Achim Beierlorzer

Achim Beierlorzer: Vom Lehrerpult zur Trainerbank

Auch in der laufenden Saison steckt der 1. FSV Mainz 05 offensichtlich wieder im Abstiegskampf. Die Verantwortlichen beschlossen daher frühzeitig einen Trainerwechsel. Achim Beierlorzer löste den zuletzt etwas glücklosen Sandro Schwarz ab. Der MAINZER stellt den neuen Cheftrainer vor:

Achim Beyerlorzer

Achim Beierlorzer

Am 10. November 2019, der FSV Mainz 05 hatte zwei Tage zuvor nach dem 0:8 in Leipzig auch sein Heimspiel gegen Union 2:3 verloren, trennte sich der Verein von seinem bisherigen Trainer Sandro Schwarz. Kurz danach konnte der Vorstand bereits seinen Nachfolger im Amt vorstellen: Achim Beierlorzer. Der gebürtige Franke war gerade vom ebenfalls abstiegsbedrohten 1. FC Köln entlassen worden.

Der »neue Besen« kehrte zunächst sehr gut: Im ersten Spiel unter Beierlorzer gewann Mainz in Hoffenheim 5:1 – das gleiche Team war noch am Spieltag zuvor mit einem 2:1 Sieg in Köln »mitverantwortlich« für seine dortige Entlassung. Am nächsten Wochenende folgte ein 2:1 Heimsieg im historischen Derby gegen die Eintracht aus Frankfurt. Danach setzte allerdings wieder Mainzer Tristesse ein – unterbrochen durch ein grandioses und hoffnungsweckendes 0:5 in Bremen. Anfang Februar, wenige Tage vor dem wichtigen Sieg in Berlin, besuchte Achim Beierlorzer unsere Redaktion und unterhielt sich mit unserem Sportredakteur Dr. Matthias Dietz-Lenssen:


MAINZER: Herr Beierlorzer, sie haben eine abwechslungsreiche Karriere als Spieler und Trainer im Amateurbereich hinter sich. Einer der Höhepunkte war sicherlich ihr einziges Tor im DFB-Pokal – erinnern Sie sich noch daran?

Achim Beierlorzer: Selbstverständlich. Das war das Tor gegen Borussia Dortmund. Wir haben das Spiel schließlich 3: 1 gewonnen. Obwohl Sie schon sehr früh einen Spieler durch eine Rote Karte verloren haben. Entsprechend intensiv haben wir hinterher auch gefeiert. Ich werde auch heute noch in Franken oft auf dieses Tor angesprochen, wenn ich auf alte Fürth-Fans treffe.

Sie waren Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport, haben sich dann aber freistellen lassen, als Leipzig rief. Bei Red Bull waren sie in verschiedenen Trainerpositionen aktiv (U 17, U19, Interims-Coach, Co-Trainer) bis Sie zum Zweitligaaufsteiger SSV Jahn Regensburg wechselten. Haben Sie einen dieser Schritte je bereut?
Nein! Absolut nicht. Am Anfang meiner Trainerlaufbahn habe ich den Trainer-Job parallel zu meiner Tätigkeit als Oberstudienrat am Gymnasium gemacht. Irgendwann einmal eine Profi-Mannschaft zu trainieren war damals noch weit weg. Schließlich ergab sich die Möglichkeit in Leipzig hauptberuflich als Fußball-Lehrer zu arbeiten. Als dann nach einigen Jahren das Angebot kam, in Regensburg Cheftrainer zu werden, habe ich gerne angenommen.

Also war auch der Wechsel nach Köln keine Frage?
Wenn man schließlich die Chance bekommt einen Bundesliga-Verein zu trainieren, ist das natürlich toll. Köln war dann absolut eine neue Herausforderung.

Wie hat eigentlich Ihre Familie auf den Wechsel in den Profifußball und in den verschiedenen Trainerämtern reagiert?
Ich habe alle Wechsel mit meiner Familie vorher besprochen – ohne ihr Einverständnis und ihre Unterstützung hätte ich keinen Vertrag unterzeichnet.

