Sammelleidenschaft erhellt Vergangenheit
Auf den Spuren Mainzer Bierkultur

Hans-Peter Görtz kultiviert
Mainzer Stadtgeschichte auf seine
eigene Weise: Er weiß nahezu alles
über die Historie der Mainzer
Brauereien und sammelt fast alles,
was diese über die Jahrzehnte an
Werbemitteln auf den Markt gebracht
haben. Allein 600 Bierkrüge
und -gläser hat er zusammengetragen.
Alles mit Mainzer Motiven,
versteht sich. Dass es so viele
überhaupt geben soll, verwundert
den Laien zunächst, doch Görtz
klärt schnell auf: 0,2-Gläser, 0,3-
Gläser, 0,5-Gläser oder Literkrüge
– da kommen je Brauerei ganz
schnell einige zusammen. Dazu
jährlich wechselnde Motive, Sondermodelle
zu bestimmten Festen,
Jubiläen oder sonstigen Anlässen,
außerdem verschiedene Materialien
wie Ton, Glas, Pappe oder
Kunststoff. Zumal es viel mehr
Brauereien in Mainz gegeben hat,
als gemeinhin bekannt. So hätten
um 1900 rund 50 Brauereien in der
Stadt existiert, berichtet Görtz.
Einmal im Rausch - der Sammelleidenschaft
versteht sich,
nicht des Gerstensafts – hat sich
Görtz aber auch allem Sonstigen
angenommen, was unter dem Begriff
»Brauereiwerbemittel« läuft:
Bierdeckel, Etiketten, Flaschenöffner,
Ansichtskarten, Aschenbecher,
Modellautos, Wandteller,
Zapfhahnschilder, Zuckertütchen,
Buttons und Uhren mit Brauereimotiven,
selbst eine Schallplatte
der Mainzer Hofsänger mit dem
»Binding-Marsch« gibt es in seinem
Fundus. Mehr als 1000 Stücke
hat er so im Laufe der Jahre gesammelt.
Von Briefmarken zu »Brauereiwerbemitteln«

Über seine Schätze und sein Wissen wacht der 60-Jährige aber nicht allein im stillen Kämmerlein. Auf der Internet-Seite www.mainzer- brauereien.de hat er alles akribisch katalogisiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dabei wird er tatkräftig von befreundeten Sammlern unterstützt. Von Dingen, die er selbst nicht besitzt, stellen ihm diese häufig ein Foto aus deren Sammlung zur Verfügung, damit Görtz zumindest seinen Internet-Katalog so vollständig wie möglich präsentieren kann. »Ich habe nicht alles«, sagt der ehemalige Lokführer im Vorruhestand, »ich muss auch nicht alles haben«. Klar, dann gebe es für ihn ja nichts mehr zu sammeln. »Man muss noch Ziele haben«, motiviert sich Görtz. Und ist mal wieder ein seltenes Stück gefunden, ist die Freude groß: »So ein simples Glas, da freue ich mich wie ein König«, erzählt er mit blitzenden Augen. Seine Funde macht er vor allem auf Flohmärkten und im Internet- Auktionshaus Ebay. »Auf dem Flohmarkt, da macht man Schnäpp chen«, weiß der versierte Sammler, »bei Ebay tummeln sich Leute mit viel Geld, die die Preise kaputt machen«. 70 Euro für ein Etikett oder 100 Euro für einen Bierdeckel, da ist seine Schmerzgrenze überschritten. Jüngst sei dort ein Kartenspiel mit Rückenwerbung der Mainzer Aktien- Brauerei für 150 Euro versteigert worden. Das ist ihm zuviel, er erfreut sich aber schon an einer Karo-Karte, die er für 9 Euro ersteigern konnte. Auf Flohmärkten ist Görtz mit seinem »Handbuch« unterwegs, einer Loseblatt-Sammlung, die den Wissensstand seiner Internetseite in Papierform darstellt. Da kann ihm kein Händler ein X für ein U vormachen, denn »es gibt auch Fälscher«. Auf dem Flohmarkt begann auch seine »bierige« Leidenschaft. Zu Beginn der 80er Jahre stöberte er dort nach Briefmarken, wandte sich aber angesichts der großen Zahl der dort angebotenen Biergläser mehr und mehr diesem Thema zu.
150 Jahre alte »Aktie«

Meist führt Görtz sein Hobby in die Vergangenheit, denn die einst großen Mainzer Brauereien existieren nicht mehr. Frisches Mainzer Bier gibt es nur noch in den beiden Gasthausbrauereien Eisgrub- Bräu und Brauhaus Castel sowie in der Ebersheimer Hausbrauerei Rheinhessen-Bräu. Die Bierbrauerei zu Sonne hingegen ist längst Geschichte – und das Mainzer Aktien-Bier, ja das ist umstritten. Ob es sich nach dem Kauf durch die Frankfurter Binding- (inzwischen Radeberger-) Gruppe Ende der 60er Jahre noch um Mainzer Bier handelt, sei eine Glaubensfrage, berichtet Görtz. Denn als 1983 die Braustätte der »MAB« auf dem Kästrich aufgegeben worden sei, sollen die Aktien- Brauer angeblich die Hefekulturen ausgeschüttet haben. Wenn das stimmte, so wäre die Hefe für das inzwischen wieder im Proviant- Magazin und auf dem Mainzer Oktoberfest ausgeschenkte Aktien- Bier aus »irgendwelchen Binding- Kulturen« aufgebaut worden... Woher die Hefe nun auch immer stammen mag, Görtz bedauert auf jeden Fall, dass die zum Oetker- Konzern gehörende Radeberger- Gruppe das große Jubiläum der MAB in diesem Jahr völlig ungewürdigt ließ: 150 Jahre ist die »Aktie« alt geworden. »Ein Jubiläumsbier, das wäre mal was gewesen «, trauert der Sammler der vertanen Chance hinterher.
Christoph Barkewitz
Infos:
Wer die Geschichte der Mainzer
Brauereien zu Fuß erkunden will,
dem sei der Rundgang empfohlen,
den Hans-Peter Görtz auf seiner Internet-
Seite www.mainzer-brauereien.
de vorschlägt. Der Weg verbindet
Sehenswürdigkeiten wie Römisches
Theater, Zitadelle, Fastnachtsbrunnen,
Dom oder Altstadt mit
noch sichtbaren Relikten früherer
Mainzer Brauindustrie wie Schöfferhof,
Birnbaum, Aktien-Brauerei oder
Altmünster.
