DOMKONSERVATOR HANS-JÜRGEN KOTZUR
HISTORISCH GEWACHSENES ERHALTEN
Man nennt ihn auch die
»ewige Baustelle«, den Mainzer
Dom, der in seinem tausendjährigen
Jubiläumsjahr
von allen Seiten beleuchtet
und geehrt wird. Unter Aufsicht
der in 2000 gegründeten
Dombaukommission werden,
stets nach Plan und Stück für
Stück, die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten
durchgeführt.
Da die Kathedrale ein
»Bauwerk in Funktion« ist, gilt
es alle Arbeiten und die Pflege
dieses architektonischen und
kunsthistorischen Denkmals
mit den liturgischen Erfor -
dernissen als Gotteshaus in
Einklang zu bringen – eine der
Aufgaben von Domkonservator
Dr. Hans-Jürgen Kotzur.
Die Gerüste wandern allmählich
um den Dom herum, von Ost
nach West. Zurzeit stehen sie am
West-Querhaus, bis Ende des Jahres
sollen sie dort ab- und um den
Westturm herum wieder aufgebaut
werden.
Manche »Neuerungen« sind
nach dem Abbau der Gerüste
nicht auf den ersten Blick zu erkennen:
ungeübte Augen mögen
den eingerötelten Kalkstein im
Ostturm für einen verblichenen
Sandstein halten; oder die Einfassungen
für die Fenster im Obergarten
des Langhaus-Schiffs – waren
die nicht vor der Renovierung
schon da?
Der Domkonservator bezeichnet
die Restaurierung selbst als »sehr
zurückhaltend«. Allerdings mit Absicht
und Methode: »Ich möchte
den historisch
gewachsenen
Zustand
zeigen«,
erklärt
Kotzur:
»Wir gehen
konservatorisch
statt rekonstruktiv
vor.« Der Ansatz leuchtet
ein: Ein Bauwerk, das mehr als
1000 Jahre alt ist und in diesen
Zeiten immer wieder verändert
wurde, kann nicht in allen seinen
Erscheinungen rekonstruiert werden.
Im 18 Jahrhundert war der
Dom mit roter Ölfarbe überstrichen
– für heutige Betrachter
kaum vorstellbar.
Die »zurückhaltende Restaurierung
« kommt auch im Dominnern
zum Vorschein: Bei der Sanierung
und Neugestaltung der Nassauer
Unterkapelle wurden die Spuren
des Alterns nicht übertüncht. In
der Gotthard Kapelle wurde der
Überputz entfernt und die ursprüngliche
Schlemme wieder aufgebracht:
»Es entsteht so eine
ganz andere Atmosphäre, die jedem
auffällt, der den vorherigen
Zustand kannte«, hat Kotzur beobachtet.
Er bezeichnet Denkmalpflege
als eine Dienstleistung, die
Inhalte vermittele und erkläre, sie
müsse Freude an dem Erhaltenen
wecken – das sei eine Voraussetzung,
damit Menschen sich für die
weitere Erhaltung einsetzten.
ÄSTHETIK UND TECHNIK
Die gesamten Sanierungsmaßnahmen zur langfristigen denkmalpflegerischen Substanzerhaltung obliegen der in 2000 gegründeten Dombaukommission unter Vorsitz von Domdekan Heinz Heckwolf. Als Nachfolger für Dombaumeister Jakob Stockinger, wurde Hans-Jürgen Kotzur in 2000 der Titel »Domkonservator« verliehen und ihm neben seiner Arbeit als Diözesankonservator für die kirchliche Denkmalpflege im Bistum Mainz, das denkmalpflegerische Gesamtkonzept für die Domsanierung übertragen. Damit wird auch dem Rheinland-Pfälzischen Denkmalschutzgesetz Rechnung getragen, demzufolge die Kirche ihre eigene Denkmalpflege ausüben kann, wenn sie einen ausgewiesenen Fachmann einstellt. Zwischen staatlicher und kirchlicher Denkmalpflege besteht ein Informationsaustausch, die Entscheidungen bezüglich der Kirchenbauten, trifft das Bistum. Als Domkonservator ist Kotzur zuständig für die Restaurierungskonzeption, für die Ausschreibungen der denkmalpflegerischen Arbeiten, für die Überwachung der Arbeitsdurchführung bis hin zur Arbeitsabnahme. Die technischen Kenntnisse, die der Kunsthistoriker, Archäologe und Soziologe in der Bauverwaltung und Bauleitung in Limburg erwarb, sind dabei von Vorteil. Die Sanierungsarbeiten betreffen nicht nur ästhetische Fragen und die Auswahl zeitgenössischer Künstler für Auftragsarbeiten, sondern zum Beispiel auch den Einbau eines Drainagesystems, mit dem die Wasserschäden in der Unteren Nassauer Kapelle unterbunden werden.
EHRWÜRDIGES HANDWERK
Die »ewige Baustelle« beschäftigt viele Handwerksbetriebe, die, Kotzur zufolge, nicht bloße Erfüllungsgehilfen der Denkmalpflege, sondern auch ihre Partner sein sollen. Gute Kommunikation und gegenseitiger Wissensaustausch prä - ge insbesondere die Zusammenarbeit mit den angestellten Steinmetzen, Schreinern und Malern der Dombauhütte, die die wichtigsten Arbeiten durchführen. In jahrelanger Erfahrung für die denk - malpflegerischen Erfordernisse sensibilisiert, sind die zwölf Mitarbeiter und zwei Azubis der 1963 gegründeten Mainzer Dombauhüt - te in historische Bauweisen eingearbeitet, im Umgang mit ungewohnten Techniken geübt und setzen sich auch mit alten Putz-Rezepten auseinander. Zurzeit stellen die Steinmetzen eine Kopie des steinernen Engels für die Nordfassade des Westlichen Querhauses her, dessen Original aus dem 13. Jahrhundert im Dommuseum zu finden ist – einer der frühesten Giebelengel in Deutschland. Am Samstag, 12. September, einen Tag vor dem »Tag des Offenen Denkmals« sind die Werkstätten für Besucher geöffnet.
SoS