Aposto
Gutenbergplatz 8-10
55116 Mainz
Telefon 0 61 31 - 6 93 16 20
Täglich geöffnet von 10 bis 1 Uhr,
Freitag und Samstag bis 2 Uhr,
Küche 10 bis 0 Uhr
Wertungstabelle:
| Essen | 5,0 | |
| Trinken | 6,0 | |
| Service | 7,0 | |
| Ambiente | 7,0 | |
| Preis-Leistung | 5,0 |
Gesamturteil 30,0 : 5 = 6,0 Kochkappen
6 Kochkappen

Dem Lifestyle a la italiano zuliebe
Die Kochkunst mit System begraben
»Wie bist Du denn da hinein gekommen?« Mister X mustert mich von Kopf bis Fuß. »Das ist meine neue Frühjahrsgarderobe«, kläre ich ihn auf,«im italienischen Stil, also figurbetont«.
Der Meister, eine Koryphäe der Weinwelt, aber offensichtlich wenig vertraut mit Mailänder Prêt-à-Porter-Mode, schüttelt verständnislos den Kopf: »Zwei Nummern zu eng und die Schuhe
einen halben Meter zu hoch«. Banause. »Schließlich sind wir doch beim In-Italiener, im Reich von Pasta und Prosecco, da sind Stiletto und Designer-Täschchen Pflicht«, beharre ich.
X bleibt ungerührt: »Papperlapapp, wir sind zum Essen hier und nicht auf dem Mainzer Cat Walk«.
Zielsicher steuert Mister X auf einen Tisch im Untergeschoss zu. Das Design passt zu meinem »outfit«, finde ich. Dielenboden, Kerzen, indirektes Licht und warme Farben von
Gelb bis Kaffeebraun, Fotogalerien mit Motiven aus dem Dolce Vita, helle Holzmöbel und strenge Gliederung schaffen eine angenehme Atmosphäre zurückhaltender Eleganz. Halbrunde
Lounge-Gruppen mit roten Polsterbänken brechen die Strenge. »Sehr stylish«, unternehme ich einen letzten Versuch. Mister X brummt nur abwesend und ist längst in die Speisenkarte vertieft.
Das Angebot ist groß, aber übersichtlich sortiert. Vorspeisen (4,60 bis 9,50 Euro), Salate (2,90 bis 9,90 Euro), Nudelgerichte (5,90 bis 10,50 Euro), Fleisch (8,40 bis 12,90 Euro),
Fisch (9,50 bis 13,90 Euro) und Steinofen-Pizza (3,90 bis 10,20 Euro) dekken die ganze Bandbreite dessen ab, was man »vom Italiener« hierzulande erwartet, wenn man noch nie in der Emilia
Romagna, im Friaul oder in Apulien im Ristorante gesessen hat. Die großartige italienische Regionalküche mit ihren Spezialitäten, die man in keinem anderen Land findet, sucht man
allerdings vergebens. Dafür gibt es über 50 Cocktailvarianten, ab 22.30 Uhr täglich zu Sonderpreisen.
Für den Guten Zweck
»Allmächtiger, ich dachte, der sei in den 70-er Jahren schon ausgestorben«. Entsetzen macht sich auf dem Gesicht des Meisters breit, als er in der Weinkarte als erstes einem
Lambrusco (Schoppen 3,70 Euro) begegnet. Immerhin sind auch eine Reihe italienischer Herkunftsweine gelistet. Vor allem aber Modeweine wie den Gavi die Gavi (Flasche 21,40 Euro),
Bardolino Classico (Schoppen 6,20 Euro, Flasche 23 Euro), Montepulciano (5,80 Euro/21 Euro) oder Chianti Classico (Flasche 29,50 Euro), die dem Szenegänger gern als Ausweis von Lifestyle dienen.
Wir probieren es mit einem Pinot Grigio von Gerogio und
Gianni aus Venetien (4,40 Euro) und einem Syrah aus Sizilien (4,80 Euro), der sich »Gorilla« nennt. Die Karte klärt auf: Fünf Prozent des Erlöses je Flasche werden für die Dian
Fossey-Stiftung für den Erhalt der letzten 650 Berggorillas gespendet, daher der Name. Dass Mister X sich ausgerechnet diesen Wein aussucht (gibt es in Rheinhessen eigentlich
Berggorillas?), lädt zu hässlichen Lästereien ein, die ich mir allerdings verkneife, weil der Meister heute nicht in der Stimmung für Kalauer scheint. Seine Miene nach dem ersten
Probierschluck spricht denn auch Bände. »Ist für einen guten Zweck«, knurrt er griesgrämig. Mein Pinot Grigio ist zwar kein Hochgewächs, aber taugt mit breiter, reifer Frucht als
ordentlicher Essensbegleiter.