Dann haben wir also Glück gehabt, dass sich ihre Familie auch mit Mainz anfreunden konnte – denn Köln war ja dann nur ein kurzes Intermezzo. Dürfen wir etwas über die Hintergründe dieses praktisch übergangslosen Wechsels erfahren?
Ich kenne Rouven Schröder seit unseren gemeinsamen Jahren bei der SpVgg Greuther-Fürth. Wir standen daher in den letzten Jahren immer mal wieder in Kontakt mit­einander. Am Mittwoch nach der Entlas­sung von Sandro Schwarz – den ich übrigens sehr schätze, rief dann Rouven an. Ich habe die Mannschaft von Mainz natürlich auch im­mer genau beobachtet. Der klare Weg des Vereins hat mich sehr beeindruckt; die Spielweise gefiel mir. Also habe ich mit Freude zugesagt.

Die ersten Spieltage unter Achim Beierlorzer haben sicherlich nicht nur die Fans ins Schwitzen gebracht. Da wirft sich immer wieder die Frage auf: Warum spielen wir nicht immer so wie in Bremen – warum sind immer wieder deutlich schwächere Auftritte dabei?
Einige Begegnungen sind unglücklich gelaufen. Zum Beispiel das Spiel gegen Leverkusen, das hätten wir eigentlich nicht verlieren dürfen. Wir waren keineswegs das schwächere Team. Die einzige richtig schlechte Halbzeit haben wir auswärts in Augsburg gespielt und folglich dort auch zu Recht verloren. Man muss natürlich sehen, dass wir eine junge Mannschaft haben; da gehören Leistungsschwankungen eben auch dazu.
Der FSV bezeichnet sich selbst als »Aus- und Weiterbildungsverein«. Genau! Und man muss mit den jungen Spielern Geduld haben. Vielen fehlt noch der letzte »Feinschliff«. Und das ist eine der Aufgaben von mir und meinem Team.

Werden diese jungen Spieler manchmal nicht etwas überfordert? Einerseits will man, dass die Mannschaft mehr kämpft, dass sich der Adrenalinspiegel immer im Maximalbereich bewegt, andererseits schreien die Medien auf, wenn ein so unter größter Spannung stehender Spieler – ich denke jetzt an Kunde Malong – dem Trainer bei der Auswechslung den Handschlag verweigert?
Sicherlich gab es auf diese Geschichte einige Reaktionen in der Presse. Die Spieler wissen aber ganz genau, dass Profifußball ein öffentlichkeitswirksames Geschäft ist. Sie haben Vorbildfunktion. Wer das nicht beachtet muss mit Konsequenzen rechnen. Kunde hat das auch völlig eingesehen und sich unmittelbar danach bei mir entschuldigt.

In der Winterpause wurde das Sanktionsverhalten der Schiedsrichter verschärft. Es hagelt gelbe und rote Karten – auch gegen Torleute, die sich vor einem Elfmeter bewegen und Trainer, die einen gegnerischen Spieler beruhigen wollen. Ist das der richtige Weg?
Grundsätzlich Ja. Ich glaube auch, dass sich das Verhalten der Spieler auf dem Platz durch die neue Regelauslegung schon verändert hat. Sie sind weniger aggressiv. Andererseits halte ich den Zeitpunkt für nicht ideal – man kann nicht mitten in der Saison plötzlich neue Richtlinien aufstellen. Das kann im Extrem-fall sogar zu einer Wettbewerbsverzerrung führen.

Und wie kommen Sie mit dem umstrittenen Video-Beweis zurecht?
Die Einrichtung halte ich grundsätzlich für gut – nicht aber die Art und Weise, wie man damit umgeht – im Sport und in den Medien. Die jetzige Form ist sicherlich noch verbesserungswürdig.

Ein anderes Thema: Sie sind jetzt schon seit einigen Wochen in Mainz. Hatten sie schon Zeit sich in der Stadt und Umgebung umzuschauen. Haben sie vielleicht schon einen Lieblingsplatz entdeckt?
Achim Beierlorzer: Nein, dazu gab es leider noch nicht ausreichend Gelegenheit. In den ersten Wochen stand erst einmal die Mannschaft im Mittelpunkt. Ich freue mich aber schon, wenn ich in den nächsten Monaten, gemeinsam mit meiner Frau, die Stadt erkunden kann. Dazu werden dann mit Sicherheit auch längere Radtouren am Rhein entlang zählen.

