Nullfünf-Manager Christian Heidel
Unmögliches gemeinsam möglich machen

Foto: Torsten Zimmermann
Nach zwei – aus Fansicht wohl schier endlos erscheinenden Jahren ist der Betriebsunfall »Abstieg « korrigiert und der FSV Mainz 05 kehrt zurück in die erste Fußball Bundesliga. Nicht der einzige Grund zur Freude für die Bruchwegkicker und auch nicht die einzige Herausforderung, die in diesem Jahr noch auf die Nullfünfer wartet. Wo führt er hin, der Weg der Mainzer Profifußballer? Ein Gespräch mit dem Manager, mit Christian Heidel.
Herr Heidel, zuerst grünes Licht für den Stadionneubau, dann der Aufstieg der Profis und zuletzt auch noch der Gewinn der deutschen A-Jugend-Meisterschaft Gab es für den Verein schon einmal ein erfolgreicheres Jahr?
Heidel:
Sicherlich wird es sehr
schwer, das Jahr 2009 zu toppen.
Der Baubeginn des Stadions ist die
Grundlage für eine lang fristige
Möglichkeit, im Profifußball zu
Hause zu sein. Die deutsche Meisterschaft
der A-Jugend beweist,
dass Mainz 05 in fünf Jahren systematischer
Jugendarbeit an die
Spitze in Deutschland gekommen
ist. Der zweite Aufstieg unserer
Profis in die Bundesliga widerlegt
viele Besserwisser. Dieser Verein
ist in der Breite hervorragend besetzt,
ist und war noch nie von
einzelnen Personen abhängig.
Drei Jahre Erstliga-Erfahrung haben die 05er bereits auf dem Bukkel. In wieweit hilft dieses Wissen? Sportlich und wirtschaftlich?
Heidel:
Diese Erfahrung ist
sehr wichtig, Die Bundesliga ist
kein Neuland mehr für uns. In
punkto Finanzen und Organisation
wissen wir,was auf uns zukommt.
Sportlich wissen wir auch, wie
schwer es wird die Klasse zu halten.
Trotzdem: Vor allem finanziell dürfte der FSV im Haifischbecken Bundesliga nur ein kleiner Fisch sein. Wie wollen, wie können Sie da auf Dauer überleben? Und wie groß ist dabei die Rolle, die das neue Stadion spielen kann?
Heidel:
Wir bleiben mit dem
Bruchweg und auch mit der COFACE-
Arena ein kleiner Fisch in
der Bundesliga, für den es nur um
den Klassenerhalt gehen wird. Immer
mehr Vereine, die über enor -
me Wirtschaftkraft verfügen, wollen
in die Bundesliga. Auf Hoffenheim
wird RB Leipzig in einigen
Jahren folgen und nicht zu stoppen
sein. Unser Ziel muss es sein, zu den TOP 24 in Deutschland zu
gehören – und das wird schwer
genug.
Die finanzielle Situation der Stadt Mainz hat zuletzt für gigantische Schlagzeilen gesorgt. Wie groß ist da ihrer Meinung nach die Gefahr, dass – aus welcher politischen Ecke auch immer – doch noch Rufe nach einem Stopp für das Stadionprojekt kommen könnten?
Heidel:
Diese Rufe kommen
immer aus den gleichen Ecken.
Ich habe mich mit führenden Politikern
einer Partei unterhalten, die
nicht in der Lage waren mir das
Finanzierungskonzept zu erklären.
Die selben Politiker poltern aber in
der Öffentlichkeit gegen das Stadion,
um Wählerstimmen zu bekommen.
Der Gipfel dieses Populismus
ist es, dann den Ausbau
des Bruchwegs zu fordern. Jeder
weiß, dass dies unmöglich ist. Irgendwann
fordern diese Politiker
dann die Überdachung des Frankfurter
Flughafens um den Fluglärm
zu reduzieren.

Mehr als 60 Millionen Euro soll und darf das Stadion am Ende nicht kosten. Eine Summe, die andere Vereine mal eben so als Ablösesumme für einen einzelnen Spieler hinblättern. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise: Verliert der Fußball die Bodenhaftung?
