Geneigt -
Aber Standfest
Als hätte ein Riese sie beim Mikado-Spiel in die Erde gedrückt und dann vergessen: so stehen die fünf bunten Stelen auf dem Vorplatz
der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Tatsächlich war es kein Riese, der sie dort an der Unteren
Zahlbacher Straße aufgestellt hat, sondern der Objektkünstler Edgar Knoop. Der Auftrag für die Farbstelengruppe als »Kunst im öffentlichen
Raum« kam Mitte der 80er Jahre vom damaligen Direktor der Klinik,d Professor Otto Benkert. Dabei umfasste er nicht nur die bunten Stelen.
Zum Gesamtkonzept gehören außerdem die farbige Gestaltung der Eingangshalle, der Flure und Zimmer der Klinik. Aber auch, wer das Innere der
Klinik nicht kennt, dem springt die Gruppe farbenfroher Stäbe ins Auge.
Kreuz und quer scheinen sie durcheinander zu stehen. Allerdings:
mit den Neigungen der Stelen hat es eine Besonderheit auf sich. Die Neigungswinkel von 89°, 87°, 84°, 79° und 71° sind nämlich keineswegs
zufällig gewählt. Edgar Knoop hatte dabei eine Fibonacci-Reihe vor Augen. Dabei handelt es sich um eine Abfolge von Zahlen, wobei sich die
nächste jeweils aus einer Addition der beiden vorangehenden ergibt (1 - 1 - 2 - 3 - 5 - 8 - 13 - 21 usw.). Der Name der Stelen-Komposition
lautet »Stabiles - Labiles«. Dies, so Knoop, sei Ausdruck für ihre besondere Bedeutung im Vorfeld einer Klinik für Psychiatrie. So bunt und
unterschiedlich in ihren Neigungen die Stelen sind, so bunt und unterschiedlich in ihren Neigungen sind auch die Menschen, um die es hier geht.
Allerdings: Während man bei Menschen nie sicher sein kann, wie stabil und standfest sie tatsächlich sind - bei Stelen gibt es technische Verfahren,
um genau das zu überprüfen. Bevor die Stelen in diesem Frühjahr frisch lackiert wurden, wurden sie mittels Ultraschall und Lasertechnik gründlich
durchgecheckt. Das Ergebnis: Ihre Standsicherheit ist bis zum Jahr 2020 mit Brief und Siegel bestätigt - welche Neigung auch immer sie haben mögen.
Ilona Hartmann