Können Sie denn noch unerkannt durch die Stadt gehen?
Achim Beierlorzer: Nein, ich werde schon vielerorts erkannt – aber das ist ja nichts Negatives.

Von Alaaf nach Helau – Sie sind von einer Karnevalshochburg in eine Fastnachtshochburg gewechselt. Was hält der Mainzer Trainer eigentlich vom närrischen Treiben?
Auch bei uns zu Hause in Franken gibt es Straßen- und Saalfastnacht. In Köln war ich nur außerhalb der Kampagne aktiv – also freue ich mich umso mehr auf die Mainzer Fastnacht. Es ging ja schon los: Von der Sitzung des Vereins war ich wirklich begeistert – eine ganz tolle Veranstaltung.

Man hört, dass Sie an diesem Abend einen hervorragenden Caesar abgegeben haben. Wird man den und die die Mannschaft am Rosenmontagszug sehen?
Selbstverständlich – wir sind auf dem Wagen und fahren mit. Das gehört doch einfach dazu.

Rheinhessen ist eine Weingegend. Sind Sie auch ein Weintrinker? Und haben sie schon etwas von dem berühmten Mainzer Marktfrühstück gehört?
Als Franke schätze ich natürlich einen guten Rotwein, von dem es ja auch hier viele gibt. Als ich nach Mainz kam, war die Saison des Marktfrühstücks schon abgelaufen. Man hat mir aber schon davon erzählt.

Zurück zur Bundesliga: Wie schätzen Sie die Saison ein – und wer sind für Sie die größten Überraschungen?
Es ist mit Sicherheit eine spannende Saison wie der Blick auf die Tabellenspitze und das Tabellenende zeigt. Zu den positiven Überraschungen zähle ich persönlich die Mannschaften aus Leipzig, Gladbach und Freiburg. Prognosen auf den Ausgang sind in diesem Jahr besonders schwer.

Ich frage trotzdem: Wo befinden sich die Mainzer nach dem 34. Spieltag.
Wir werden mit Sicherheit nicht absteigen.

Herr Beierlorzer, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und der Mannschaft viel Erfolg.

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Mainz 05: Interview mit Sandro Schwarz




Mainz 05

Das »wilde Jahr« des 1. FSV Mainz 05

Die Saison 2017/18 war für alle Mainzer – zumindest wenn sie Fans der »Rot-Weißen« waren – ein »wildes Jahr«. So formulierte es auch Detlev Höhne, der Vorsitzende des im letzten Sommer gegründeten Aufsichtsrates, dem für eine Eingewöhnung – die üblichen »Hundert Tage« keine Zeit blieb.

Der Verein startete mit einem neuen Vorstandsvorsitzenden (Johannes Kaluza), dem schon erwähnten neuen Aufsichtsrat, einem neuen Trainer (Sandro Schwarz) und einem vielversprechenden Team in die Saison 2017/2018. Was dann geschah ist mit dem Begriff »Kommunikationsprobleme« sicherlich am neutralsten umschrieben.

»Spitzen«-Probleme

Schon im Dezember suchte der Verein einen neuen Vorsitzenden: Johannes Kaluza trat bereits nach weniger als 6 Monaten Amtszeit zurück. Zu dieser Zeit stand das Team bereits im unteren Drittel der Tabelle und wurde in der Fachpresse als ein möglicher Abstiegskandidat gehandelt.

Desolat ins neue Jahr

Im neuen Jahr kam es dann bitterhart: Obwohl das Team in der Winterpause mit Nigel de Jong und Anthony Ujah noch einmal verstärkt wurde, wirkte es in der Folge äußerst desolat. Die 2:3 Niederlage (nach 2:0 Führung) in Hannover und das 0:3 beim späteren Pokalsieger Eintracht Frankfurt trugen zur allgemeinen Verunsicherung bei. Der FSV stürzte am 21. Spieltag auf den Relegationsplatz (16.) und konnte diesen erst am 30. Spieltag wieder verlassen.

