Fastnacht in Corona-Zeiten: Wir wissen nicht hundertprozentig, was uns erwartet. Angesagt sind die »SWR-Sofa-Fastnacht« und ein »Drecksäck-Stream«.

Die 2021er Fastnachts-Kampagne in Mainz war vorbei, bevor sie angefangen hatte. Die Vereine und Garden hatten nahezu alle Veranstaltungen lange vor dem 1. Januar 2021 abgesagt. Und sich manch anderes überlegt. An vorderster Front, die Entscheidung des SWR, den Fastnachts-Freitag nicht ohne Fernsehsitzung vorüber gehen zu lassen. Die Aktiven auf der Bühne, die Zuschauenden auf dem Sofa. Ungewohnt. Wie fast alles in Corona-Zeiten auch die Fastnacht. Langweilig aber bestimmt nicht.

SWR: Mainz bleibt Mainz

Wer an den Januar- Sonntagen ganz früh morgens unterwegs war, konnte schon einen Einblick in die musikalischen Beiträge der Fernsehsitzung bekommen. Der SWR produzierte Musikvideos. Thomas Neger mit den Humbas vor dem Dom, die »Moritze« auf verschiedenen Plätzen in der Mainzer Altstadt. Die »Moritze« feiern Premiere – in einer Premiere: Die Musikkombo tritt zum ersten Mal in der Fernsehsitzung auf und die geht zum ersten Mal ohne Publikum über die Bühne. Eine Premiere, die den SWR und die vier beteiligten Mainzer Fastnachtsvereine vor besondere Herausforderungen stellt. Die musikalischen Einlagen als Video-Einspielungen zu drehen dürfte noch das kleinste Problem sein. Aber wie soll der Einmarsch der Garden und das abschließende Finale funktionieren?

So viele Menschen, wie normalerweise bei der Sitzungseröfnung und bei ihrem opulenten Abschluss auf der Bühne stehen – das ist unter Corona-Bedingungen unmöglich. Und die Corona-Bedingungen, die nehmen alle Beteiligten sehr ernst. Masken, Abstände, Hygiene sind das A und O der Programmplanung. So kommt es, dass vieles draußen, Open Air produziert wird. Auf diese Weise werden die Fersehzuschauer/-innen qua Fernsehsitzung durch die Mainzer Innenstadt geführt. Zumindest entlang der Schauplätze, die für die Fastnacht von Bedeutung sind oder die in den Liedern vorkommen: »Do wackelt de Dom…«.

Open Air produziert werden auch der Einmarsch (mit einer geringen Anzahl von Gardisten) und das Finale – mit den Hofsängern. Die sind auf jeden Fall dabei, live und vielleicht mit Einspielern aus vergangenen Fernsehsitzungen überblendet.

Der gesamt Produktionsprozess, beginnend Mitte Januar und endend wenige Tage vor der Ausstrahlung am 12. Februar 2021, ist von einer dunklen Wolke überschattet. Günther Dudek, SWR-Hauptabteilungsleiter und verantortlich für die Produktion von »Mainz bleibt Mainz« beschreibt sie so: »Es wäre ja denkbar, dass die Corona-Lage sich derartig zuspitzt, dass es einfach nicht mehr passt, auf dem Sofa sitzend fastnachtlichen Frohsinn zu erleben.« Dann werden die Veranstalter von »Mainz bleibt Mainz« die Reißleine ziehen, die Produktion einstellen und die Ausstrahlung der Sendung absagen.

Lars Reichow als Anchorman

Noch aber, wir befinden uns im zweiten Drittel des Januars, ist Dudek guten Mutes. Durch die Telefonleitung ist ihm anzuhören, dass die Planung Freude macht und er die Sendung auch gerne austrahlen würde. Die Redner auf der Bühne im Schloss begehen ebenfalls eine Premiere. OhneInteraktion mit dem Publikum, ohne Klatschen und uiuiauauau in Stimmung zu kommen, dürfte mindestens ungewohnt sein. Gesetzt sind als Redner der »Anchorman« (Lars Reichow), der »Obermessdiener« (Andreas Schmitt) und die »Mogunzia« (Johannes Bersch). Es soll ein »Protokoller« auftreten und die »Bundeskanzlerin« willkommen – aller­dings dieses Jahr nicht solo.

