Leseförderung von Klein auf:
Mit Vorlesepaten in die Welt der Bücher

Die Vorlesepaten-Initiative der Stiftung Lesen besteht schon seit über drei Jahrzehnten. Bundesweit gehen rund 9.000
Vorleserinnen und Vorleser regelmäßig in Kindergärten, Grundschulen, Bibliotheken und andere Einrichtungen.
Auch in Mainz wecken einige passionierte Leser, vor allem bei Kindern Interesse, die zu Hause kaum vorgelesen bekommen.
Durch ihr Engagement möchten sie die Kleinen an aufmerksames Zuhören und Selberlesen heranführen,
zugleich leisten sie einen wichtigen Beitrag zur aktiven Sprachentwicklung.
»Die beste Vorbereitung, um als Vorlesepatin oder -pate aktiv zu werden, ist der Besuch einer entsprechenden Fortbildung«,
erklärt Claudia Presser, die seit 20 Jahren ehrenamtlich als Referentin für Vorlese- und
Erzählseminare tätig ist.
Gemeinsam mit der Bücherei am Dom organisiert sie Tageskurse für Interessenten jeden Alters.
Neben dem Einüben praktischer Vorlesefähigkeiten vermittelt sie, wie man geeignete und altersgemäße Literatur auswählt,
eine lesefreundliche Atmosphäre schafft und Kinder in die Vorlesesituation einbindet.
Mittlerweile lesen in Mainz
über einhundert Freiwillige an 80 Orten vor - eine Übersicht darüber bietet der Vorlesekalender, den Bücherei am Dom
und Stiftung Lesen jeweils im Frühjahr und im Herbst veröffentlichen.
Regelmäßige Vorlesertreffen dienen unter anderem dem Austausch über Geschichten oder Gedichte, die bei den
Zuhörern gut ankommen.
Eigene Bilder im Kopf entwickeln

Begleitet man die Ehrenamtlichen zu ihren Vorlesestunden, spürt man, wie sich ihre eigene Begeisterung auf die Kinder
überträgt: Gerade haben die Kids von St. Petrus Canisius in Gonsenheim noch draußen gespielt - doch als ihre
»Vorlesefrau« Hanne Knoll vorbeikommt, warten sie gespannt darauf, welche Geschichten sie diesmal mitgebracht hat.
Mit dem Buch »Koko mit dem Zauberschirm« entführt sie die Zuhörer in ein Land der Träume.
Auf den Illustrationen gibt es viel zu entdecken, es werden viele neugierige Fragen gestellt und unbekannte Worte geklärt.
In der eigentlichen Vorlesesituation sind solche Gespräche enorm wichtig, um die Erlebnisse der Kleinen mit einzubeziehen«,
berichtet die Diplom-Sozialarbeiterin. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es Kindern, die das Vorlesen nicht gewohnt sind,
anfangs schwerer fällt, ruhig sitzen zu bleiben und zuzuhören. »Doch nach und nach macht es ihnen großen Spaß,
ihre eigenen Bilder im Kopf zu entwickeln, statt alles vom Fernsehen vorgegeben zu bekommen«, erzählt die 59-Jährige
stolz.
Auch Monika Schröder liebt es, ihren »Minni Maxen« in Laubenheim vorzulesen. Bis zu ihrer Pensionierung war sie dort 17 Jahre lang als Erzieherin tätig - ihr Wunsch ist es, weiter mit der Einrichtung verbunden zu bleiben. Die Kinder genießen die besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn sie ihre blaue Lesebrille aufsetzt und die Bücher langsam wie Schätze hervorzaubert. Bei einer Tiergeschichte variiert sie gekonnt die Stimme und erzeugt so Spannung. Anschließend spricht sie mit den Kindern darüber, was ihnen gut gefallen hat und die kleinen Zuhörer spielen Szenen nach. Etwas zum in die Hand nehmen bringt sie außerdem mit, wie bei der Geschichte von der Prinzessin auf der Erbse.
Dem Sprachklang lauschen
Andrea Rohde, die dort als Erzieherin arbeitet, hat gemeinsam mit einer Mutter einen neuen Ansatz entwickelt:
Abwechselnd lesen sie an zwei Nachmittagen im Monat Passagen auf Deutsch und Türkisch vor, aus den Abenteuern des
kleine Eisbären Lars.
Fatma Dirim, die auch akzentfrei deutsch spricht, hatte so ihre kleine Tochter mit
beiden Sprachen vertraut gemacht. In der multikulturellen Einrichtung lauschen einige interessierte Kinder - mit
und ohne Migrationshintergrund - dem Klang einer anderen Sprache. Die beiden Vorleserinnen freuen sich,
wenn sie das Leuchten in ihren Augen sehen und die Offenheit für andere Kulturen von klein auf fördern können.
Auch viele Senioren mögen es, vorgelesen zu bekommen. Wie ein Nachrichtensprecher wirkt Wolfgang Dittmers,
wenn er in seiner »Aktuellen Stunde« Bewohnern des Alten- und Pflegeheims »Am Münchfeld« aus der Tageszeitung vorliest.
Ob Wirtschaft und Politik in Deutschland und in der Welt oder das aktuelle Geschehen in Mainz - ein Mal pro Woche
stellt er interessante Berichte zusammen, die er langsam und deutlich vorträgt.
Auch Gesundheitstipps und bunte Meldungen sind beliebt - und zum Abschluss das Wetter.
Die älteren Menschen hören ihm gespannt zu, danach gibt es sogar Applaus.
Für ihn wie für die anderen ehrenamtlichen Vorleser ist dies die schönste Art der Zuhörer, Danke zu sagen.
Nicole Weisheit-Zenz
Infos:
www.stiftunglesen.de
www.wir-lesen-vor.de