In der Führungsetage kehrte zwar mit dem neuen Vereins- und Vorstandsvorsitzenden Stefan Hofmann wieder Ruhe ein – er wurde auf der notwendig gewordenen außerordentlichen Mitgliederversammlung bereits im ersten Wahlgang mit 587 Stimmen (und damit der absoluten Mehrheit gewählt) – der Focus richtete sich jetzt aber verstärkt auf Sportvorstand Rouven Schröder und Trainer Sandro Schwarz. Die »Sozialen Medien« und einige der in ihnen agierenden Gruppen zeichnen sich nicht immer durch Sachverstand und Fairness aus. So durfte es auch nicht wundern, dass hier schon bald die Entlassung der beiden gefordert wurde.

Die »Endrunde«

In der Länderspielpause vor dem 28. Spieltag rief der Trainer dann eine »Endrunde« aus, setzte konsequent auf ein 4-3-3 System und schaffte es so, wie eine deutsche Fußballzeitschrift schrieb »die Profis mental über sich hinauswachsen zu lassen«. Die Personifizierung dieses plötzlich erwachten Kampfeswillens war der wieder in die Mannschaft zurückgeholte Pablo de Blasis. Er schoss den Ausgleich in Köln, die beiden Tore gegen Freiburg, das 1:0 gegen Leipzig und legte in Dortmund mit dem Kopf für Mutos 2:0 vor. Mit dem letztlich nicht erwarteten Auswärtssieg in Dortmund war der Klassenerhalt am 33. Spieltag dann doch noch gesichert.

Ridle Baku, der bereits 2007 als Neunjähriger zum Verein kam, sorgte ebenfalls für Schlagzeilen. Er feierte am 32. Spieltag sein Debüt gegen Leipzig, schoss dabei sein erstes Bundesligator und legte gegen Dortmund gleich nach.

Transfers

Der FSV ist ein »Weiterbildungsverein«: Er kauft Talente, gibt ihnen den letzten Feinschliff und muss sie dann ziehen lassen. Nicht besser ergeht es ihm mit den besten Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. Die An- und Verkaufspolitik des Vereins ist daher auch immer von höchstem Interesse. In diesem Sommer verließen den Verein unter anderem Abdou Diallo und Suat Serdar. Pablo de Blasis hat ebenfalls signalisiert, dass er aus seinem Vertrag aussteigen möchte. Der Abgang von Mutō wird ebenfalls erwartet.

Unsere Neuen:

Auf dem Titelbild ist Jean-Philippe Mateta. Gerade mal 21 Jahre jung war Mateta in der vergangenen Saison vom französischen Erstligisten Olympique Lyon an den französischen Zweitligisten Le Havre AC ausgeliehen und erzielte dort in 35 Ligaspielen 17 Tore. Er hat einen Vertrag bis 2022 unterschrieben und trägt die Rückennummer 28. Kunde Malong kommt vom FC Granada. Seine Rasterlocken machen ihn im Team sicher unverwechselbar. Vom FC Metz wurde Moussa Niakaté verpflichtet. Er soll unsere Abwehr verstärken. Philipp Mwene kam aus Kaiserslautern. Ihnen allen ein herzliches Willkommen.

»Kick ‘n’ Rush«

Gute Nachricht für die Fans: Mitte August eröffnet das Fanprojekt Mainz seine Fanhaus in der Weisenauer Str. 15. Dazu gehört auch die Kneipe/Kulturcafé »Kick ‘n’ Rush«, die allen interessierten Mainzerinnen und Mainzern offensteht. Öffnungszeiten des »Kick ‘n’ Rush«: Mi-Do: 18-23 Uhr, Fr-Sa: 18-1 Uhr, So und Mo während der 05-Spiele.

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Sandro Schwarz

Mainz 05: Interview mit Sandro Schwarz

Sandro Schwarz übernahm im Juni von Martin Schmidt das Traineramt beim FSV Mainz 05. Im Gespräch mit dem MAINZER stellt er sich und sein Konzept vor.

