Ein »Vater des Deutschen Wirtschaftswunders«
Dr. Erich Schott

Er war der Mann, der die Schott
Glaswerke AG nach dem zweiten
Weltkrieg nach Mainz brachte und
zu einem weltweit tätigen Unternehmen
ausbaute. Und doch war
er scheinbar ein Mann, der sich
eher im Hintergrund hielt. Diesen
Eindruck kann jedenfalls bekommen,
wer sich auf Spurensuche
nach Erich Schott begibt, denn Informationen
über sein Leben in
Mainz sind eher spärlich gesät.
Am 24. Juli jährt sich sein Todestag
zum 20ten Mal. Grund genug,
sein langes Leben Revue passieren
zu lassen und ein bisschen tiefer
in der Mainzer Geschichte zu
graben.
Geboren wird Erich Schott am
29. März 1891 in Jena als Sohn
von Catharina und Otto Schott.
Letzterer hatte sechs Jahre zuvor
zusammen mit Ernst Abbe und
Carl Zeiss das Jenaer Glaswerk
Schott und Genossen gegründet.
Obwohl die Labore und Fabrikhallen
des Glaswerks für den Jungen
zu einem zweiten Zuhause werden,
hat er zunächst kein Interesse,
das Unternehmen seines
Vaters zu übernehmen. Sein Herz
schlägt vielmehr für die Wissenschaft.
Nach dem Abitur zieht ihn
daher sein Forschertrieb in die
Welt hinaus. Zum Studium der
Physik und Chemie geht er zuerst
nach Cambridge, dann nach Freiburg,
schließlich nach Prag und
schlussendlich zurück nach Jena.
Der Beginn des ersten Weltkrieges
zwingt ihn dann aber seine wissenschaftlichen
Ambitionen an
den Nagel zu hängen und den Laborkittel
gegen eine Armeeuniform
zu tauschen. Nach zwei Jahren
Kriegsdienst darf er die Front
auf Grund einer Erkrankung verlassen
und wird an eine Forschungsstelle
für Funkgeräte in
Berlin und Jena abkommandiert.
Doch der nächste Schicksalsschlag
lässt nicht lange auf sich
warten: Sein älterer Bruder Rolf,
der als Nachfolger von Otto Schott
in der Unternehmensleitung des
Konzerns vorgesehen war, fällt –
Erich nimmt daraufhin die Rolle
des Erben an. 1921 wird ihm zwar
in seiner Heimatstadt Jena noch
die Doktorwürde verliehen, doch
spätestens jetzt ist klar, dass eine
akademische Karriere für Erich
nicht mehr in Frage kommt.
Feuerfest und kunstvoll gestaltet
1927 übernimmt er den Posten seines Vaters in der Vorstandsleitung des Konzerns und macht sich durch die Entwicklung der Haushaltsgeschirrmarke »Jenaer Glas feuerfest« einen Namen. Neben den besonderen hitzebeständigen Materialien, die diese Marke auszeichnen, ist auch ihre künstlerische Gestaltung einmalig: Als einer der ersten Industrievertreter beauftragt Erich 1930 den Bauhauskünstler Wilhelm Wagenfeld mit einem Designentwurf für seine Geschirrmarke. Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs tritt Erich auf Anraten des örtlichen Gauleiters der NSDAP bei. Während des Krieges ist ihm somit der Posten als Leiter der Wirtschaftsgruppe Glasindustrie sicher. Das Kriegsende 1945 wird dann zum Wendepunkt für Erich und den gesamten Konzern, denn nun heißt es Abschied nehmen von Jena. Amerikanische Truppen nehmen kurz nach Kriegsende 41 Glasmacher des Jenaer Unternehmens, darunter die gesamte Geschäftsleitung und ausgewählte Spezialisten, mit in den Westen – an ihrer Spitze: Erich Schott. Thüringen wird kurz darauf der sowjetischen Besatzungszone zugeteilt – im Zuge dessen wird der Konzern 1948 enteignet und in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt.
Pionier des deutschen Wirtschaftswunder
Im Westen heißt es hingegen: Zeit für einen Neustart. 1950 fällt die Entscheidung für den neuen Standort des Unternehmens auf Mainz - zum Einen wegen der guten infrastrukturellen Lage, zum Anderen auf Grund der Bedeutung als Universitätsstadt. Mit dem neuen Sitz halten auch neue Entwicklungen Einzug in das Mainzer Unternehmen. Durch den stetig ansteigenden Fernsehkonsum der Deutschen legt Erich einen Schwerpunkt der Produktion auf die Herstellung von Mattscheiben und Fernsehkolben – mit dem Ergebnis: Volle Auftragsbücher. Weiteren Auftrieb erhält das Unternehmen durch die internationale Ausrichtung, die Erich vorantreibt. So wird bereits 1954 die erste Schott Produktionsgesellschaft außerhalb Deutschlands in Betrieb genommen – in Rio de Janeiro. Ihr folgen während Erichs Vorstandstätigkeit Vertriebsgesellschaften in Süd- und Westeuropa, Japan und den USA. Das einstige Jenaer Unternehmen wird somit zu einem weltweit anerkannten Konzern – und Erich Schott ein klassischer Vertreter des deutschen Wirtschaftswunders. 1968 erklärt Erich seinen Rückzug aus dem Geschäftsleben, nicht jedoch aus der Öffentlichkeit: Am 12. Dezember 1984 wird ihm die Ehrenwürde der Stadt Mainz verliehen. Am 24. Juli 1989 stirbt er im Alter von 98 Jahren und findet auf dem Mombacher Waldfriedhof seine letzte Ruhestätte.
Katrin Henrich