Engpass Refrendariat
Notlösung Vertretungslehrer?
Die Spatzen pfeifen es von allen
Dächern: es herrscht Lehrermangel
im Lande – auch in Rheinland-
Pfalz. Grund zur Freude für
all diejenigen, die sich vor fünf
oder sechs Jahren für ein Lehramtsstudium
entschieden haben,
schließlich haben sie genau aufs
richtige Pferd gesetzt. Gäbe es da
nicht das Nadelöhr »Referendariat
«, das alle Staatsexamensabsolventen
durchlaufen müssen.
Sandra (Name von der Redaktion
geändert) hat an der Mainzer
Universität ihr erstes Staatsexamen
in Geschichte und Deutsch
absolviert. Doch statt sofort durchzustarten,
landete sie erst einmal
auf einem Warteplatz: »Im Sommer
2007 habe ich mein Studium beendet,
doch die Bewerberzahlen auf
einen Referendariatsplatz waren
so hoch, dass ich nicht genommen
wurde«, erinnert sie sich. Seitdem
hat sich in dieser Hinsicht in
Rheinland Pfalz nicht viel geändert.
Für den Referendariatsbeginn
im Februar dieses Jahres gab
es insgesamt 593 Bewerber. Nur
190 Anwärter konnten sich indes
über einen der begehrten Seminarsplätze
freuen – also gerade
einmal ein Drittel. Ganz so dramatisch
dürfe man diese Zahlen nicht
bewerten, heißt es dazu aus der
Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion
(ADD) in Trier, die für die
Vergabe der Referendariatsplätze
in Rheinland-Pfalz zuständig ist.
Schließlich kamen die Bewerbungen
aus dem gesamten Bundesgebiet,
viele Bewerber hatten mehrere
Eisen im Feuer und traten den
Seminarplatz in Rheinland-Pfalz
im Endeffekt gar nicht an. Eine relativ
hohe Zahl an Nachrückern
konnte so noch kurzfristig bedient
werden. Nichtsdestotrotz sieht
man aber in der Trierer Direktion
Handlungsbedarf: Eine Aufstockung
der Seminarplätze ist im
Gespräch; unterdessen müssen
sich die abgelehnten Bewerber damit
begnügen, dass ihnen die Wartezeit
bei der nächsten Bewerbung
angerechnet wird und sie bei der
Vergabe der Seminarplätze im
nächsten Zyklus bevorzugt behandelt
werden.
Sprung ins kalte Wasser
Das ist zwar schön und gut; doch zunächst stellt sich für die Absolventen die Frage: Was tun und wie die Zeit überbrücken? Die Lösung heißt Vertretungslehrer. Ei ne Lösung, für die sich auch San dra entschieden hat und die sie im Nachhinein als einen Sprung ins kalte Wasser bezeichnet. »Ich kam frisch von der Uni, hatte jede Menge fachliche Ahnung, aber keinen Plan, wie ich den Unterrichtsstoff an den Mann bringen sollte. Ja, und dann stehst du vor der Klasse und es heißt: Mach mal.« Das tat sie. Die zehn Unterrichtsstunden pro Woche in der Mittelstufe haben sie völlig ausgelastet, es habe zwar Spaß gemacht, aber immer wieder waren ihr Zweifel gekommen: »Ich hatte Angst, dass ich grundlegende didaktische und methodische Dinge falsch mache, auf die mich aber keiner aufmerksam machen kann, da ich ja allein für meinen Unterricht verantwortlich war und mir niemand über die Schulter schaute. Die Frage: Was ist, wenn sich in meinen Unterrichtsstil fatale Fehler einschleichen, hat mich eigentlich während meiner ganzen Zeit als Vertretungslehrer begleitet. « Wurden die Zweifel zu groß, suchte sie Hilfe im Kollegium: »Die anderen Lehrer waren von Anfang an sehr nett und haben mir auch direkt ihre Hilfe angeboten. Allerdings war mir auch klar, dass sie genauso viel mit ihrem eigenen Unterricht zu tun hatten, wie ich mit meinem. Im Endeffekt bin ich also nur in Notfällen auf sie zu gegangen «, erinnert sich Sandra.
Lernziel erreicht?
Noten geben, den richtigen Umgang mit den Schülern lernen und den Unterrichtsstoff schülergerecht verpacken und servieren; keine leichte Aufgabe für jemanden, der frisch von der Uni kommt. »Was ich anfangs besonders schwer fand, war das Herunterbrechen des Stoffes auf das Niveau einer siebten oder achten Klasse, sprich das Herausfiltern des Wesentlichen. « Doch trotz der vielen Schwierigkeiten zieht Sandra auch eine positive Bilanz ihrer Vertretungslehrerzeit: »Immerhin habe ich gelernt vor den Schülern so aufzutreten, dass sie mir nicht auf der Nase herum tanzen und dass es enorm wichtig ist, den Schülern gegenüber konsequent zu bleiben. « Nach einem Jahr Überbrückungszeit als Vertretungslehrer, hat Sandra im letzten Sommer endlich einen Referendariatsplatz ergattert. Die Erfahrungen, die sie während der Wartezeit sammeln konnte kommen ihr jetzt manchmal zu Gute – als verlorenes Jahr würde sie ihr Vertretungsjahr also nicht bezeichnen. Dennoch ist sie froh, dass sie jetzt direkte Rückmeldung zu ihrem Unterricht erhält: »Wenn ich als Vertretungslehrer erst nach drei Unterrichtsstunden gemerkt habe, dass der Stoff, wie ich ihn präsentiere, für die Schüler zu schwer ist, macht mich der Fachleiter jetzt schon nach einer Stunde darauf aufmerksam.«
Katrin Henrich