 

Sandro Schwarz, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Nachwuchs. Sie sind Mitte Juli Vater geworden. Wie bringt man das im Alltag eines Profis unter?
Danke schön, ich bin ja zum zweiten Mal Vater geworden. Das ist in der Tat nicht ganz einfach, aber es geht. Die Arbeit zu Hause leistet hauptsächlich meine Frau. Sie hat sich über meine Beförderung sehr gefreut und sie ist ein starker Rückhalt.

Zu Ihrer Person. Sie sind Mainzer?
Ja, geboren bin ich im Hildegardis, mein Abitur habe ich am Schlossgymnasium gemacht. Seit meinem fünften Lebensjahr spiele ich Fußball, zunächst bei Kastel 06. Später bei SV 07 Bischofsheim unter Holger Schneider, einem wichtigen Förderer.

War Fußballprofi Ihr Wunschberuf?
Eine Zeit lang wollte ich mal Busfahrer werden. Das fand ich damals cool. Aber schon mit fünf war zumindest klar, dass ich Spaß habe am Fußball. Das hat sich dann so entwickelt. Mit 16 kam das Gefühl, es könnte was werden. Ich bin zur A-Jugend von Mainz 05 gewechselt. Und mit dem ersten Vertrag hat man mir dann bescheinigt, dass ich nicht ganz talentfrei bin. Problematisch war, dass ich am Anfang meiner aktiven Zeit im Seniorenbereich viel verletzt war. Die Belastung ist dort sehr viel höher als im Juniorenbereich. Und ich hatte einfach auch sehr viel Pech.

Als Sie Trainer der U23 wurden – haben Sie da schon vage darüber nachgedacht, dass so mancher Trainer der zweiten Mannschaft später einmal zur Ersten gewechselt ist?
Nein, überhaupt nicht. Mein einziger Gedanke war, wie kann ich mit meiner Mannschaft Spiele im Kampf um die Klasse in der dritten Liga gewinnen. Ich habe keine nächsten Schritte für mich geplant. Wir waren ja in einer schwierigen Situation, im Abstiegskampf. Der Fokus lag allein darauf, die Spiele mit der U23 zu gewinnen.

Sie wurden von den Medien ja schon während der letzten Rückrunde als Nachfolger von Martin Schmidt gesehen – wann wurde es ernst für Sie? Wer hat Sie wann konkret gefragt?
Rouven Schröder nach der Bekanntgabe, dass Martin Schmidt freigestellt wird. Kurze Zeit danach hat er mich gefragt.

Als es zum ersten Mal an Sie ran getragen wurde, wie ging’s Ihnen da?
(lacht) Ja gut, definitiv. Das war natürlich ein gutes Gefühl, im Kreis der Auserwählten zu sein und Cheftrainer werden zu können. Als die Entscheidung gefallen war habe ich mich riesig gefreut, bin erstmal nach Hause und habe es meiner Frau erzählt.

Sie haben einen Vertrag für 3 Jahre. Was wollen Sie in dieser Zeit konkret erreichen? Nur Liga halten oder darf auch einmal das Stichwort »Europa« fallen?
Es geht jetzt zunächst um eine seriöse Vorbereitung und nicht um Gedanken, wie wir in 3 Jahren da stehen. Wir wollen zunächst einmal die Klasse halten, das muss immer das Grundziel sein. Darüber hinaus geht es darum, dass wir durch die Art und Weise, wie wir spielen und uns präsentieren die Mainzer Philosophie leben – das bedeutet menschlich im Umgang miteinander unsere Werte zu pflegen und sportlich gesehen unsere Inhalte auf den Platz zu bringen. Und natürlich geht das nur mit einem guten Trainerteam: Jan-Moritz Lichte als Co-Trainer, Michael Falkenmeyer als Analyst, mit dem ich in der U23 schon zusammen gearbeitet habe. Stephan Kuhnert, die lebende Legende als Torwarttrainer, unsere beiden Athletik-Trainer Axel Busenkell und Jonas Grünewald. Jeder hat seinen Bereich, in dem er genau weiß, was zu tun ist. Am Ende bin ich derjenige, der die Entscheidungen trifft und auch die Konsequenzen trägt.

