Zuerst war es einfach nur ungemütlich. Die gelbe Weste zu tragen. Auf dem Fahrrad. Eigentlich fühle ich mich mit der Warnweste sicherer. Jetzt auf einmal unbehaglich.

Ich hatte gelesen, dass einige AFD-»Größen« einen Gelbwesten-Aufstand in Deutschland anzetteln wollten. Das war nach den ausufernden Krawallen in Frankreich. Krawalle sind das falsche Mittel, gesellschaftliche und politische Konflikte auszutragen. Egal wer sie anzettelt. Meine Meinung.

Wenn ich morgens meine gelbe Weste einpackte, schien die mir jetzt irgendwie anders. Ich verdrängte das Gefühl. Wichtig ist, ich werde besser gesehen, radele ich bei diffusen Sichtverhältnissen quer durch die Stadt. »Na, streiken Sie heute auch?« Mich traf fast der Schlag. Ich wusste genau, dass der (wirklich sehr nette) Kassierer meine gelbe Weste meinte. An dem Tag waren erneut Demonstrationen angekündigt. In Frankreich, wohlgemerkt. Ich stand in einem Mainzer Supermarkt. Mit der gelben Weste. Meist vergesse ich das Teil. Heißt, ich trage es auch, wenn ich vom Fahrrad absteige und mich zu Fuß durch die Stadt und die Geschäfte bewege. An dem Tag zog ich sie aus. Verstaute die gelbe Weste im Fahrradrucksack und zog sie erst wieder auf dem Rad an.

Viele Radler/-innen tragen die Weste. Sie ist recht praktisch, weil über andere Kleidung leicht überzustreifen. Ich überlegte, ob ich eine orangefarbene kaufen sollte. Weil ich weiß, wir Menschen sind ganz schnell dabei, andere Menschen in eine Schublade zu stecken. Der nette Kassierer hat mir das auch gleich erklärt. Er deutete auf seinen Bart (etwas länger um das Kinn herum) und seine Gesichtsfarbe (ein leichter Olivton) und fragte, »was glauben Sie, was mir schon alles angedichtet wurde?« »Salafist?« fragte ich zurück. Heftiges Kopfnicken bestätigte die Vermutung. Dass der junge Mann hier geboren und (das erzählte er mir ungefragt!) auch noch christlich getauft ist – muss ich das erwähnen? Sicher ist sicher. Wegen der Schubladen in unseren Köpfen.

Ein paar Tage später, ich radelte immer noch mit der gelben Weste herum und in Frankreich gingen die Gelbwesten noch immer auf die Barrikaden, sah ich aus den Augenwinkeln – gelb. In einem Bus saßen mindestens ein Dutzend Gelbwesten. Allerdings kleine, nicht die Westen, die Träger/-innen waren klein. Kindergartenkinder. Alle trugen die Leuchtwesten. Na wenn da niemand Bedenken hat… Fortan registrierte mein gelb-gepolter Blick überall gelbe Warnwesten. Die Bauarbeiter tragen sie, die Damen und Herren der Verkehrsüberwachung sind oft gelb gewandet – nur die Straßenkehrer (ich habe noch nie eine Straßenkehrerin gesehen – warum eigentlich nicht?) die sind in leuchtendem Orange ausstaffiert.

Leuchtet es in Deutschland gelb, heißt es aufpassen, genau hinschauen und besonnen reagieren. Womit wir wieder bei der AFD sind.

| SoS

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