Chefarzt und Maler Kwesi Dei-Anang
Zwei Seelen in einer Brust
Er freut sich auf die »Freiheit«, darauf, die Tagesabläufe selbst bestimmen zu können: Privat Dozent Dr. Kwesi Dei-Anang, seit April 1990
Chefarzt der Neurochirurgie im DRKK-Schmerzzentrum geht im April in den Ruhestand. 1945 in Mampong, Ghana, geboren kam er als 17-Jähriger nach
Deutschland. Hier hat er studiert, eine Familie gegründet und 1990 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.
Bekannt ist Kwesi Dei-Anang auch als Maler: Seine meist farbenprächtigen Bilder spiegeln die Emotionsbreite der Afrikaner.
Klar ist: Ruhen wird Kwesi Dei-Anang nicht: »Sehen Sie diese Hände, die waren jahrelang in Bewegung, die wollen weiter in Bewegung bleiben,
die können Sie nicht von heute auf morgen zur Ruhe zwingen.«
Aufgaben für diese Neurochirurgen-Hände gibt es genügend: Befreundete Ärzte in der Umgebung wünschen sich ab und an Unterstützung, möchten an
der jahrzehntelangen Erfahrung partizipieren. Angefragt hat auch der Senior Experten Service: »Wenn ich helfen kann, beispielsweise in akuten
Katastrophenfällen wie kürzlich in Haiti, in Chile oder der Türkei, dann tue ich das gerne. Zumal die Einsätze zeitlich überschaubar sind.«
Zeitlich überschaubar: dass aus der Entscheidung, in Deutschland zu studieren ein lebenslanger Aufenthalt wird, war nicht absehbar. Aber die
Voraussetzungen, in Deutschland Fuß zu fassen, waren gut. Kwesi Dei-Anangs Vater, ein Philosoph und Diplomat, wollte, dass alle seine Kinder
mit 17 Jahren ins Ausland gehen und dort ihre Ausbildung fortsetzen. Brüder und Schwestern sind deshalb heute noch über die halbe Welt verteilt.
Kwesi Dei-Anang selbst entschied sich für Deutschland - weil es hier richtig kalt ist. Die Eingewöhnung wurde erleichtert durch die
Studiumsvorbereitende Institution des Studienkollegs: »Ich habe hier nicht nur Deutsch gelernt, sondern sehr viel über deutsche Kultur
und Gepflogenheiten.« Ein Wissen, das im Umgang mit Menschen unschätzbaren Wert hat.
Trotzdem erscheint es aus heutiger Perspektive kaum zu glauben, dass »der erste Schwarze in Hechtsheim« (Kwesi Dei-Anang) in den 60iger
Jahren keine Probleme gehabt haben soll. »Sehen Sie, ich habe gewusst, was ich wollte, auch was ich kann. Ich komme aus einem ordentlichen
Zuhause und ich war immer zufrieden mit mir. Wenn es Bemerkungen oder so etwas gab, dann lief das an mir ab.« Längst pariert er Anspielungen
auf seine Hautfarbe oder seine Herkunft mit Humor. Nahezu vergnügt berichtet er von den Menschen, die nicht glauben wollen, dass es wirklich
seine Enkelkinder sind, mit denen er spazieren geht: »Weil sie so hellhäutig sind!«
Der Kontakt nach Ghana ist nie abgerissen, der Lebensmittelpunkt ist und bleibt aber Deutschland: »Hier leben meine Kinder und meine
Enkelkinder.« Dass Ghana, dass Afrika immer noch und immer wieder in ihm mitschwingen, zeigen die Bilder, die Kwesi Dei-Anang malt.
Gerne greift er afrikanische Motive auf, malt sie auf seine Weise. Auch Gedichtsequenzen seines Vaters, Mikael Francis Dei-Anang,
finden sich motivisch in den Bildern wieder. Oder er zeichnet die Köpfe von Beethoven und von Hippokrates - vieles was er in seinem
Leben miteinander in Einklang gebracht hat, findet in diesen Bildern seinen Ausdruck.
Den Ort, wo die Chirurgenhände einem malenden Bewegungsrhythmus folgen, nennt er »Factory«: eine Wohnung in der Altstadt, die er zu
einer Art Atelier umgestaltet hat. Fast immer nach Dienstschluss kommt Dei-Anang hierher: »Malen ist ein Fenster zur Seele«, sagt er.
Ein Ausgleich. Als er die ersten zehn Bilder gemalt hatte, stellte sich die Frage: Will die jemand sehen? Es folgten zahlreiche Ausstellungen,
viele Bilder wechselten den Besitzer. Aus dem Verkaufserlös finanziert Kwesi Dei-Anang die Ausbildung von Jugendlichen in Ghana.
Ohne bürokratischen Aufwand. »Ich gebe dem jeweiligen Handwerksmeister das Geld für die Ausbildung und er kümmert sich darum - das
funktioniert, wenn die Jugendlichen dabei bleiben. Dass einer der Handwerksmeister das Geld verschwinden lässt, ist undenkbar, weil
er damit seine Ehre aufs Spiel setzt.« Ähnlich wie in Deutschland gebe es in Ghana ein Duales Ausbildungssystem, nur können sich viele
Jugendliche das nicht leisten.
Kwesi Dei-Anang ist sich des Vorteils von »zwei Seelen in einer Brust« bewusst: Ich finde es gut, wenn ich mir aus beiden Kulturen das
Gute aussuchen und miteinander verbinden kann.« Nicht missen möchte er Zuverlässigkeit und das Prinzip der Pflichterfüllung. Gleichzeitig
baut er auf den ausgeprägten Zusammenhalt in der Familie: die Kinder leben um die Ecke, die Enkelkinder sind regelmäßig zu Gast, jedes Jahr
verbringt die kleine Großfamilie ihren Urlaub in der Heimat von Kwesi Dei-Anang.
Der Pensionierung sieht er gelassen entgegen: »Ich gehe leichten Herzens, denn es eröffnet sich mir ein Spektrum an Freiheit, die ich
gestalten kann, wie ich will.« Als, in dieser Hinsicht, typisch Deutscher, hat er seine Aufgabe, seinen Vertrag erfüllt. Als erstes
steht nun an, »all das zu erledigen, was ich in den letzten zehn Jahren nicht geschafft habe.« Büro aufräumen, zum Beispiel, seine
»Factory« auf Vordermann bringen und die Memoiren abschließen.
SoS