Klar ist auch, Helmut Kohl wird da sein. Nicht als Geist, sondern als einer von vielen, der klatscht. Der verstorbene Ex-Ministerpräsident und Ex-Kanzler war häufig Gast bei den Fernsehsitzungen. Dudek und sein Team haben die Klatscheinlagen aller Fernsehfastnachts-Sitzungen gesichtet und werden einige Klatschsequenzen einspielen. Gespannt dürfen alle darauf sein, ob sich das Klatschen aus den 60er- und 70er-Jahren von dem in den Nullerjahren unterscheidet. Vermutlich werden diese Einlagen den Rednern helfen, das Gefühl des leeren Saales zu überspielen. Dazu tragen auch die Pappkameraden bei, die der SWR anfertigen lässt. Die Mainzer Fastnachtsvereine und Garden steuern Fotos von fünf kostümierten Narren aus ihren Reihen bei, die als Folie den Pappkameraden übergezogen werden. Immerhin 100 werden in den ersten Reihen vor der Bühne sitzen. Ach so, die Klatscheinlagen werden moderiert – eine Überraschung, die Günther Dudek nicht vorwegnehmen will. Aber Andreas Schmitt soll dabei eine Rolle spielen.

Günther Dudek und sein Team haben festgestellt, dass etwa 30 Prozent einer jeden Sitzung mit Klatschen, uiuiuiauauaua, Begrüßung von Ehrengästen und anderen Interaktionen mit dem Publikum gefüllt sind. Dieser Prozentsatz wird sehr viel kleiner ausfallen in der ersten Publikumsfreien Fernsehsitzung (die, egal wie gut sie wird, hoffentlich auch die letzte sein wird) die 150 Minuten lang die Sofas in deutschen Wohnzimmern in Schwung bringen soll.

»Haltet durch – Wir seh´n uns nächstes Jahr«

Sie ist DAS Alternativ-Programm der Mainzer Fastnacht, die Sitzung der »Meenzer Drecksäck«. Verzichten muss auch in diesem Jahr niemand auf die Dreck-Sau. Anfassen geht zwar nicht beim Streamen, aber beobachten. Alles andere, was die Drecksäck vor der Kamera fabrizieren auch. Eines der Markenzeichen von Drecksäck-Sitzungen ist es, Geschichten zu erzählen. Gerne auch digital. Seit Jahren produzieren die Meenzer Drecksäck einen Film, der zum Auftakt jeder Drecksäck-Sitzung gezeigt wird. Im Pandemie-Jahr 2021 machen sie ganz auf digital und locken die Drecksäck-Fans vor den heimischen Bildschirm. Via Stream kann der niedergeschlagene Peter (Günter Beck) beobachtet werden, wie er mit seiner Sau abhaut. Die Margit (Birgit Schütz) und die halbe Stadt sind ihn am Suchen, während er in Erinnerungen schwelgt – und sich alte Drecksäck-Filme anschaut. Da lebt sogar Jürgen Girtler wieder auf.

Es gibt aber nicht nur Nostalgisches. Büb Käzmann (Markus Höffer-Mehlmer) beschäftigt sich mit Aktuellem, »Toni, Ernst und die Hämmerle« haben sich für »Running on empty« einen neuen Text ausgedacht (wer schon mal »Haltet durch, wir sehen uns nächstes Jahr« üben will: unten ist der Link zum Text). Und wie es sich für ordentliche Dreck­säcke gehört, gibt es auch die Digital-Fastnacht nicht für umme. 15 Euro pro zuschauender Person sind vor­ab zu zahlen (Order an vorstand@ meenzer-drecksaeck.de), dann kommt der Link zum Stream).

Ach so: Der Drecksäck-Fastnachts-Stream kann vom 11.2.21 ab 18 Uhr bis Aschermittwoch 17.2.21 um 24 Uhr abgerufen werden. Einen Riesenvorteil dieses Streaming-Angebots wollen wir nicht verschweigen: Endlich kön­nen sich all diejenigen einen Eindruck vom Drecksäck-Flair verschaffen, die es nie geschafft haben die begehrten Sitzungskarten zu ergattern. Wobei, eines ist natürlich klar: Echtes Drecksäck-Feeling gibt es nur mit der Plüsch-Sau über dem Kopf!

Fastnacht draußen: Bedeckt halten!

Beim MAINZER arbeiten ebenso wenig Propheten wie in der Mainzer Pressestelle. Marc André Glöckner weist aber auf die Einschränkungen hin, die Fastnachtsfeiern im öffentlichen Raum nicht zulassen. Der Lockdown gilt vorerst bis 14. Februar 2021, es bleibt beim Abstand halten, den eingeschränkten Kontakten unter Personen verschiedener Haushalte, der Maskenpflicht. »Ein Zusammenkommen von mehreren Menschen ist nach der geltenden Corona-Verordnung nicht möglich«, meint der Mainzer Pressesprecher und geht Ende Januar davon aus, dass die städtischen Ordnungskräfte im Einklang mit der Polizei vergleichbare Vorbereitungen treffen, wie zum 11.11.2020 und für Silvester 2020/21. Dazu zählt das Alkohol­verbot: der darf in bestimmten Innenstadtbereichen nicht in geöffneten Behältern verkauft und nicht draußen getrunken werden. Außerdem werden Ordnungsamt und Polizei verstärkt kontrollieren.

| SoS

 

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