Geschichten Beim Waschen
Zeitvertändeln im Schleudergang
Warten. Lesen. Träumen. Während der Zeit, die eine Waschmaschine braucht, um dreckige Wäsche in saubere zu verwandeln, hat man viel Zeit.
Sehr viel Zeit. Das mag einem daheim vielleicht nicht so auffallen, aber im Waschsalon. Da kann man sich wunderbar Tagträumen hingeben. Wie
wäre es, wenn der heiße Typ aus der legendären Levis-Werbung plötzlich durch die Tür käme, seine Jeans auszöge und man ihn in Shorts bewundern
könnte? Naja, ich gebe zu, ziemlich unwahrscheinlich, dass das mal passiert. Trotzdem ist ein Waschsalon immer der perfekte Ort für gute Geschichten.
Denn hier kommen Menschen jeder Couleur her: Studenten, Rentner, Alte, Junge, Männer, Frauen. Trotzdem werde ich immer wieder gefragt: »Echt,
gibt es die noch?«. Ja, in Mainz sogar drei Stück, in der Parcusstraße, der Rheinallee und der Boppstraße. Also überall dort, wo viele Menschen
wohnen, die entweder keinen Platz oder kein Geld für eine eigene Waschmaschine haben - wie zum Beispiel Studenten. Bei mir gab es eine ganze Weile
nur drei Möglichkeiten: die ständig besetzte und nicht gerade superhygienische Gemeinschaftsmaschine im Keller, dreckige Wäsche horten bis zum
nächsten Besuch bei Mama oder eben der Gang in den Waschsalon. Wie gesagt, die im Keller war eklig und meine Mutter wohnt über 400 Kilometer weit
weg. Außerdem hat so ein Besuch im Waschsalon etwas.
Schwätzen und träumen
Ich glaube, was genau mit den Menschen im Waschsalon passiert, liegt an der jeweiligen Tagesform. Ist man selbst gut drauf und kommunikativ, findet
sich immer irgendjemand zum Schwätzen. Das sind Gespräche, die im normalen Bekanntenkreis niemals aufkommen würden. Eines Tages, ich hatte gerade
mit einer von drei notwendigen Waschmaschinen angefangen, kam ich ins Gespräch mit der netten, jungen Frau neben mir. Keine Ahnung, wie das passiert
ist. Wahrscheinlich hat man sich über Waschpulver, Kleingeld oder den oftmals recht umständlichen Heimtransport der nassen Wäsche (Trockner kosten
ordentlich Geld) unterhalten. Nachdem man die Vornamen ausgetauscht hatte, ging es an die Standardfrage: Und was machst Du? Womit ich nicht gerechnet
hatte, war ihre Antwort: Ich bin Prostituierte. Gut, auch die müssen waschen. So entspann sich eine Lehrstunde darüber, wie man welche Dessous am besten
wäscht, welche Männer auf welche Unterwäsche stehen und warum bei ihr der ein oder andere Schlüpfer urplötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.
So schnell vergeht die Zeit im Waschsalon selten.
Vor allem nicht, wenn man einen etwas introvertierten Tag hat. Dann kann man die Zeit nutzen, um zu lernen oder zu lesen. Oder man beobachtet einfach
die anderen Gäste. Ich bin mir fast sicher, dass das am meisten Spaß macht. Wer schmeißt was in die Trommel? Nach welchem System wird getrennt? Und
über was reden wohl die beiden dort in der Ecke? Man kann sich ganz wunderbar Geschichten zu den einzelnen »Mitwäschern« ausdenken. Der studiert BWL,
der Archäologie, die hat wahrscheinlich Katzen, .
Aber selbst wenn die Besuche im Waschsalon immer ihren ganz eigenen Reiz haben, wenn man ein Jahr lang jedes Wochenende in den Waschsalon geht,
hat man schnell das Geld für eine eigene Waschmaschine zusammen. Immerhin kostet eine Maschine drei Euro, zehn Minuten im Trockner kosten 60
Cent und wenn man kein eigenes Waschmittel mitbringt, fallen nochmals 50 Cent an. Da selbst beim gröbsten Sortieren auf jeden Fall zwei Maschinen -
hell und dunkel - zusammen kommen, schlägt so ein Besuch mit sieben Euro zu Buche. Das sind 364 Euro im Jahr. Dafür bekommt man schon eine Waschmaschine.
Ob man die gesparte Zeit dann allerdings sinnvoller verbringt, sei dahin gestellt. Ein bisschen Zeit fürs Warten, Lesen und Träumen ist doch gar nicht
so schlecht in so einer hektischen Welt.