Heidel:
Ich glaube nicht, dass
dies etwas mit Bodenhaftung zu
tun hat. Es zeigt vielmehr, dass die
Schere der wirtschaftlichen Möglichkeiten
immer weiter auseinander
geht. Zu Ronaldos Begrüßung
kommen ja auch 80.000 Zuschauer
ins Stadion und wahrscheinlich verkaufen sie 1 Million Trikots von
ihm. Das Problem ist, dass Clubs
wie z.B. Valencia geglaubt haben,
sie können da mithalten und jetzt
total pleite sind. In Deutschland
ist das doch im Vergleich alles
ganz harmlos.
Offenbar läuft es aber darauf hinaus, dass man ohne Mäzen oder Großsponsor im Rücken auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein kann. Drohen da am Ende amerikanische Verhältnisse, mit in sich geschlossenen Ligen, wo für die Vereine nur noch die Finanzkraft als Eintrittskarte zählt?
Heidel:
Das wäre ganz traurig
und irgendwann würden die Fans
wegbleiben. Hat der Mäzen /
Großsponsor Husten, liegt der
Club auf dem Sterbebett. Aus diesem
Grund bin ich totaler Verfechter
der Beibehaltung der 50+1 Regel,
auch wenn die hier und da
unterlaufen werden kann und
wird.
Noch einmal Stichwort Wirt - schafts kri se. Experten sehen die Talsohle noch lange nicht erreicht, sprich: irgendwann könnten auch ihre Sponsoren klamm werden, Gelder ausfallen. Gibt es für solch eine Szenario einen Notfallplan?
Heidel:
Die Ausgabenseite
wird immer auf die Einnahmeseite
abgestimmt. Mainz 05 ist auf sehr
viele Schultern gebettet und
könnte den Ausstieg des einen
oder anderen Sponsors kompensieren.
DBV-Winterthur ist, wenn
auch aus anderen Gründen, ausgestiegen,
und Mainz 05 spielt
weiter Fußball – und das mit einem
neuen Hauptsponsor.
Vom Finanziellen zum Sportlichen: Sie hatten ihre Personalplanungen eigentlich frühzeitig abgeschlossen. Wie sehr frustrieren einen dann verschleppte oder nicht erkannte Verletzungen, wie im Fall der beiden Neuzugänge Eugen Polanski und Filip Trojan?
Heidel:
Bei einer frühzeitigen
Verpflichtung geht man immer ein
Risiko ein. Dies ist nur auszuschalten,
wenn man keine Transfers vor
Saisonende tätigt. Schade ist, dass
anscheinend in St. Pauli ein paar
Dinge übersehen wurden, die wir
in Mainz am ersten Tag erkannt
haben. Auch bei Polanski wurde die
Verletzung in Mainz sofort erkannt.
Die Verträge wurden so abgestimmt,
dass wir alleine entscheiden können,
wie es weitergeht. Hier hat
niemand einen Fehler gemacht,
was so manche anonyme Superexperten
erkannt haben wollen.
Äußerst kurios war der Fall David Hoilett. Haben Sie so etwas zuvor schon einmal erlebt?
Heidel:
Das hat noch keiner erlebt,
denn einen solchen Fall gab
es noch nicht. Noch nie hat ein 19-
jähriger Nicht-EU-Fußballer ohne
ein einziges Junioren- oder A-Länderspiel
eine Arbeitsgenehmigung
erhalten. Dabei wurden die Gesetze
in England nicht geändert.
Unterm Strich: Was macht Sie optimistisch, dass die 05-Fans am Ende erneut jubeln dürfen, sprich der Klassenerhalt gelingt?
Heidel:
Wenn wir ohne Optimismus
in die Liga starten, sollten
wir lieber in der 2. Bundesliga
bleiben, wo wir wirtschaftlich zu
Hause sind. Gerade das ist aber
der Reiz. Unmögliches gemeinsam
möglich machen. Diejenigen, die
aber nach den ersten Niederlagen
alles gleich in Frage stellen und
immer schon alles besser gewusst
haben, sollten Ihre Dauerkarten
den Fans übertragen, die Mainz 05
verstanden haben.
Na dann: toi, toi, toi für die kommende Saison und vielen Dank für das Gespräch.
Mario Bast