Weinhaus Engel
Alzeyer Straße 7
55459 Grolsheim
Telefon 0 67 27 - 357
Öffnungszeiten
Montag bis Samstag ab 18 Uhr
Sonn- und Feiertage
11.30 bis 14 Uhr und ab 17 Uhr
Wertungstabelle:
| Essen | 7,5 |
| Trinken | 7,5 |
| Service | 7,5 |
| Ambiente | 8,5 |
| Preis-Leistung | 7,0 |
Gesamturteil 38,0 : 5 = 7,6
7,6 Kochkappen

Weinhaus Engel:
Ambitioniert-mediterran
»Wie weit denn noch? Wir müssen doch bald an der Grenze sein!« Mister X lässt sich von solchen Fragen nicht erschüttern.
»Rheinhessen ist eben ein bisschen größer als der Rheingau mit seinem schmalen Rebenband am Rhein. Hier erstrecken sich die sanften
Rebhügel bis zum Horizont.« Nur nicht widersprechen. Wenn der Meister erst einmal ins Schwärmen über sein Rheinhessen kommt, ist Widerstand zwecklos,
und Raum und Zeit verlieren ihre Bedeutung.
Nach einer halben Stunde sind wir angekommen in Grolsheim und ein schmuck renoviertes Fachwerkhaus erwartet uns.
Der Innenarchitekt hat ganze Arbeit geleistet, ohne Reblaub-Schnickschnack ist der alte Fachwerkbau geschickt mit der benachbarten Scheune
verbunden worden. Sichtmauerwerk, offene Dachkonstruktion, sparsam eingesetzte Dekoration verraten die stilsichere Hand. Auf mehreren Ebenen,
wie in Landgasthöfen häufig anzutreffen, gruppieren sich große und kleine Gastinseln, die einladend eingedeckt sind. Beste Voraussetzungen für
einen gemütlichen Abend. Mister X ist zufrieden.
Gütig schweift sein Blick über die Weinkarte. Eine reiche Auswahl von offenen Weinen aus den zurückliegenden drei Jahrgängen
zu Preisen zwischen 2,80 und 3,80 Euro finden seinen Gefallen. Die Schoppenweine repräsentieren einen schönen Querschnitt durch die Rebsorten,
die dem Anbaugebiet in den vergangenen Jahren zu steigendem Ansehen verholfen haben. Doch: Wo kommen die Weine genau her, aus welchem Ort,
welcher Lage, welchem Weingut? Die gut aufgelegte Bedienung hilft. Es sind die Weingüter aus der näheren Umgebung, die in der Flaschenweinkarte aufgeführt werden.
Erstes Grummeln bei Mister X. OK, die Flaschenweine aus Rheinhessen, von der Nahe und aus dem Rheingau sind ordentlich ausgezeichnet und mit Preisen
zwischen 17 und 30 Euro (für einen trockenen 2005er Nahe-Spätburgunder aus dem Barrique) vernünftig kalkuliert. »Aber ich bin doch nicht beim Millionärs-Quiz
und ziehe bei Bedarf den Bedienungs-Joker«, mault der Meister. Eine saubere Chardonnay-Spätlese, Jahrgang 2006 (3,70 ), besänftigt ihn.
Auch mein trockener 2006er Riesling QbA (3,30 ) ist ein anständiger Vertreter seiner Zunft.
Zur Speisenkarte. Offenkundig hat die Küche den Drang zu einem ambitionierten gutbürgerlichen Angebot mit internationalem mediterranen Anstrich.
Die Vorspeisen locken mit einer Auswahl von Kirschtomaten, Mini-Mozzarella, Oliven und Griebenschmalz mit Baguette-Körnerbrot (7,50 ), mit Carpaccio
von der geräucherten Gänsebrust mit Meerrettichhobeln und Feldsalatblättchen(9,50 ) oder Fischen und Meeresfrüchten aus dem Tomaten-Safransud mit
Knoblauchbrot (ab zwei Personen je 7,50 ). Wir entscheiden uns für Bruschetta von Graubrot mit Parmaschinken und mariniertem Parmigiano Reggiano (8,50 )
sowie einer aufgeschäumten Kartoffelsuppe mit gebratenen Blutwurstscheiben (5,50 ).
