Detlev Höhne ist vorbereitet und fällt bestimmt in kein Loch. Am 1. Oktober beginnt  eine neue Lebensphase für den Vorstandsvorsitzenden der Mainzer Stadtwerke (MSW).  So ganz lässt ihn das Infrastrukturunternehmen aber nicht los.

Die Frage, ob es ihm schwerfalle, loszulassen, beantwortet er ohne zu zögern mit einem deutlichen und sehr lauten »Nein«. Die irritierten Gesichter seiner Interviewpartner (neben der Autorin der MAINZER-Herausgeber Werner Horn; auf Seiten Detlev Höhnes sitzt noch MSW-Presse­sprecher Michael Theurer) bedeuten dem Menschenkenner, dieses Nein erklären zu müssen. Schließlich ist die Arbeit als Vorstandsvorsitzender MSW nicht irgendein Job. Und dass Detlev Höhne den 15 Jahre voll und ganz ausfüllte, lässt sich in jedem MSW-Geschäftsbericht nachlesen. Genau das ist die Krux: Voll und ganz. »Ich möchte mich mal spontan verabreden können, ohne Blick in meinen Terminkalender.«

Hanns-Detlev Höhne, geboren 1951; 18 Jahre Mitglied des Aufsichtsrates der Stadtwerke Mainz AG und dort Sprecher der Arbeitnehmer­vertreter. Am 1. Oktober 2002 wurde Höhne kaufmännischer Vorstand der Stadtwerke Mainz AG. Sein zunächst bis 2007 geltender Vertrag war 2006 um fünf Jahre verlängert worden und wurde 2011 erneut verlängert, er endet zum 30.September 2017.

Insgesamt 48 Jahre Vollgas-Berufstätigkeit, meint Höhne, seien jetzt genug. Stundenlang Löcher in die Luft starren wird er künftig aber nicht. Er habe sich gefragt, als was man Teil der Gesellschaft ist und für sich die Antwort gefunden: »Ich bin Teil der Gesellschaft, in dem ich mich für sie engagiere, egal ob ich für diese Arbeit bezahlt werde oder nicht.« Zwei Ehrenämter hat er schon. Höhne ist USC-Vorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender von Mainz 05. Mehr sollen es erst einmal nicht werden. »Ich schenke mir ein paar Monaten Pause, dann sehen wir weiter.«
Außerdem wird er fünf Jahre lang die Marina-Gesellschaft, eine Tochter der Zollhafen GmbH leiten und dafür sorgen, dass die 140 Liegeplätze im Zollhafen-Becken auch belegt werden. »Es war meine Idee, dieses Hafenbecken nicht leer zu lassen, also kümmere ich mich auch darum, dass es funktioniert.« Dieser Satz spiegelt die Arbeitseinstellung des 65-Jährigen wieder: Ich will, also mache ich. Er hat den Energieversorger  Stadtwerke Mainz AG zu einem Infrastrukturunternehmen »umgebaut«. Dabei auf eine Unternehmensphilosophie gesetzt, die sich nach »guter alter Zeit« anhört: »Wir, die Mainzer Stadtwerke AG sind ein Unternehmen, das den Bürger/-innen gehört. Also ist es unsere Aufgabe deren  Leben in allen Bereichen so angenehm wie möglich zu machen.« Es gebe tatsächlich gut ausgebildete Fachkräfte, die wegen diesem Leitgedanken unbedingt bei den MSW arbeiten wollten, sagt Höhne. Er blickt dabei sehr zufrieden in die Runde.

Die eigenen Leute pushen

Auf dieses »Wir-Gefühl« im Dienste der Bürger/-innen könne er sich verlassen. »Egal, welches Thema auf der MSW-Agenda steht, alle Aktionen werden positiv unterstützt. Hier wird nicht gestöhnt, sondern geschaut, ob und wie das zu schaffen ist.« Dazu gehöre, die richtigen Menschen zu finden, die solche Aufgaben umsetzen:  »Wir versuchen immer unsere eigenen Leute zu pushen, sie in Führungspositionen zu bringen.«

Seine Arbeit als Vorstandsvorsitzender begann Höhne 2002 mit dem, was er 2017 als eine der schwierigsten Aufgaben bezeichnet: Mit Personalabbau. »Ich war als Gewerkschaftsvertreter schon 18 Jahre im Stadtwerke-Aufsichtsrat und wurde zum Vorstand gewählt, nicht nur, aber auch, weil man mir zutraute, dass ich diesen Prozess sozialverträglich schaffen werde.« Nötig sei der gewesen, weil damals klar war, es werden nur die Stadtwerke in Deutschland überleben, die sich anpassen, die effizienter werden, die in neue Geschäftsfelder investieren. Detlev Höhne kannte alle, die gehen mussten. Von 1000 Mitarbeitern blieben 600 übrig.

