Keine Herberge für Zwerge:
Die Zwerchallee
Wenn man Kinder fragt, was sie sich unter einer ,Zwerchallee' vorstellen, dann gibt es zwar sehr unterschiedliche Antworten,
aber eines haben sie alle gemeinsam: sie haben mit Zwergen zu tun. Vielleicht eine Straße mit ganz kleinen Häusern? In denen auch
nur ganz kleine Leute wohnen? Oder: Bestimmt gibt's die in einem Märchen. Stimmt aber nicht: die Zwerchallee gibt's mitten in Mainz
und sie hat überhaupt nichts mit Zwergen zu tun. Die Silbe ,Zwerch' kommt vielmehr aus dem Mittelhochdeutschen und bezeichnet etwas
schräg verlaufendes, auf die Seite gerichtetes. Im Hochdeutschen wurde ,quer' daraus, in der Mundart blieb man beim ,zwerch'.
Im 18.
Jahrhundert wurde die Mainzer Zwerchallee quer zur Rheinallee angelegt, als ein Abschluss der damaligen städtischen Bebauung. Und sie muss
richtig schick ausgesehen haben damals: es gab ein Rondell und am Wochenende flanierten dort Adelige und Bürger. Heute ist das zugegebenermaßen
eher schwer vorstellbar. Die Zwerchallee ist zweifelsohne keine sehr prachtvolle Ecke von Mainz. Fest steht jedenfalls: Zwerge wurden
hier tatsächlich nie beherbergt. Dafür kann die Zwerchallee mittlerweile auf eine lange Geschichte einer anderen Beherbergung zurückblicken:
Nämlich die bedürftiger Mainzer. Schon in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg existierte in der Zwerchallee ein Barackenlager für obdachlose Familien.
Anfang der 60er wurde es abgerissen. Damals gab es ein eigenes ,Sonderbauprogramm zur Beseitigung von Elendsquartieren', in dessen Rahmen
viele Barackenlager aufgelöst wurden. Allerdings mussten die Verantwortlichen schnell feststellen, dass ihr Sonderprogramm zwar schön gemeint war,
aber nicht ganz der Lebensrealität entsprach. Zwar gab es in den 60ern nicht mehr eine so breite Massenobdachlosigkeit wie in den ersten Jahren
nach dem Krieg. Aber mittellose Familien ohne Dach über dem Kopf gab es immer noch. Deshalb entschloss man sich, eine neue Notunterkunft für
diese Bedürftigen zu bauen: eben in der Zwerchallee. Eigentlich war diese Notunterkunft als Übergangslösung gedacht. Letztlich aber hatte sie
40 Jahre Bestand. Erst im Sommer 2009 wurden die verbliebenen 42 Familien in neue Wohnungen - über die Stadt verteilt - vermittelt. Nach dem
Willen der Stadtverwaltung soll das Gelände der ehemaligen Obdachlosensiedlung in Zukunft gewerblich genutzt werden. Man sucht noch nach
einem Investor für das Areal. Vielleicht findet sich ja eine interessierte Gruppe von Zwergen? Die an der Zwerchallee eine winzig kleine
Siedlung für bislang heimatlose Artgenossen errichten wollen, mit Rondell und Flaniermeile? Zugegeben - eine reichlich fantastische Idee.
Aber Fantasie sollte ein möglicher Interessent tatsächlich mitbringen, wenn aus der Zwerchallee irgendwann mal wieder eine halbwegs
ansehnliche Mainzer Straße werden soll.
Ilona Hartmann