Samuel Thomas Sömmerings »goldene« Jahre in Mainz
Zeiten des Umbruchs

Als »reichste Periode in seinem Leben« bezeichnete Rudolph Wagner, Mediziner, Zeitgenosse und Biograf von Samuel
Thomas Sömmering dessen Jahre an der Mainzer Universität. Genau 13 Jahre weilte der zu seiner Zeit bekannte und geschätzte
Anatom und Naturforscher Sömmering an der medizinischen Fakultät in Mainz, wurde schließlich Hofrat und Leibarzt des
Kurfürsten und sorgte dank seiner Entdeckungen in Fachkreisen für Schlagzeilen. Am 28. Januar stünde sein 255. Geburtstag ins Haus:
Ein willkommener Anlass seine Mainzer Jahre Revue passieren zu lassen.
Nachdem er sich bereits an den Universitäten in Göttingen und Kassel durch seine Lehr- und Forschertätigkeit einen Namen gemacht hatte,
folgte Sömmering 1784 dem Ruf an die Mainzer Uni – er sollte den Lehrstuhl für Anatomie übernehmen. Neben Sömmering wurden im selben
Jahr eine beachtliche Anzahl weiterer Professoren aus den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands an die medizinische Fakultät
der Mainzer Uni berufen: Die Weichen standen unverkennbar auf Umbruch, Umbau und Neuanfang. Hatten bisher ausschließlich
gebürtige Mainzer und gläubige Katholiken das Zepter an der medizinischen Fakultät geschwungen, hielten nun auch
protestantische Wissenschaftler wie Sömmering Einzug in die Hallen der Mainzer Medizin. Da mutet es fast schon ein
bisschen ökumenisch an, dass Sömmering ausgerechnet im Kreuzgang der katholischen Altmünster Kirche sein erstes
wissenschaftliches Domizil aufschlagen sollte. Hier war vorübergehend der Fachbereich Anatomie untergebracht, eine Aussicht,
die bei Sömmering vorerst wenig Begeisterung auslöste. Überhaupt schien ihm gerade in den ersten Monaten der barocke Katholizismus
der Bischofsstadt ein wenig suspekt gewesen zu sein – er trat den Mainzern zunächst mit offener Skepsis gegenüber. Seine Liebe zu
Mainz entdeckte Sömmering demnach erst auf den zweiten Blick; sein Hauptaugenmerk lag indes auf der Forschung. Mit dem Ergebnis:
Das ehemals als Schlusslicht gehandelte medizinische Institut wurde zum Vorzeigeobjekt der Hochschule.
Anhänger der »Aufklärungsmedizin«
Sömmering sorgte vor allem durch seine Forschungsergebnisse rund um die menschlichen Sinnesorgane für Schlagzeilen in der Fachpresse:
Unter anderem entdeckte er den »gelben Fleck« im Auge; also den Punkt des schärfsten Sehens auf der Netzhaut. Doch auch in der
Allgemeinen Tageszeitung meldete er sich wissenschaftlich zu Wort: So hatte er beispielsweise den zu dieser Zeit immer noch
modernen »Schnürbrüsten« den Krieg erklärt: Der mit Hilfe eines Korsetts zusammengepresste Brustkorb der damaligen Damenwelt
sei aus anatomischer Sicht unverantwortlich. Erfreut stellte er jedoch fest, dass die meisten Mainzer Frauen dieser
ungesunden Mode entsagten und lieber ungeschnürt durch die Stadt liefen.

Man könnte Sömmering demnach als einen Aufklärungsmediziner par excellence bezeichnen: Er forschte nicht im Elfenbeinturm,
sondern wollte seine Ergebnisse einem breiten Publikum zugänglich machen. Ebenso bildete die Erforschung von Missbildungen
des menschlichen Körpers einen Schwerpunkt seiner Arbeit: Er wollte diese medizinisch erklären und nicht als »gottgegeben«
hinnehmen. Dennoch war auch Sömmering nicht von allen Vorurteilen frei: Sein in Mainz erschienenes Buch »Über die körperliche
Verschiedenheit des Mohren zum Europäer« weist trotz wissenschaftlich präzisen Beobachtungen eindeutig rassistische Tendenzen auf.
Revolution war seine Sache nicht
1792 gerieten die wissenschaftlichen Ambitionen Sömmerings zusehends in den Strudel der Politik. Am 21. Oktober besetzten die
Franzosen die Bischofsstadt und machten Mainz für kurze Zeit zur ersten Republik auf deutschem Boden. Sömmering selbst hatte
für die Ideen der französischen Revolution wenig übrig – immerhin hatte er ins Frankfurter Bürgertum eingeheiratet und sah
dieses durch die revolutionären Ideen seiner Zeitgenossen angegriffen. Außerdem wollte er weiterhin in Ruhe forschen, doch
die Frage nach der »richtigen« politischen Einstellung entpuppte sich auch an der Universität zusehends zur entscheidenden Frage:
Wurden in der Zeit der Mainzer Republik vornehmlich Anhänger der französischen Revolution, sogenannte Klubisten, an entscheidende
Positionen gesetzt, drehte sich der Spieß 1793 um. Die Mainzer Republik scheiterte und es begann eine regelrechte Hetzjagd auf die
Klubisten. Aus Sicht Sömmerings war an ungestörtes Forschen also nicht mehr zu denken.
Als 1797 die Franzosen erneut das Kommando in Mainz übernahmen, fürchtete Sömmering neuerliches Gerangel um entscheidende Positionen
und kehrte der Stadt endgültig den Rücken. Zunächst zog er nach Frankfurt, folgte dann dem Ruf an die Münchner Akademie der Wissenschaften
und kehrte schließlich einige Jahre später wieder nach Frankfurt zurück. Hier starb er am 2. März 1830; begraben ist er auf dem
Frankfurter Hauptfriedhof.
kh