Letzte Saison: Strukturänderungen, Persönlichkeiten gingen, neue Gesichter, Diskussionen in Sozialen Medien und Printmedien – und schließlich: Abstiegskampf. Sehen Sie da einen Zusammenhang? Geht das alles doch nicht so leicht an einer Mannschaft und ihrem Trainer vorbei?
Das weiß ich nicht. In der U23 in der letzten Saison war das kein Thema. Mich persönlich betrifft das natürlich schon, weil ich alle schon viele Jahre kenne. Ich finde dass die, die da waren, eine sensationelle Arbeit abgeliefert haben. Und für die, die jetzt da sind, geht es drum, den Verein weiter zu entwickeln.

Das neue Team soll beweglicher sein variabler spielen können. Können Sie und das noch etwas erläutern?
Unbeweglich waren wir ja bisher auch nicht. Es geht nicht darum, mit dem 1. Spieltag den perfekten Fußball zu praktizieren sondern darum, Lösungsmöglichkeiten für alle Phasen zu haben, die im Spiel auftreten können. Das müssen wir in den Trainingseinheiten und der Vorbereitung entwickeln. Das ist ein langer Prozess, das sollte klar sein.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Zeiten mit längeren Krisen, spektakuläre Siege gegen starke Mannschaften und Grottenkicks gegen schwache.
Das ist normal. Wir sind Mainz 05. Ich kenne andere Vereine, die haben richtige Krisen. Wir sollten uns da nichts einreden. Für mich ist es keine Krise, in Darmstadt oder in Ingolstadt zu verlieren. Wir haben schon andere Dinge erlebt als Mainzer. Und wenn es einen Verein gibt der weiß, wie er mit Niederlagen umgeht, dann sind wir das bei Mainz 05

René Adler – ist er für Sie die Nr. 1 im Tor? Was erwarten Sie von ihm, außer dass er die Bälle fängt?
Er kann sie meinetwegen auch mal wegschießen – das muss er sogar (lacht). Aber klar, wenn wir Rene Adler holen, werden wir nicht so tun, als ob es eine große Überraschung wäre, wenn er am 1. Spieltag im Tor steht. Und auch wenn man sagt, Rene ist ein Star, finde ich es sehr angenehm, wie er auftritt. Das empfindet jeder in der Gruppe so. Sehr bescheiden, er hat sich sehr interessiert für die Stadt, für den Verein hier in Mainz.
Wir wissen aber auch, dass wir zwei sehr, sehr gute junge Torhüter haben. Auch Rene kann noch dazu lernen, auch von den jungen Kerlen – und sie natürlich von ihm. Was die Torhüterpositionen betrifft, haben wir eine optimale Ausgangssituation.

Gibt es gesetzte Spieler?
Es gibt immer Spieler bei denen man weiß, der hat seine Leistung schon gebracht, auf ihn ist Verlass, der tritt als Führungspersönlichkeit auf. Aber trotz allem muss man das immer wieder auch durch Leistung bestätigen: In jedem Training, in jedem Spiel. Nur weil jemand gesetzt ist heißt das nicht, dass er 6 Wochen keine Leistung bringt und in der 7. Woche trotzdem spielt.

Der Vertrag für Viktor Fischer war für einige sicherlich eine große Überraschung. Können Sie zu unserem neuen Linksaußen noch etwas sagen?
Ein sehr flexibler Spieler, ein Rechtsfuß, der gut zwischen den Linien ist, in den Halbräumen, der gute Positionen für sich findet, ein Top-Fußballer, der einen guten Abschluss hat, der Toptalent bei Ajax Amsterdam war. Wir versprechen uns, dass er nach einer schwierigen Zeit in Middelsbrough bei uns wieder das zeigt, was er davor bei Ajax Amsterdam gezeigt hat.

Schwalben, Handspieldiskussionen, (vermeintliche) Abseitsstellungen – in der neuen Saison wird der Videobeweis sicherlich für Zündstoff sorgen. Wie stehen sie zu diesem technischen Hilfsmittel?
Grundsätzlich sind Videobeweise wichtig, um Klarheit im Spiel zu haben.

Was wird sich für sie jetzt – außerhalb des Berufes – ändern? Bald werden Sie nicht mehr so unerkannt durch die Mainzer Innenstadt gehen können.
Kann sein, ich versuche zu bleiben, wie ich bin. Klar wird man mehr erkannt, ist aber keine Belastung.

