Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs
Triumph für die Grünen - Desaster für die FDP
»Fünf Jahre auf Tauchstation und dann so ein Ergebnis«, zischte der Unions-Politiker am Abend des Wahlsonntags neidvoll in Richtung der Grünen,
die auch in Mainz die haushohen Sieger der Landtagswahl waren und ihr Ergebnis von 2006 fast verdreifachten.
Viele interpretierten den Wahlausgang in diese Richtung, viele richteten auch ihren Blick auf das tausende Kilometer entfernte Japan
und die dortige Reaktorkatastrophe, die unbestreitbar auch das Wahlverhalten am Rhein entscheidend prägte.
Doch am Ende zählen die nackten Zahlen. Und die bieten Stoff für allerlei politische Interpretationen.
In Mainz ist die SPD noch mit hauchdünnem Vorsprung stärkste Kraft geblieben, die CDU hat sich tatsächlich bis auf zwei
Prozentpünktchen hinterm Komma herangerobbt. Das ist für die Union und ihren Parteichef Wolfgang Reichel ein Prestigeerfolg.
Und Reichel gewann obendrein gegen die bisherige Ministerin Ahnen das Direktmandat, nachdem am Tag nach der eigentlichen Wahl
plötzlich eine Briefwahlurne aufgetaucht war (typisch Mainz!!!). Eine Atempause für den bisherigen CDU-Dezernenten, dem schon die
Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP mächtig zugesetzt hatte.
Großes Siegesgetöse kann die SPD nach der Landtagswahl kaum anstimmen. Zwar verteidigten die nimmermüde Ulla Brede-Hoffmann und eben
jene Doris Ahnen für die Sozialdemokraten ihr Mainzer Direktmandat, doch verlor die SPD erdrutschartige 15,5 Prozent.
Was zeigt, dass nicht jedem in der Landeshauptstadt die Ampel behagt. Oder das lemming-hafte Festhalten am angeschlagenen Oberbürgermeister
Jens Beutel. Nun müssen die Genossen mit Sorgfalt die personellen weichen für die OB-Direktwahl in zwei Jahren stellen.
Die Spatzen pfeifen seit Jahren von den Dächern, hier werde Michael Ebling als Unterbezirksvorsitzender antreten, doch immer öfter stimmen
die Spatzen auch eine Melodie an, die die Dezernentin Marianne Grosse favorisiert. In jedem Fall muß die SPD gewappnet sein,
denn die Union sucht händeringend nach einem weiblichen Herausforderer. Am Ende wirft vielleicht noch Julia Klöckner den Hut
in den Ring und würde mit einem Fingerschnippen spielend leicht Chefin des Mainzer Rathauses werden.
Das Traumergebnis der Grünen beschert dem neuen Landtag aus Mainz gleich mehrere politische Newcomer, die bisher in der Stadt
relativ unbekannt sind. Im Gegensatz zu Daniel Köbler, der im Innenstadt-Wahlkreis sensationelle 27 Prozent holte, sind die
vier weiteren Mainzer Grünen-Abgeordnete, die künftig Landespolitik machen dürfen, politische Neulinge. Was auch durchaus seinen Reiz haben kann.
Klar ist aufgrund solcher Konstellationen, dass die Koalitionsverhandlungen für den Ministerpräsidenten-Oldie Kurt Beck,
der ohnehin leicht aus der Pfälzer Fassung zu bringen ist, eine harte Nuß werden. Wer gedacht hat, in Mainz würde nach dem Atomausstieg
demnächst wieder über ein Kohlekraftwerk diskutieren, kann sich dies im Blick auf den Grünen-Triumph in der Landeshauptstadt
und ganz Rheinland-Pfalz komplett abschminken.
Der große Verlierer ist auch in Mainz die FDP. Das Ergebnis fast halbiert, nicht mehr im Landtag vertreten - die Liberalen werden sich
personell neu aufstellen müssen. Das »System Brüderle« ist Vergangenheit, der bisher so erfolgreiche Landesvorsitzende aus Mainz wird
die Verantwortung für das Desaster übernehmen müssen.Ein schmerzlicher Abgang für den erfolgsverwöhnten Bundeswirtschaftsminister,
dessen Niederlage am Ende auch das Ende des Parteichefs Westerwelle einläuten wird.
Nicht der Mainzer Dr. Peter Schmitz wird der neue starke Freidemokrat, der den Karren aus dem Dreck ziehen muß - sondern Herbert Mertin
wird der Krisenmanager, der jetzt fünf Jahre aus dem politischen Off am liberalen Profil feilen muß. Auch dies offenbarte sich an den
Auftritten an einem Wahlsonntag, der in Mainz und Rheinland-Pfalz nicht alles, aber vieles auf den Kopf stellte.
Mogunzius