Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs
Der Stoff, der neue Seitenhiebe nährt
»Ach ja - Mainz wie es singt
und lacht!« Haben angesprochene
Mainzer früher über derartige Reaktionen auf ihre Heimatstadt die
Nase gerümpft, erhält die Anspielung mittlerweile eine ganz andere
Aktualität. Seit der Untreueprozess gegen die Wohnbau angelaufen ist, könnte man meinen, in
Mainz gehe es tatsächlich nur närrisch zu. Die besondere Brisanz
des Prozesses offenbart sich schon
beim Blick, welche Prominenz im
Zeugenstand zu den Anschuldigungen in Richtung des früheren
Geschäftsführers Rainer Laub befragt wird. Der Oberbürgermeister,
sein früherer Stellvertreter, die
CDU-Fraktionschefin, die Vereinsspitze von Mainz 05 - alle sind geladen, um mehr Licht in die Vorfälle rund um die stadtnahe Gesellschaft zu bringen, die am Ende
in einer desaströsen finanziellen
Bauchlandung endete.
Den Anfang machte der einstige Geschäftsführer Laub selbst
und brach damit sein mehrjähriges Schweigen. Erwartungsgemäß war der
Tenor seiner Ausführungen: Laub
will
nicht der Buhmann für die Fehlentwicklung sein, die imposante
20 Umzugskartons voller Akten
füllt.
Und ganz falsch liegt der einstige Wohnbau-Chef trotz eigener
hoher Fehlerquote dabei nicht.
Denn die Rolle des Aufsichtsrats
der Gesellschaft, der immerhin
von OB Beutel und seinem damaligen Bürgermeister Schüler geführt
wurde, ist mehr als fragwürdig.
Viele Entscheidungen hat das Gremium mitgetragen, für die jetzt der
Geschäftsführer in Koblenz vor Gericht steht.
Zudem ist es längst ein offenes
Geheimnis, dass die Mainzer Kommunalpolitik und Stadtspitze die
Wohnbau immer dann in die
Pflicht nahm und zu Projekten nötigte als sie selbst mit dem Latein
(oder den Finanzen) am Ende war.
Das ist Fakt und schwebt über allem, was die Koblenzer Richter in
Sachen Wohnbau-Affäre zu verhandeln haben. So wenig Laubs
Auftritt und Prozesstaktik eine
Überraschung war, so wenig Erhellendes wollte auch der Oberbürgermeister selbst beitragen.
Vielmehr stützte sich Beutel auf
Erinnerungslücken. Ob Rechnungen für Privatreisen oder millionenschwere Großprojekte - alles
vergessen. Ebenso der Bau der
VIP-Tribüne im Bruchwegstadion,
über dessen Konditionen und Rolle
der Wohnbau OB Beutel als Aufsichtsratschef nicht informiert gewesen sei. Obwohl das Kontrollgremium das Projekt gekannt und
mehrheitlich gebilligt habe - so
beharren zumindest die Anwälte
von Laub.
Und mitten in den mit Spannung erwarteten Prozessauftakt
platzte noch eine Nachricht, die
das Image des stets lachenden
und singenden Städtchens noch
mehr festigte. Angeblich hat der
Oberbürgermeister auf eine Ruanda-Reise im vergangenen Monat eine Rechnung an der Hotelbar nicht beglichen. Da fehlten
selbst Koalitionären des Ampelbündnisses im Rathaus die Worte,
weil sich selbstverständlich der
kausale Zusammenhang zum
Wohnbau-Prozess förmlich aufdrängt.
Und die mit 80 Tagessätzen geahndete Teilnahme des
Oberbürgermeisters an einer privaten Capri-Reise der Stadtwerke
ist schließlich auch noch nicht
vergessen. Welches politische
Beben dieser Vorfall noch auslöst, bleibt abzuwarten. Doch
über die Peinlichkeit sind sich
selbst Politiker unterschiedlichster
Couleur ausnahmsweise mal einig. Zumal in diese Affäre rund
um die Ruanda-Zeche ausgerechnet noch der rheinland-pfälzische
Minister Lewentz hineingezogen
wurde. Der gilt nicht nur als politischer Saubermann, sondern wird
auch hartnäckig als möglicher
Nachfolger von Ministerpräsident
Beck gehandelt.
Jetzt musste Lewentz nicht nur die Rechnung für
den Mainzer OB begleichen, sondern auch noch das Verhalten eines SPD-Parteifreund auf Reisen
kommentieren. Und dabei wurde
schnell klar, dass die Landes-SPD
längst den Stab über den Oberbür-
germeister der Landeshauptstadt
gebrochen hat. Und Mainz muss
mit der nächsten Affäre leben, die
Stoff für neue Seitenhiebe gibt.
Traurig.