Sehr geehrte Leserinnen und Leser, sehr geehrte LeserInnen, sehr geehrte Leser/-innen – wie hätten Sie es denn gerne?

Es geht hier um Sprache, vor allem um deren männliche Anteile. Eines vorweg: ich fühle mich als Frau nicht benachteiligt, lese ich in der Zeitung Radfahrer hätten dies und jenes gemacht.

Wenn Sie jetzt fragen, »na und?«, ist es Ihnen nicht aufgefallen: Radfahrer ist ein Substantiv und maskulin, also männlich. Korrekt gesprochen »Radfahrer und Radfahrerinnen«. In der geschriebenen Variante: »Radfahrer/-innen«. Oder »RadfahrerInnen«. Ich sehe förmlich die Adern der Sprachpuristen schwellen. Aber, im Duden stehen ja auch Anglizismen. Und die Schreibweise »/-innen«. Die ist damit »amtlich«. Aber kein Muss. Wer mag, redet und schreibt weiterhin allein in der maskulinen Form. Manche Menschen machen das sogar bewusst, empfinden die Nennung von Weiblein und Männlein in allen offiziellen Schreiben als Blödsinn. Überhaupt, diese ganze politische Korrektheit …

Ich springe jetzt ein Jahrhundert zurück. Auf dem Foto ist der Sitzungssaal der Mainzer Stadtverordneten um 1920 zu sehen. Ein Jahr zuvor, 1919, konnten auch die Mainzerinnen zum ersten Mal an einer Parlamentswahl teilnehmen. Eva Weickart, Leiterin des Mainzer Frauenbüros, berichtet in einem Vortrag am 9. März 2019 im Stadthistorischen Museum darüber – es ist eine der Veranstaltungen im Rahmen des Internationalen Frauentags am 8. März. Zehn Tage später, am 18. März, ist »Equal Pay Day«. Vom 1. Januar bis zum 18. März 2019 haben Frauen in Deutschland umsonst gearbeitet. Denn der geschlechtsspezifische Entgeltunterschied beträgt in Deutschland 21 Prozent (laut Statistischem Bundesamt 2018). Daraus ergeben sich 77 Tage (21 Prozent von 365 Tagen), an denen Frauen für ihre Arbeit nicht entlohnt werden. Deshalb fällt der »Equal Pay Day« 2019 auf den 18. März.

Was das mit der Schreibweise »/-innen« zu tun hat? Nun, es ist sicher einfacher in Reden und Schriften die maskuline und feminine Ansprache zu gebrauchen, als dafür zu sorgen, dass Frauen immer und überall ebenso viel verdienen wie Männer – was nicht nur eine Aufgabe für Politiker/-innen ist. In vielen Unternehmen in Deutschland gibt es diese Entgeltunterschiede. Darüber reden – zwischen Frau und Mann? Ui-jui-jui-au-au-au!

Sprache ist dagegen allgegenwärtig und alltäglich, ergo gut geeignet, auf etwas so selbstverständliches, wie die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ständig hinzuweisen. Ich schreibe also in meinen Texten nicht aus Jux und Dollerei Radler/-innen und Bürger/-innen. Das Binnen I ist zwar kürzer, sprachlich korrekt (weil es der Deutsche Rechtschreibrat so akzeptiert hat) ist aber »/-innen«. Das unterbricht tatsächlich den Lesefluss, wird als »störend« empfunden. Wetten, dass sich das legt, je häufiger »/-innen« geschrieben wird? Und wenn diese Schreibweise dann sogar von Männern als ganz selbstverständlich gebraucht wird, reduzieren sich auch die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern alsbald. An den Weih­nachts­mann glaube ich zwar nicht mehr. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

 

| SoS

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