Dem Himmel ganz nah
Der Mainzer Domsgickel
Es gibt einen Spruch in Mainz,
der geht so: »Scheißt der Gickel
Richtung Rhein, wird morgen Regenwetter
sein.« Mit »Gickel« ist
der Wetterhahn gemeint, der seit
dem Jahr 1767 auf dem Westturm
des Domes sitzt. Über ihn soll hier
eine wahre Geschichte erzählt
werden:
Während des 2. Weltkrieges
wurde die Eisenstange, auf der der
Domsgickel steckte, von einem
Granatsplitter getroffen. Ergebnis:
Der Wetterhahn konnte sich nicht
mehr drehen. Also drückte der
Wind immer von der gleichen Seite
auf den armen, 60 cm langen Gickels-
Schwanz – bis er abbrach–
und im Domfriedhof im Kreuzgang
des Domes landete. Ein Mainzer
Bub namens Konrad, der Messdiener
war und jeden Winkel des
Doms wie seine Westentasche
kannte, fand den Schwanz rein zufällig
beim Spielen. Konrad hob
den Schwanz auf, ging damit zu
drei Ordensbrüdern,
die im Dom arbeiteten
und zeigte ihnen
das gute Stück. Da
sie während des
Krieges nicht auf den
Westturm klettern
konnten, versteckten
sie den Schwanz in
einer Truhe im Dommuseum,
das sich
ebenfalls am Kreuzgang
befindet.
Nach dem 2.
Weltkrieg wurde der
Domsgickel im Rahmen
einer Bestandsaufnahme
abmontiert. Die angeschossene
Eisenstange sollte erneuert
werden, damit sich der
Wetterhahn wieder drehen konnte.
Doch der hatte keinen Schwanz
mehr und die Mainzer fragten
sich, wo der geblieben sei.
Konrad, der inzwischen erwachsen
war, ging zum Dombaumeister
und zeigte ihm die Truhe,
in der er den Schwanz während
des Krieges versteckt hatte. Und
siehe da: Das gute Stück lag noch
darinnen. Nun wurde der Originalschwanz
aus dem Jahr 1767 wieder
an dem Corpus des Domsgickels
befestigt. Im Jahr 1956 kletterte
eben jener Konrad höchstpersönlich
auf den Westturm und
brachte den Wetterhahn in 80 Meter
Höhe wieder an. Seitdem dreht
sich der Domsgickel wieder im
Wind. Kommt der von Westen,
streckt der Gickel seinen Schwanz
in Richtung Rhein aus. Die Mainzer
wissen dann, dass sie einen
Schirm mitnehmen müssen.
Corinna Lutz