Sie zeichnet, so lange sie denken kann. Ohne Stifte in greifbarer Nähe mag sie nicht sein. Franziska Ruflair illustriert Dialoge, »Graphic Recording« genannt, was so viel bedeutet wie »visuelle Protokollführung«. Ein probates Kommunikationsmittel, um z.B. Bürgerdialoge zu veranschaulichen.

Die Teilnehmenden an der »Bürgerbeteiligung Ludwigsstraße« im Juni 2019 konnten beobachten, wie treffsicher Franziska Ruflair die Diskussionsbeiträge in Bild und Wort zu Papier bringt. In der Pause und im Anschluss an die vierstündige Versammlung fanden sich viele Neugierige, die ihre eigenen Argumente und Vorschläge in der großformatigen Illustration suchten und mal anerkennend, mal überrascht die bildliche Wiedergabe kommentierten.

Franziska Ruflair zeichnet immer, also täglich. Ein paar Stifte, ein Skizzenbuch oder einfach ein Stück Papier: Die 28-Jährige illustriert alles, was ihr im Kopf herum geht. »Ich bin unzufrieden und werde knatschig, wenn ich nicht zeichnen kann«, stellt sie fest. Sie sieht aber ein, Hand, Arm und der Rest des Körpers brauchen Pausen und Entspannung, die sie ihnen z.B. im Fitness-Studio gewährt.

Bild & Wort

Zeichnen ist eine Voraussetzung für die »visuelle Protokollführung«. Um mehrere Stunden Diskussionen zu illustrieren, die teils emotional geprägt sind und bei denen nicht Jeder Jeden ausreden lässt, braucht es aber mehr als die Fähigkeit, blitzschnell zu zeichnen. Franziska Ruflair nennt es »Multitasking«: Zuhören, filtern, komprimieren, illustrieren – in Bild und Wort. Das logische Verknüpfen von Komponenten geschieht gleichzeitig und unter immensem Druck. Sowohl zeitlich – so schnell wie die Menschen sprechen – als auch psychisch: Viele Augen sind auf sie und ihr Werk gerichtet.

Fleiss & Schweiss

Geboren ist Franziska Ruflair 1991 in Wiesbaden, im Rheingau aufgewachsen und zum Studium auf die »richtige« Seite des Rheins gewechselt: »Obwohl, der Rheingau ist einfach wunderschön!« An der Mainzer FH, bzw. Hoch­schule hat sie Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration studiert. »Visuelles Erzählen« war Teil ihres Studiums, als Bachelorarbeit fertigte sie eine Graphic Novel. Und weil das so viel Freude machte, zeichnete und textete sie die Geschichte weiter, machte »Ein Tag ohne Gestern« zum Buch – das zu den Finalisten des Berthold-Leibinger Comicbuch-Preises 2016 gehörte. »Graphic Novel vereint die ästhetische mit der erzählerischen Komponente, das liegt mir.« Im September erscheint ihr nächstes Werk, »Adventure Huhn« im Avant-Verlag.

Franziska Ruflair glaubt nicht an Talent: »Fleiß und Schweiß führen zum Können«, sagt sie. Alles, was sie sieht und beobachtet illustriert sie. Sogar vor dem Fernseher sitzend Polit-Talk-Shows – sie ist überzeugt, dass die unterschiedlichen Argumente besser im Gedächtnis bleiben, wenn wir sie als Bilder sehen und nicht nur hören.

Als Selbständige verdient sie ihr Geld hauptsächlich mit Graphic Recording – und illustriert »nebenher« alles möglich: »Ich kann nicht still bleiben, ich mag die Bewegung.« Impulse, professionelles Feedback, Unterstützung in organisatorischen Dingen, bekommt sie von den Frauen in ihrer Bürogemeinschaft, die wiederum dem Crush-Club-Collective angehören. »Zusammen verknallt in Illustra­tionen« lässt sich das Motto dieser Gemeinschaft von freischaffenden Illustratorinnen benennen.

Ukulele & japanisch

Kann sich Franziska Ruflair mit etwas beschäftigen, das nichts mit Zeichnen zu tun hat? »Natürlich, ich gehe gerne aus, verbringe viel Zeit mit Freunden und mit meinem Verlobten, der mich glücklicherweise auch oft bekocht, denn das kann ich gar nicht.«

Außerdem spielt sie Ukulele und lernt Japanisch. Bei letzterem bricht dann die Zeichenbegeisterung wieder mit ihr durch. »Ein einziges japanisches Zeichen steht für ein ganzes Wort! Der Wortsinn wird kondensiert in nur einem Zeichen!«

| SoS

 

Mit dem »Julchen« über die Mainzer Zitadelle

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