strang. Ein neues Stadion wurde gebaut. Vorher hatte Vereinspräsident Harald Strutz Christian Heidel als Manager verpflichtet, der den Job (und das Geld) gerne nahm, weil sein Autohaus gerade in einen Konkurs geschlittert war. Die Reputation, der sportliche Erfolg, die Arbeit und der Umsatz stiegen. Nachdem man zum wiederholten Male dem Manager das Einkommen erhöht hatte, war Strutz so weit, dass er einsehen musste, dass die Umsätze seiner Anwaltskanzlei um 80 % einbrachen. Da er 16 Jahre unentgeltlich alle juristischen Angelegenheiten für den Verein erledigte, kam er auf die Idee, sich den Verdienstausfall durch den Verein, den er vor dem Konkurs gerettet hatte und zum 100-Millionen-Unternehmen gemacht hatte, erstatten zu lassen. Deshalb gab es für ihn einen Dienstleistungsvertrag für alle juristischen Fragen (2004: 6.000 €, steigerte sich bis 2017 auf 14.000 € inklusive sämtlicher Büro- und Nebenkosten). Anmerkung: der frühere Vor­standsvorsitzende von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen, bekam 900.000 €, ohne Dienstleistungsvertrag! Für Repräsentationstermine, die Strutz wahrnehmen musste, gab es eine Aufwandsentschädigung. Das wurde im damaligen Vorstand besprochen und juristisch korrekt verabschiedet, aber leider nicht veröffentlicht. Was übrigens kein Bundesligaverein, außer Borussia Dortmund, veröffentlicht. Und die müssen sämtliche Zahlen als Aktiengesellschaft veröffentlichen.

Eine Kampagne gegen Strutz

Irgendwann war die Harmonie in der Führung gestört. Heidel fing an gegen Strutz zu arbeiten. Das blieb niemandem verborgen. Kurz nachdem Heidel nach Schalke gegangen war, entdeckte eine Mainzer Lokalzeitung Strutz als Opfer. Es wurde eine Kampagne (Kicker: Treibjagd) gegen Strutz und den Verein Mainz 05 gefahren, bis Strutz aus Rücksicht auf seine Familie entnervt die Reißleine zog und auf eine Wiederwahl verzichtete. Das gründete auf dem Vorwurf, er sei ein ehrenamtlicher Präsident und habe heimlich viel Geld erhalten. Strutz hat das nie gesagt, durfte aber bei der alten Vereinsstruktur für den 100-Millionen-Umsatz-Verein persönlich haften. Auch deshalb hatten er und der alte Vorstand die Änderung der Vereinsstruktur auf der Agenda. Das Ansehen von Mainz 05 blieb auf der Strecke.

Je mehr die Mainzer Lokalzeitung auf Strutz schoss, desto mehr lösten sich die Strukturen im Verein auf. Wegen mangelnder Autorität trauten sich immer mehr aus ihrer Deckung und versuchten sich durch Indiskretionen zu profilieren. Das erreichte sogar den alten Vorstand.
Die große Frage stellt sich: Was sollte die ganze Lokalzeitungs-Kampagne? Wer hat davon profitiert? Wem hat sie geschadet? Geschadet hat sie dem Verein ( siehe »Wutrede« von Sandro Schwarz) und vor allen Dingen Harald Strutz. Der Verein wirkt momentan zutiefst verstört. Der Gipfel der Scheinheiligkeit ist im Kommentar auf der Sportseite zu lesen, als der Sportredakteur der Lokalzeitung am 02.12.2017, schreibt: »der Verein muss endlich zur Ruhe kommen«.

Vom Brandstifter zum Biedermann

Der durchsichtige Versuch, vom Brandstifter zum Biedermann zu werden. Falls er sich selbst daran hält, kann der Verein bis zum Mai 2018 in Ruhe arbeiten und vielleicht noch den Abstieg vermeiden.

Der neue Aufsichtsrat sieht sich mit Fragen konfrontiert, an die er vor der Wahl überhaupt nicht gedacht hat. Dazu trug der unglückliche Übergangspräsident Kaluza viel bei. Schade ist nur, dass momentan keiner in den Führungsgremien von Mainz 05 ist, der den Verein mit aufgebaut hat. Der neue Kaufmännische Vorstand kennt wenigstens den Profifußball. Im Aufsichtsrat und den anderen Gremien gibt es niemanden, der auch nur einen kleinen Kontakt zum DFB und der DFL hat. Um das alte Sprichwort auszukramen »der Prophet gilt im eigenen Land nichts« hat man Strutz vom Hof gejagt. Der war bestens vernetzt und genießt außerhalb von Mainz im DFB und in der DFL höchstes Ansehen.

| WHO

image_pdfimage_print