Die zwei Leidenschaften des Georg Pfülb
Fotografie & Fastnacht

Ein Chronist seiner Zeit, der die Höhen und Tiefen im Nachkriegs- Mainz fotografisch dokumentierte - als solchen könnte man Georg Pfülb bezeichnen. Er war Fotograf, Journalist, leidenschaftlicher Fastnachter und zu seinen Lebzeiten in Mainz durchaus eine bekannte Persönlichkeit. Immerhin so bekannt, dass kein Geringerer als der damalige Oberbürgermeister Franz Stein auf seiner Beerdigung seine Verdienste um die Stadt würdigte. Begibt man sich heute auf Spurensuche nach Ge - org Pfülb, fällt das Resultat eher spärlich aus. Am 2. August stünde sein 105ter Geburtstag ins Haus; Grund genug sein ereignisreiches Leben kurz Revue passieren zu lassen. Geboren wird Pfülb am 2. August 1904 in Wiesbaden, wo er seine Kindheit und Jugend verbringt. Nach der Schulzeit heißt es dann für Pfülb: Ab ins Berufsleben. Leichter gesagt, als getan, denn ein Blick in seinen anfänglichen Lebenslauf verrät: Irgendwie wollte er wohl von allem ein bisschen. Zunächst absolviert er einige Lehrjahre im Hotelfach und Bankwesen, studiert dann drei Semester an der Kunstgewerbeschule, um schließlich umzuschwenken auf eine Ausbildung als Grafiker, Dekorateur und Fotograf. Schlussendlich führt ihn sein beruflicher Slalomlauf in die Redaktionsräume des Nassauer Volksblattes. Von da an ist klar: Der Journalismus ist sein Metier. Recht bald wechselt er nach Mainz zur Allgemeinen Zeitung, übernimmt Reporteraufgaben für Illustrierten, Fachzeitungen und Fernsehanstalten. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges bedeutet dann jedoch eine Zäsur in Pfülbs Leben: Er unterbricht seine regionale Reportertätigkeit und tauscht die Schreibmaschine gegen seine Kamera. Als einer der ersten Kriegsberichterstatter begleitet er Luftwaffeneinsätze und macht die Kamera zu seinem Sprachrohr. Damit scheint er seine Nische gefunden zu haben. Nach dem Krieg zieht der gebürtige Wiesbadener endgültig nach Mainz und hält die Nachkriegsentwicklung der Stadt fotografisch fest. Obwohl er mit seinen Fotografien Bildbände füllen könnte, schafft er es Zeit seines Lebens nicht, seine Aufnahmen zu vermarkten. Gründe hierfür liegen im Rahmen der Spekulation, wie so vieles in seinem Leben. Fest steht jedoch, dass Pfülb als begeisterter Fastnachter beschrieben werden kann: Er war aktives Mitglied beim Mainzer Carneval Verein und Ehrenmitglied bei den Mainzer Hofsängern. Am 22. Juni 1964 stirbt Georg Pfülb, beigesetzt wird er auf dem Mainzer Hauptfriedhof – »inmitten der Stadt, in der er so lange gewirkt hat«, so der Nachruf von Oberbürgermeister Franz Stein.
Katrin Henrich
Neuauflage:
Königsweg
Im Jahr des 1000-jährigen Dom-Jubiläums
passt die Neuauflage von
Christian Pfarrs »Königsweg oder:
Der steinerne Zeuge« wunderbar ins
Lese-Programm. Dem Ingelheimer
Leinpfad sei Dank, tritt Oblatenbruder
Pfarrer Braun wieder in Aktion.
Denn: Eines der bedeutendsten und
schönsten Exponate, der »Kopf mit
der Binde«, ist aus dem Mainzer
Dom-Museum gestohlen worden.
Und zwar ausgerechnet am Rosenmontag!
Und nicht nur das: Es gibt
keine Spuren eines Einbruchs, jemand
muss sich also sehr gut ausgekannt
haben …
Es ist nicht so, dass das aus Christian
Pfarrs Zaubernuss bekannte
Team, der ehemalige Stadtschreiber
Martin Echter und sein Freund aus
Studienzeiten, ebenjener Pater Braun, sich unverzüglich dieses
Diebstahls annehmen wollten. Erst
als Pater Braun – an Aschermittwoch!
– anonyme, rätselhafte Botschaften
mit Spielkarten (Pik-König,
-Dame und -Bube) erhält, stellt er
einen Bezug zu sich selbst und zu
seiner Vergangenheit her. Weil das
Rätsel anspruchsvoll ist, ist dann
auch Martin Echter schnell mit im
Boot. Ihre Spurensuche führt die
beiden nicht nur kreuz und quer
durch Mainz, sondern auch auf den
Binger Rochusberg und in die besten
Niersteiner Weinlagen.
Christian Pfarr bleibt auch mit diesem
Krimi seinem Stil treu, der wieder,
wie schon in der Zaubernuss,
eine respektvoll-augenzwinkernde
Hommage an Sherlock Holmes, Hercules
Poirot, Father Brown und Co. ist.
Info: Christian Pfarr, Königsweg
oder: Der steinerne Zeuge, ISBN
978-3-937782-84-3, 80 Seiten,
Hardcover 9,90 €
Ein Zentrum für die Lebenden
Der Leichhof
Linker Hand viele bunte Läden,
an der Stirnseite Café s mit Tischen
und Stühlen vor der Tür, dahinter
erhebt sich der mächtige Willigis-
Dom. Das ist der Mainzer Leichhof
heute. Schwer vorstellbar, dass
die ser Platz voller Leben mal das
genaue Gegenteil war. Bis zum
12. Jahrhundert nämlich war der
Leichhof das, was sein Name
heute noch verrät – ein Friedhof.
Genauer gesagt: der Domfriedhof.
Damals gab es bei weitem noch
nicht an jeder kleineren Pfarrkirche
einen eigenen Begräbnisplatz.
Oft wurden alle Toten des gesamten
Stadtgebietes auf einem einzigen
großen Friedhof begraben.
Dieser lag meist hinter dem größten
Gotteshaus, wie in diesem Fall
auf der Rückseite des Mainzer
Doms. Im 12. Jahrhundert dann
bekamen allmählich immer mehr
kleinere Kirchen ihre eigenen
Friedhöfe, so dass man den Leichhof
als Domfriedhof schließlich
aufgeben konnte. Der heute noch
existierende Domfriedhof liegt innerhalb
der Mauern des Doms: in
dem Areal, das vom Kreuzgang
umschlossen wird. Zahlreiche Mitglieder
des Domstifts wurden dort
in den vergangenen Jahrhunderten
bestattet. Wie es mit dem
Leichhof weiterging? Erste Ansätze
hin zu einem Zentrum für
die Lebenden sind aus dem 16.
Jahrhundert überliefert. Damals
fand auf dem Leichhof ein Gerümpel-
und Krempelmarkt statt. Mitte
der 1970ger Jahre dann begann
die Umgestaltung der Domplätze.
1978 schließlich wurde auch der
Leichhof gepflastert und als Fußgängerzone
gestaltet. Seitdem ist
er zentraler Punkt zum Einkaufen,
Kaffeetrinken oder auch, um bei
Großereignissen wie dem Gutenberg-
Marathon zuzugucken. Von
seiner Vergangenheit als Zentrum
der Toten ist dem Leichhof nur
noch der Name geblieben.