Gesunkene Nachfrage fördert automatisierung
Automaten gegen Beamte
17:8 steht's in Mainz. Oder besser gesagt am Mainzer Hauptbahnhof. 17 Ticketautomaten gegen acht Schalter. Wobei man sagen muss, dass die menschliche
Quote noch schlechter ist, da nur die Hälfte der Schalter wirklich besetzt ist. Dafür sind die Schlangen im Reisezentrum längst nicht mehr so lang wie
noch vor zehn Jahren. Direkt gegenüber dem Eingang steht eine Empfangsdame, neben ihr ein Nummernausgabegerät. Heutzutage zieht man nämlich zu allererst
eine Nummer, wenn man persönliche Bedienung wünscht. Dann muss man im »Wartezimmer« Platz nehmen, bis es Bling macht und man seine Nummer auf dem Display
sieht. Weil man diesen Service bei der Bahn noch nicht gewöhnt ist, gibt es die Empfangsdame, die fast jedem Kunden erklären muss, was hier eigentlich los
ist. Das Ganze hat ein bisschen Amtsschimmel-Flair.
Schneller geht es da vermeintlich an den Automaten. Wenn man allerdings etwas genauer hinschaut, sieht man, dass das bei vielen Bahnreisenden ganz und gar
nicht der Fall ist. Viele -bei Leibe nicht nur die Senioren - müssen sich erst einmal bei der Empfangsdame Hilfe holen. Da es davon nur eine gibt, und
die nicht immer an ihrem Platz sein kann, herrscht bei so manchem Kunden Ratlosigkeit. Was muss man drücken? Warum nimmt der Automat die Eingabe nicht an?
Mit welchem Zug fährt man überhaupt? Ist da der Zuschlag schon dabei? Wie wird reserviert? Manch einer fühlt sich überfordert, gerät dadurch in Hektik: das
Portemonnaie fällt auf den Boden, das Kleingeld fliegt herum und bis alles aufgesammelt ist, ist die Anfrage wieder vom Bildschirm verschwunden. Hat man
endlich das Ticket der Wahl, geht es ans Bezahlen. Auch hier gibt es Tücken: etwa wenn der Automat den Geldschein nicht will oder wenn man nicht mit Karte
zahlen will.
Früher gab es zwar deutlich weniger Möglichkeiten seine Fahrkarte zu kaufen, dafür ist heute Hilfe oft fern. In Zukunft soll es nach Meinung der Bahn
sogar noch weniger Schalterbeamte geben - weil immer mehr Menschen ihre Karten im Internet oder am Automaten kaufen. In einer kürzlich veröffentlichen
Pressemeldung formuliert die Deutsche Bahn das so: »Vor diesem Hintergrund passt die DB in den kommenden Jahren die Personalstärke in ihren Reisezentren
schrittweise der sinkenden Nachfrage an.« Das heißt, dass der Schalterbeamte in den Deutschen Reisezentren ein Auslaufmodell ist. Bis 2016 sollen
deutschlandweit etwa 350 Reiseberater neue Aufgaben bekommen, 350 weitere scheiden aus dem Unternehmen aus - »durch natürliche Fluktuation oder
altersbedingt«. »Durch diese interne Anpassung reagieren wir auf das geänderte Nachfrageverhalten und sichern die Zukunftsfähigkeit unserer Reisezentren.
Auf die Kunden wird sich dies nicht auswirken«, verspricht Ulrich Homburg aus dem Vorstand der Abteilung Personenverkehr. »Auch die Präsenz der DB
an den Standorten unserer gut 400 Reisezentren steht nicht auf dem Prüfstand.« Nun ist es aber sowieso schon so, dass es zum Beispiel am Banhof
Römisches Theater keinen einzigen Schalter mehr gibt und man sein Ticket entweder am Automaten zieht oder zum Hauptbahnhof tingelt, um beraten zu werden.
»Es gibt genügend Reisende die komplexere Tickets brauchen, aus Datenschutzgründen nicht an den Automaten wollen oder von der neuen Technik überfordert
sind,« erklärt Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Vereins Pro Bahn. »Natürlich gibt es tatsächlich immer mehr Menschen, die ihre Fahrkarte im
Internet buchen, das bedeutet aber nicht, dass der Schalterbeamte überflüssig wird. Er sollte nur mit anderen Aufgaben betraut werden.« Für Naumann ist
dieser Umschwung sogar eine Chance. »Warum gibt es zum Beispiel nicht einen Counter, der speziell dafür da ist, die Reisenden mit den neuen Technologien
bekannt zu machen. Oder wie wäre es, wenn man am Schalter nicht nur Fahrkarten kaufen könnte, sondern auch noch touristische Angebote abfragen.
Wo kann man das besser als im Bahnhof?«