Gewalt gegen Frauen
Das Problem ist noch nicht aus der Welt

Immer wieder schlägt und demütigt er sie, droht, sie umzubringen, falls sie sich von ihm trennt.
Mirjam S. ist seit vier Jahren mit
Jens S. verheiratet und der Gewalt
ihres Mannes hilflos ausgesetzt.
Die Hausfrau und Mutter will sich
weder ihrer Familie noch ihrer besten Freundin anvertrauen, obwohl
diese sie auf ihre Verletzungen anspricht. Zu groß ist die Scham.
Mirjam S. ist kein Einzelfall. Unzählige Gewaltakte erleben Frauen
täglich, deutschland- und weltweit. Um die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit auf diese Menschenrechtsverletzung zu richten,
haben die Vereinten Nationen den
25. November zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen deklariert.
Im Zentrum stehen
dabei die Themen Zwangsprostitution, sexueller Missbrauch, Sextourismus, Vergewaltigung ebenso
wie Genitalverstümmelung, Häus-liche Gewalt und Zwangsheirat.
Auch den Mainzer Einrichtungen
für Opfer von Gewalt ist das Datum von großer Bedeutung. Eva
Jochmann vom Verein Notruf und
Beratung für vergewaltigte Frauen
und Mädchen: »Dieser Tag ist so
wichtig, weil das Problem weltweit in der Öffentlichkeit angesprochen wird. Vor allem aber ist
die offizielle Anerkennung durch
die Vereinten Nationen bedeutsam.«
Der Notruf, der 1997 als einer der ersten in Deutschland gegründet wurde, kümmert sich speziell um Opfer sexualisierter Gewalt, zu der etwa Vergewaltigung,
sexueller Missbrauch und sexuelle
Belästigung gehören. »Die Zahl an
Beratungen hat in den letzten Jahren zugenommen. Das ist einer-
seits gut, weil wir es geschafft haben, die Frauen zu ermutigen,
über das zu sprechen, was sie erlebt haben«, sagt die Pädagogin. »Andererseits wünschen wir uns
natürlich, dass die Gewalt an
Frauen abnimmt.« Im letzten Jahr
haben 140 Frauen und Mädchen
telefonisch oder per E-Mail Kontakt mit dem Notruf aufgenommen
sowie persönliche Beratungen erhalten, außerdem meldete sich
dieselbe Anzahl an Vertrauenspersonen von Betroffenen. Zu den am
häufigsten registrierten Gewaltformen zählen sexueller Missbrauch
in der Kindheit und Vergewalti-
gung. Die Täter sind überwiegend
Ehemänner oder Partner, aber
auch Bekannte und Freunde der
Frauen.
Daher träfen sie die Angriffe unmittelbar, sie seien nicht
darauf vorbereitet, dass ihnen so
etwas in vertrauter Umgebung von
Männern zugefügt werde, die sie
kennen, erklärt Jochmann. Meist
suchten die Frauen die Schuld bei
sich selbst und sprächen nicht
über die Gewalterlebnisse.
Traurige Zahlen

Dieselben Täter und ähnliche
Opferreaktionen bestätigt GabrieleHufen vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF), der ein
Frauenhaus, eine Fachberatungsstelle und Interventionsstelle unterhält, für den Bereich Häusliche
Gewalt. In Rheinland-Pfalz umbenannt in Gewalt in engen sozialen
Beziehungen (GesB) findet sich
diese »in allen Gesellschaftsschichten, Bildungsständen und
Kulturkreisen«, erzählt die SKF-
Vorsitzende.
»Betroffen sind vorwiegend 28- bis 40-jährige Frauen.« Durchschnittlich 100 wohnen
pro Jahr in dem 1979 eröffneten
Frauenhaus, ein Rückgang ist seither nicht erkennbar. Auch bei der Interventionsstelle sind die Zahlen
mit jährlich 360 Meldungen konstant geblieben. Dabei handelt es
sich um die Frauen, die bei einem
GesB-Einsatz der Polizei eingewilligt haben, dass die Einrichtung sie zwecks Hilfe kontaktieren darf.
Andere verweigern aus Angst. Nahezu »explodiert« ist die Zahl der
Fälle bei der Fachberatungsstelle
mit inzwischen 500 pro Jahr.
»Eine
traurige Zahl, aber es zeigt, dass
wir die Frauen erreichen«, bemerkt
Gabriele Hufen. Der 25. November
sei essentiell, weil er immer wieder auf Häusliche Gewalt aufmerksam mache. »Aber trotz
rechtlicher Verbesserungen ist das
Problem der Gewalt an Frauen
nicht aus der Welt geschafft worden.«
Hintergrund für die Entstehung
des Aktionstags war die Verschleppung, Vergewaltigung und Ermordung der Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresia Mirabal
am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik von Soldaten des ehemaligen Diktators Trujillo. Zunächst wurde der Aktionstag 1981 nur von karibischen Frauengruppen begangen, die damit
an die Gräueltat erinnern wollten.
Die Vereinten Nationen übernahmen 1999 offiziell den Protesttag.
Weltweit wird mit Veranstaltungen von Frauenprojekten und
Initiativen, aber auch von staatlicher Seite zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen aufgerufen. In
Mainz hisst das städtische Frauenbüro seit 2001 auf der Ludwigsstraße, dem Schillerplatz und vor
dem Rathaus blaue Fahnen, die
eine stilisierte Frauenfigur mit
dem Slogan »frei leben - ohne
Gewalt« zeigen. Diese Fahnenaktion wurde von der Frauenorganisation Terre des Femmes im Jahr
2000 ins Leben gerufen und findet
auch im Ausland immer mehr
Beteiligung.
INFOS:
Frauennotruf: 06131 221213,
info@frauennotruf-mainz.de
SKF: Frauenhaus u. Fachberatungsstelle: 06131 279292;
Interventionsstelle: 06131 6176570
Ansprechpartner und Anlaufstellen auch unter:
www.mainz.de, Suchbegriff: »Wege bei Gewalt«
VERANSTALTUNGSTERMINE
25.11. Film: Anonyma - Eine Frau in Berlin. 14.00 Uhr, Residenzkino
30.11. Projekt: Verschwiegene Gewalt - Entlastung durch Verstehen,
Vortrag: Sexualisierte Gewalt in der Lebensgeschichte heute alter Frauen. 16.00 Uhr, Frauenklinik der Universitätsmedizin