Dass ihn nicht alle Mainzer/-innen mögen, weiß Höhne. Er versteht es zu polarisieren und gibt zu, dass er manches bewusst zuspitzt: »Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht doch, wo es hakt und wenn sich da nichts tut, muss man eben bohren.« Als Höhne die Idee, den Zollhafen in ein Wohngebiet umwandeln zu wollen, kund tat, wurde er entweder für verrückt gehalten oder belächelt. »Er ist ein Mensch, der weiß, was er will, wie er es umsetzen kann und der dabei auch noch Kollegen und Mitarbeiter einbindet«, sagt sein Pressesprecher. Höhne selbst bezeichnet sich als furchtbar ungeduldig: »Als wir 2003 die Zollhafen-Pläne gemacht haben, dachte ich in spätestens zwei Jahren stehen die ersten Häuser.« Was dann doch bis 2016 gedauert hat. Den Satz, »das schaffen Sie nicht«, den hat Detlev Höhne öfter gehört. Die Wohngebiete Gonsbachterrassen, Zollhafen, Heilig-Kreuz-Areal, die Kunsthalle und die Mainzelbahn, die breit aufgestellten Geschäftsfelder Erneuerbare Energien, belegen, was er alles geschafft hat.

Der Ausstieg kostete Millionen

Was ihm nicht gelang, war das Kohleheizkraftwerk zu bauen. »Zum Glück«, sagt er heute.
Ach ja? Warum hat er dann damals den Bau so vehement verteidigt? »Wir hatten weitreichende unternehmerische Entscheidungen getroffen, nachdem wir von der Politik, also dem Mainzer Stadtrat den Auftrag bekommen hatten. Diese unternehmerischen Entscheidungen kann ich als kaufmännisch Verantwortlicher nicht widerrufen, weil Gesellschaft und Politik plötzlich ihre Meinung geändert haben, ich muss schließlich zuerst das Wohl des Unternehmens, für das ich verantwortlich bin, im Blick haben. Und der Ausstieg aus dem Projekt hat das Unternehmen Millionen gekostet.«
Was die MSW ebenfalls viel Geld kostet, sind Aufgaben, die nichts mit den Geschäftsfeldern zu tun haben, in denen die AG Geld verdient. Die Übernahme des Taubertsbergbades zum Ende dieses Jahres ist das (vorerst) letzte Glied in dieser Kette. Manche Beobachter fragen sich deshalb, ob das Unternehmen einen ähnlichen Weg einschlägt wie die Wohnbau Mainz GmbH. Diese stadtnahe Wohnungsbaugesellschaft stand 2008 kurz vor der Insolvenz, weil sie von der Mainzer Politik als Goldesel ausgenutzt wurde, der alles bezahlen musste, was durch den städtischen Etat nicht mehr zu bezahlen war (z.B. Fastnachtsmuseum, Kabarettarchiv, Künstlerquartier Alte Patrone, Theaterrestaurant »Mollers«).

Goldesel und Macht

Detlev Höhne antwortete auf die Frage, ob sich die MSW diese Aktivitäten leisten könne: »Wir sind ein Unternehmen das auf Gewinn gebürstet ist und ein Unternehmen das für die Bürger arbeitet. Wir hatten 2016 einen Jahresüberschuss von knapp 27 Millionen Euro erwirtschaftet, eingerechnet das 15 Millionen Euro Defizit der MVG, das wir jedes Jahr ausgleichen und wir stellen dem städtischen Haushalt jährlich Millionen zur Verfügung – das funktioniert nur mit einem klaren Geschäftsmodell! Wir übernehmen nichts, keine Aufgabe, ohne einen Wirtschaftlichkeitsplan. Egal ob Kunsthalle, Mainzelbahn, KUZ oder Taubertsbergbad.«

Zum Abschluss noch eine Frage, die sich bei einem Vorstandsvorsitzenden geradezu aufdrängt: Sind Sie Machtbesessen, Herr Höhne? Seine Anwort lautet: »Darum geht es doch gar nicht. Wenn eine Idee gut ist, dann muss man die positive Energie nutzen, um sie umzusetzen. Es macht keinen Sinn, alles aufzuzählen, was vielleicht schief gehen könnte – andersherum wird ein Schuh daraus: was müssen wir machen, damit es klappt, das ist die entscheidende Frage und die stellen sich bei uns alle Mitarbeiter.«

Ab dem 1. Oktober 2017 will sich Detlev Höhne seiner Sehnsucht nach Entschleunigung widmen. Er wird häufiger in MeckPom anzutreffen sein. Dort haben er und seine Frau einen Bauernhof gekauft. Den ganzen Tag draußen sein, Traktor fahren, mit der Motorsäge arbeiten, aber auch mit der Harley in der Gegend rumfahren, oder zu angeln, darauf freut er sich: »Andere machen Yoga als Ausgleich, ich mache lieber sowas, um den Kopf frei zu bekommen.«

| SoS

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