Ein Schlüssel zum eigenen Verstehen
Lassen Sie sich führen!
Sonntag, 15 Uhr, Kunsthalle Mainz: Durch die geräumigen, grell-weiß ausgeleuchteten Räume im Erdgeschoss der Mainzer Kunsthalle
geleitet Susann Gassen eine Gruppe von interessierten Besuchern. Im Fokus der laufenden Ausstellung steht erneut das junge, zeitgenössische
Kunstschaffen. Bis Ende Mai sind in der Kunsthalle drei Einzelpräsentationen zu besichtigen.
"Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Positionen" sowie "die Vielfalt all dessen, was Künstlertum und Kunst heute bedeuten"
sollen beleuchtet werden.

Susann Gassen, Künstlerin
und Kunstpädagogin, steht vor
der Aufgabe, die Aquarelle von Martina Essig, einer 1978 geborenen Künstlerin, die an der Nürnberger Kunstakademie studierte,
zu erläutern.
Martina Essig präsentiert
keine konkreten Motive, sondern nur ihre strukturalen Aspekte.
Das Publikum der Kunsthalle,
das zum Teil mit einschlägiger Vorbildung zum Teil aber im Bezug auf post-moderne Kunst ganz
oder fast ohne Fachwissen erscheint, kann da leicht überfordert sein. Daher bietet die Kunsthalle regelmäßig professionelle Führungen an.
Susann Gassen ist eine von insgesamt fünf zuständigen Kunsthistorikern und Kunstpädagogen im Haus. Mit Martina
Essig hat sie über die Bilder gesprochen.
Aus den unterschiedlichsten Bildvorlagen, die die junge Künstlerin in ihrem Alltag sammelt, werden durch Reduktion einzelne
Elemente isoliert und als Andeutungen im Medium Malerei zu einem Kunstwerk transformiert. Das ursprüngliche Motiv ist nur angedeutet
oder als Versatzstück zu erahnen, wie etwa ein Fensterausblick, eine Pflanze oder das Bruchstück einer Landschaft. In ihren großformatigen
Bildern aus Papier drücken sich Konzentration und Unbedingtheit aus. Susann Gassen gelingt es an Martina Essigs Bildern
über die Schärfe ihrer konzeptuellen Reflektion hinaus, ihre ästhetische Wirkung hervortreten zu lassen. Sie gibt den
Besuchern einen Schlüssel zum eigenen Verstehen in die Hand, ohne einfach nur zu dozieren.
Susann Gassen versucht so wenig wie möglich vorwegzunehmen, sondern stellt immer wieder die Frage nach den ästhetischen Standpunkten ihrer Zuhörer.
Mal flüssig, mal kompakt, mal exakt mal ungefähr ausgearbeitet bieten die Bilder von Martina Essig dabei viel Spielraum für Assoziationen und einiges
an Projektionsfläche und genau darin liegt auch das Konzept der jungen Künstlerin. Ihr geht es darum, über den aufwendigen Produktionsablauf
und einen analytischen Ansatz, Fragen an das Wesen von Kunst überhaupt zu stellen. Martina Essig hinterfragt Ästhetik und den Prozess über
den sie sich herstellt, dabei kommt Sie zu einem eindrucksvollen Ergebnis. Fast alle Bilder haben eine Höhe von eineinhalb bis knapp drei
Metern Höhe.
Als Gorilla in den Metropolen dieser Welt
Die Video-Zone »Sieben bis zehn Millionen« des Hamburger Künstlers Stefan Panhans ist nicht weniger imposant, wenn auch nicht so
raumgreifend. Sie hat in einer kleinen Nische des Erdgeschosses Platz gefunden, unter einem Turm der alten Energiezentrale.
Eigentlich passiert in dem
Video nicht viel. Ein junger Mann mit Pelzkapuze steht vor der Kamera und redet pausenlos über eine Kaufentscheidung. Das Klaustrophobische
an dieser Monologsituation wird durch den starr auf den Betrachter gerichteten Blick verstärkt. Und - ist es überhaupt möglich, dass jemand
so lange in dieser Geschwindigkeit redet. Ist der Schnee, der im Hintergrund rieselt überhaupt echt?

Susann Gassen versucht die Besucher mit so wenig Fragen wie möglich zu hinterlassen, was nicht einfach ist, angesichts der
komplizierten Genese von Gegenwartskunst, die sich anhand der laufenden Ausstellung gut nachvollziehen lässt.
In den Ausstellungsräumen im Turm sind Objekte und Fotografien von Jörg Obergfell zu sehen. Vor dem selbst schon pittoresken
Panorama des Zollhafens bilden Sie den Höhepunkt der heutigen Führung. Der 1976 geborene Künstler, der wie Martina Essig an der Akademie
der Bildenden Künste in Nürnberg studiert hat, verkleidet sich als Gorilla und erobert in diesem Kostüm große Metropolen in aller Welt.
Jörg Obergfell geht es um das Nebeneinander von Archaik und gewachsener Ordnung. Als erfahrener Skateboardfahrer bezieht er einen
zivilisationskritischen Standpunkt und entlarvt auf subversive und zugleich sehr intelligente Weise und nicht ohne jedes Augenzwinkern
die moderne städtebauliche Monokultur. Ähnlich wie bei Stefan Panhans steht die kritische Reflexion auf die Konsumgesellschaft auf dem
Plan, wobei sich Jörg Obergfell einer
ihrer frühesten Mythen bedient, dem von King Kong, den er in der ikonografischen Inszenierung seiner Kunst mit den großen totalitären
Führerfiguren des 20. Jahrhunderts, wie dem großen Bruder à la George Orwell, Hitler, Mao oder Stalin, in Verbindung setzt.
Henning Berg