Tourismus: In Deutschland, so wird uns gerne erzählt, verbinden Menschen die Stadt Mainz in erster Linie mit Fastnacht und den Mainzelmännchen.

Dass es Anderes gibt, warum hier zu leben angenehm ist, wissen wir in Mainz selbst. Das Angenehme, das jede/-r für sich unterschiedlich definiert, wollen die Mainzer-Tourismusförderer in alle Welt transportieren. Seit 2018 gibt es die Aktion »mainzgefühl«, initiiert vom Tourismusfonds Mainz e. V.. Die Strategie der Aktion ist offensichtlich: Wir vermitteln Menschen andernorts, dass Mainz etwas ganz Besonderes ist und dass alle mindestens einmal im Leben Mainz besucht haben müssen. Das ist gut für den Tourismus. Hotels, Gaststätten und Einzelhandel verdienen mehr Geld (außer die Gäste kommen mit dem Schiff, auf dem sie essen und übernachten), die Stadt und damit wir alle, profitieren von höheren Gewerbesteuereinnahmen.

Was aber ist ein »mainzgefühl«? Damit dieses auf jeden Fall ein gutes wird, organisierten die Initiatoren/-innen der Aktion »mainzgefühl« einen stadtweiten Workshop und eine Umfrage, wobei sich die Mainzer/-innen das Bewusstsein über ihr Stadtgefühl erarbeiteten. Ergebnis: »Während gesamtgesellschaftlich ein Trend zu Negativität zu sehen ist, verbreitet das Mainzer Lebensgefühl Positivität. Aufgeschlossenheit gegenüber anderen und herzliches Miteinander wird von den MainzerInnen gelebt. Sie gehen mit gutem Beispiel voran und zeigen, dass es auch anders geht. Auf Basis des von Offenheit, Herzlichkeit und Geselligkeit geprägten »mainzgefühls« starteten die MainzerInnen im Jahr 2019 diverse Aktionen, um diese Werte in Deutschland zu stärken.« Zu den Aktionen zählten »Lovestorms« in Social Media und »herzliche Flashmob-Aktionen« in diversen deutschen Städten. (Quelle: mainzgefühl 2019_Pressemitteilung_Tourismusfonds Mainz eV).

Die Aktion fällt aus dem Rahmen herkömmlicher Tourismuswerbung. In der Regel werben Städte und Regionen mit Besonderheiten, wie Geschichte, Museen, Architektur, etc. Davon haben wir in Mainz reichlich. Leider ist nicht alles ansehnlich. Die Zeugnisse der Römer und der Mainzer Festungsstadt, das Weltmuseum der Druckkunst, sind in keinem guten Zustand. Es mangelt an Geld, um alles präsentabel herzurichten und an Konzepten, mit denen sich auch der (verhüllte) Drususstein und die Bruchsteine im Römischen Bühnentheater vermarkten ließen. Kundige Menschen mit viel Fantasie sind gefragt, die sich gegen entsprechendes Salär etwas einfallen lassen. Beim Mainzer Tourismusfonds e.V. setzte man dagegen aufs Gefühl. Nun vermitteln wir aller Welt: »Hey Leute, ihr müsst nach Mainz kommen, weil es hier gefühlmäßig so toll ist.«

Ziemlich viel Gefühlsduselei für eine geschichtsträchtige und kulturell so vielseitige Stadt wie Mainz. Wir danken dem Mainzer Tourismusfonds e.V. für die Erkenntnis, dass unser Schicksal als »Weck-Worscht-Woi«-Anhänger/-innen das positive »mainzgefühl« befördert.

| SoS

 

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