Vorgekochtes erwärmt
Mister X hat sich endlich entscheiden. Er bestellt eine Minestrone (3,90 Euro), Bruschetta mit
Rucola, Tomate, Parmaschinken und Parmesan (5,80 Euro) und geschmorte Lammhaxe an Rosmarinjus (11,80 Euro). Was es zum Hauptgericht gibt? Nun, Beilagen sind extra zu bestellen,
klärt ihn die gut aufgelegte, freundliche Bedienung auf. Also kommen noch Rosmarinkartoffeln in Olivenöl geschwenkt (2,90 Euro) obendrauf - zu Lasten des Preis-Leistungs-Verhältnisses.
Ich habe meine Wahl auch getroffen und entscheide mich für kleine, gebackene Tintenfische an pikantem Tomatensugo (7,80 Euro) und dem Klassiker, der in allen Pizzerien in unterschiedlicher
Qualität zu Hause ist: Spaghetti Carbonara mit Speck, Sahnesoße und Ei (7,40 Euro).
Es können höchstens zehn Minuten gewesen sein, da stehen auch schon Vorspeise und Suppe auf dem Tisch. Mister X seziert die Minestrone, legt einzelne, schlapp gekochte Gemüsestücke
an den Tellerrand. »Geschmacklich in Ordnung, aber vorgekocht, heiß gemacht und kleingewürfelte frische Zwiebel- oder Paprikastücke zur Wiederbelebung eingestreut«, lautet sein Urteil.
Hohe Küchenkunst habe auch ich nicht auf dem Teller. Die »kleinen gebackenen Tintenfische« entpuppen sich als die üblichen, durch einen Teig gezogenen und frittierten Tintenfischringe
und -köpfe, die es freitags in der Mensa oder der Werkskantine gibt. Der Tomatensugo ist tatsächlich streichfähig, wie er sein sollte. Ob das vom ewig langen Einkochen herrührt oder
vom hohen Tomatenmark-Anteil, sei dahingestellt. Der Geschmack spricht für Letzteres.
Auch die Bruschetta kann Mister X nicht restlos überzeugen. Das geröstete Brot ist längst weich geworden, Rucola, Tomatenwürfel und Parmesan sind frisch, haben aber mit Salz
und Pfeffer nur in homöopathischen Dosen Bekanntschaft gemacht und hinterlassen deshalb keinen bleibenden Eindruck.
Jetzt aber die Hauptspeisen. Vor Mister X steht eine ordentliche Portion Lammhaxe begleitet von den zusätzlich georderten Rosmarinkartoffeln. Die kräftige braune Fleischsoße
macht die wässrigen Kartoffeln mit ihren darüber gestreuten Rosmarinspänen einigermaßen wett, aber das Fleisch.«Vor gefühlt einigen Wochen geschmort, dann luftgetrocknet und
vor dem Servieren wieder warm gemacht«, lautet das eindeutige Urteil des Meisters. Die Ränder sind dementsprechend knochentrocken und hart.
Dauerhafte Verbindung
Warum ich zu meinen Spaghetti wohl Messer und Gabel bekommen habe statt Gabel und Löffel? Weil die hausgemachten Nudeln zu einem Batzen zusammengekleistert sind und sich beharrlich
jedem Versuch verweigern, sie einzeln oder paarweise aufzurollen. Sahnesoße und verquirltes Ei sind mit den klebrigen Nudeln eine dauerhafte Verbindung eingegangen. Schade, denn der
gebratene Bauchspeck, der zu dieser klassischen Zubereitung gehört (niemals Kochschinken!) schmeckt richtig lecker.
In einem Anflug von schlechtem Gewissen bestellt uns Mister X zum versöhnlichen Ende ein Glas Prosecco und ringt sich doch noch ein Kompliment für mein hautenges Designer-Ensemble ab.
Na also, geht doch. Ich proste ihm fröhlich zu: »Stößchen!«.Und prompt setzt er ihn wieder auf - diesen gequälten Blick.