Blumenmeer unter Glas
Es grünt so grün und blüht so schön

Von außen lassen die Glaswände
keinen Blick auf die Blütenpracht
im Inneren zu. Die
Wände des Gewächshauses der
Stadt Mainz sind komplett mit
einer Noppenfolie verkleidet. Ähnlich
der Folie, in die man zerbrechliche
Güter für den Paketversand
hüllt und deren kleine Luftbläschen
man als Kind so gerne mit
den Fingern zerdrückt hat. Hier
sind die Noppen aber größer und
sollen Energie sparen helfen.
Energie, die durch die riesigen
Glasflächen schnell verpufft und
doch zur Aufzucht tausender
Pflanzen in großen Mengen benötigt
wird. Im Inneren steht der Besucher
in einem Meer aus Farben,
die aus unendlich scheinenden
Blumenreihen stammen.
Die Blumen brauchen Wärme
im Winter, Schatten im Sommer,
wohldosiert Wasser und Dünger,
die meisten Licht, manche aber
nicht zuviel davon – man ahnt es
schon, die Aufzucht, insbesondere
professionell betrieben, ist ein
kompliziertes Geschäft. In Mainz
kümmern sich die Mitarbeiter des
städtischen Grünamts um die Blumen
unterm Glasdach. Gerade
mal 3,5 Stellen stehen Abteilungsleiter
Alexander Schubert für den
Betrieb des Gewächshauses an
der Geschwister-Scholl-Straße zur
Verfügung. Weit mehr als 150.000
Pflanzen kommen jährlich aus
dem Gewächshaus in die öffentlichen
Beete, in kleineren Mengen
auch auf den Friedhof, zur Dekoration
ins Schloss, ins Kongresszentrum
oder in Dienstzimmer der
Verwaltung.
Früher waren es weitaus mehr
Mitarbeiter, erinnert sich Schubert. 15 bis 20 waren es zeitweise
am seit rund drei Jahrzehnten bestehenden
Standort in der Oberstadt.
Es gab damals noch eine
Baumschule, Rosenzucht und
auch Blumensträuße banden die
Gärtner selbst. Seit Beginn der
90er Jahre gibt es die Baumschule
nicht mehr, vor drei Jahren wurde
die Floristik aufgegeben, berichtet
Abteilungsleiter Schubert: »Die
Kostendiskussion rückte immer
mehr in den Vordergrund.«
Besagte Kostendiskussion hätte
sogar beinahe das völlige Aus be -
deutet. Bis vor kurzem lautete noch
die Vorgabe, im Jahr 2010 sei
Schluss mit städtischer Blumenzucht.
Erst seit wenigen Wochen
stehe fest, dass der Betrieb weiter
gehe, sagt Schubert. Die Erleichterung
ist ihm und seinen Mitarbeitern
deutlich anzumerken. Man
habe nochmals Sparmaßnahmen
ausgetüftelt und komme inzwischen
mit noch weniger Personal
aus, als einst Gutachter empfohlen
hätten. Da kommt das eingangs
erwähnte Thema Energiesparen
wieder auf den Tisch: Rund 50.000
Euro Energiekosten fallen jährlich
im Gewächshaus an. Zwar sinke die Verbrauchsmenge mit Hilfe
moderner Techniken, »aber die gestiegenen
Bezugspreise fressen
die Einsparungen wieder auf«, so
Schubert. 45.000 Euro kostet die
Produktion pro Jahr: Samen, Steck -
linge, Erden, Töpfe. Etwa 50:50
beträgt das Verhältnis von selbst
aus Samen gezogenen Gewächsen
und zugekauften Jungpflanzen.
»Unser Kerngeschäft ist der
Wechselflor«, erklärt Schubert,
sprich die saisonale Bepflanzung
der öffentlichen Beete in Mainz.
Zur Aufzucht der nötigen Blumen
steht den Gärtnern ein im Jahr
2000 bezogenes modernes Gewächshaus
mit 2000 Quadratmetern
zur Verfügung, berichtet seine
Mitarbeiterin Renate Kissinger.
Dazu kommen noch 300 qm in
zwei alten Häusern, 200 qm in sogenannten
Folienbauten und 450
qm Freifläche. Im neuen Haus
wird alles automatisch geregelt,
Fühler messen Luftfeuchtigkeit
und Temperatur. Der Computer
steuert, ob die Lüftungsluken geöffnet
oder geschlossen werden,
ob die Schattenfolien ausgebreitet
oder eingerollt werden.
Immer eine Jahreszeit voraus

Die Bewässerung erfolgt ebenfalls ferngelenkt. Lochschläuche führen Wasser zu allen Pflanz - tischen oder Flächen, wo Blumen stehen. Das Wasser selbst wird größtenteils aus Regenrinnen gewonnen und zunächst in einem 200.000 Liter fassenden Becken auf dem Gelände gesammelt. Von da aus wird es in drei Tanks im Gewächshaus gepumpt, in denen es mit Dünger angereichert wird. Daraus gelangt es über das Schlauchsystem zu den Pflanzen. Je nach Jahreszeit und Temperatur reichen 15 Minuten Bewässerung am Tag, bei großer Hitze wird mehrfach gewässert. Die Gärtner unterscheiden Frühjahrsflor, Sommerflor und Herbstflor. Im Frühjahr stehen rund 45.000 Pflanzen im Gewächshaus, erklärt Kissinger, vor allem Stiefmütterchen und Goldlack. Für die Sommerbepflanzung zwischen Anfang Mai und Mitte/Ende September wird alles genutzt, »was Beet und Balkon zu bieten hat«, so die Gärtnerin. Hauptsächlich Geranien, Begonien, Fleißige Lieschen und Tagetes in verschiedenen Farben und Sorten. Bis zu 80.000 Pflanzen werden dafür im Gewächshaus gezogen. 50.000 Blumen werden dann noch mal für den Herbst gezüchtet, meist Stiefmütterchen. Rund 100.000 Euro stehen im Jahr zur Verfügung, damit alle öffentlichen Beete über das Jahr hinweg bepflanzt werden können, berichtet Abteilungsleiter Schubert. Die größten Beete in der Stadt seien an der Pariser Straße, am Schillerplatz und am Liebfrauenplatz gelegen. Dabei gebe es jedes Jahr einen anderen Anbauplan. Mit langem Vorlauf: Seit einigen Wochen wird in der Gärtnerei schon die Bepflanzung für den kommenden Herbst/Winter geplant.
Christoph Barkewitz