Auch bei den Hauptspeisen gibt es eine ausgewogene Mischung verschiedener Fleisch- und Fischgerichte. Dazu gehören Coq au Vin von der Maispoulardenbrust
in Burgunderjus mit Gemüse und abgeschmolzenen Bandnudeln (14,50 ), Rinderfiletspitzen auf Pfefferrahmsauce mit Bandnudeln und Salat (16,50 )
oder verschiedene Schweine- und Rinderfilets, gebraten und gegrillt mit diversen Saucenklassikern (13,50 bis 17,50 ). Wer’s leichter mag, nimmt
vielleicht allerlei Blatt- und hausgemachte Salate mit gebratenen Filetspitzen, Speck, Zwiebeln und Champignons in Kräuterbutter geschwenkt (13,80 ).
Wir mögen es heute klassisch und bestellen ein Wiener Kalbsschnitzel in Butterschmalz gebacken, mit feinem Gemüse und Pommes Frites (14,70 )
für Mister X sowie gegrilltes Kalbsrückensteak mit Roquefortsauce (16 ) und dazu Pommes Frites, die mit 2,50 extra zu bezahlen sind.
Die Vorspeisen sind da. Zwei große Blutwurstscheiben geben der aufgeschäumten Kartoffelsuppe vor Mister X ein Gesicht. Doch der Meister vermisst ein wenig Pfiff:
»Eine Kartoffelsuppe braucht das Rückgrat von ausgelassenem Speck, Zwiebeln, Wurzelgemüse und die Aromen feiner Kräuter. Dazu vielleicht ein Tropfen Trüffelöl als Krönung.
So aber kann es auch die angeröstete Blutwurst nicht mehr reißen«.
Dafür habe ich einen Volltreffer gelandet. Dunkle Scheiben Graubrot, außen rösch und knusprig, innen noch zart, sind die kräftige Unterlage für hauchdünnen,
feinen Parmaschinken. Das i-Tüpfelchen setzen im Kontrast kleine Parmesan-Würfel in einer sauer-süßen Balsamico-Reduktion, Köstlich.
Wohlige Laute gibt es inzwischen auch von gegenüber. Mister X macht sich über seine beiden goldgelben Wiener Schnitzel her, die einen deutlichen Duft
von Butterschmalz verströmen. Die dünn geklopften Schnitzel sind saftig und sehr zart, dazu gibt es ein Gemüse-Allerlei von Möhren, Bohnen, Broccoli und Kaiserschote.
Da verzichtet der Meister auch gern auf die klassische Anrichte mit Zitrone und Kapern-Sardelle.
Ohne jeden Firlefanz präsentiert sich mein Kalbsrückensteak, ein prächtiges 280-Gramm-Stück, das vom scharfen Anbraten feine Röstaromen bereit hält.
Einzig die sämige Roquefortsauce hätte für meinen Geschmack noch kräftiger ausfallen dürfen und erinnert eher an deutsche Blauschimmelkäse als an den
würzigen französischen Bruder. Dazu gibt es eine ordentliche Portion Pommes Frites. Eine runde Sache, zumal das Fleisch den zartrosa Garpunkt nur knapp verpasst hat.
Einmal mehr waren die Portionen so reichlich, dass selbst der stahlgehärtete Magen von Mister X vor der Dessertauswahl kapitulieren muss. Für Käse und Feigensenf
mit Baguette (8,50 ) oder eine Crθme Brulιe von Blutorangen (6,50 ) bleibt leider kein Platz mehr. Ein Jammer!
»Hast Du eigentlich wenigstens ansatzweise bemerkt, dass ich mir eine neue Frühjahrsgarderobe zugelegt habe?« frage ich Mister X mit einem Hauch von
beleidigtem Unterton. Der Meister, Kavalier der alten Schule, tupft sich Butterschmalz aus dem Mundwinkel und schaut unverblümt auf meine vom Kalbsrückensteak
über dem Bauch leicht angespannte Bluse. »Doch, schon«, bemerkt Mister X, »aber ich frage mich die ganze Zeit, warum Du sie nicht einfach in Deiner Größe gekauft hast«.
Die halbstündige Rückfahrt verlief sehr schweigsam.