Haben Sie sich schon mal sich selbst gegoogelt? Wie aktiv sind Sie bei Facebook, Twitter und Co?
Gar nicht. Gegoogelt habe ich mich schon mal, ich wollte einfach mal sehen, wie ich auf Fotos aussehe (lacht schallend).

Wie viele Treffer bei Google?
Keine Ahnung.

Ungefähr 400 000! Und wie viele Clips auf Youtube?
Vielleicht 4?

Knapp 1000!
Ehrlich? (lacht wieder)

Sind Sie abergläubisch? Manche Fußballer (und auch Fans) haben ja bestimmte Rituale, ziehen zum Beispiel immer bestimmte Klamotten an.
Besonders abergläubisch bin ich nicht. Wenn ich mal wiederholt dasselbe anziehe, heißt das nicht, dass ich abergläubisch bin. Ich habe einfach nicht so viele Klamotten. (lacht)

Welches Verhältnis haben Sie zum rheinhessischen Wein?
(lacht) Ich habe ja mal in Bodenheim gewohnt. Auf dem Albansfest haben wir dann schon das eine oder andere Mal ein Gläschen verhaftet.

Handkäs oder Spundekäs?
Spundekäs

Fleischwurst kalt oder warm?
Kalt

Was darf ein Trainer essen und trinken – im Unterschied zum Spieler?
Alles (lacht schallend) – Nein, wir sollten natürlich auch auf eine ausgewogene Ernährung achten, was mir nicht immer leicht fällt…

Ausgehtipps?
(grinst) Samstags in die OPEL ARENA und natürlich zum öffentlichen Training am Bruchweg, das sind doch prima Ideen. Und ansonsten nach Spielen gemeinsam in die Stadt gehen und dort einfach die Kneipen füllen

Wo stehen wir am Ende der nächsten Saison? Was haben Sie sich für den Pokal vorgenommen?
Der Pokal ist für mich ein extrem wichtiger Wettbewerb, wenn ich an das Finale zwischen Dortmund und Frankfurt denke. Im Pokal kann man mit wenigen Spielen viel erreichen. Das ist ein sehr spannender Wettbewerb. Aus unserer Historie wissen wir, dass es leider auch schnell zu Ende sein kann – aber unser Anspruch ist es natürlich, so weit wie möglich zu kommen.
Für die Bundesliga wäre es nicht der richtige Ansatz, jetzt über Platzierungen zu reden. Wichtig ist, vom ersten Spieltag an die Dinge so zum Funktionieren zu bringen, wie wir’s gerne möchten, wie wir gerne spielen wollen. Die Zuschauer, die Fans sollen das Gefühl haben, da ist eine Mannschaft, die zerreißt sich komplett. Alle zwei Wochen aus der Opelarena zu gehen mit dem Gefühl, die Jungs haben alles gegeben, das ist erst mal die Überschrift. Wenn wir das so hinkriegen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir am Ende der Saison auch eine Top-Platzierung haben werden.

Einer Ihrer Vorgänger – Thomas Tuchel – beschrieb sich als fußballbesessen, über 95% seiner Zeit (außer schlafen) beschäftige er sich mit Fußball. Wie hoch setzen Sie die Zahl für sich an?
Ich will mich nicht mit Thomas vergleichen, aber es reicht schon an die 100% ran. Der Trainerberuf geht nur mit einer tiefen Leidenschaft und das heißt auch, sich ständig Gedanken darüber zu machen: Spielanalyse, Analyse des Gegners, Teamführung, Trainingsformen zu entwickeln, die die Mannschaft voran bringen. Es ist schwer, abzuschalten, auch wenn man mit der Familie unterwegs ist. Du bist schon permanent unter Strom.

Wie wichtig ist Psychologie für Sie?
Ich finde das sehr wichtig. Eine Bindung zu den Jungs zu haben, das vorzuleben, was man erwartet. Dazu gehört auch, viele Gespräche zu führen, bei denen es um den Menschen geht, nicht nur um den Fußballer.
| Das Interview führte Dr. Paul Nilges