Herr über Manuale, Pedale und Register im Dom:
Domorganist Albert Schönberger
Eine kleine unscheinbare Tür
führt über eine Wendeltreppe hinauf
ins »Cockpit« des Domorganisten.
Der Vergleich mit dem Arbeitsplatz
von Piloten ist sofort ersichtlich:
Die Instrumentenansammlung
von Registern, Klaviatur
und Pedalen ist auf engstem
Raum begrenzt. Einzig über Monitore
ist das Geschehen unten im
Kirchenraum zu verfolgen. Wie im
Blindflug »steuert« der Domorganist
die Orgelpfeifen durch den
Gottesdienst. Präzise Technikkenntnisse,
handwerkliches Können,
Verantwortung und Kreativität
sind gefragt, um einen für alle
und in allen Situationen harmonischen
Ablauf zu gewährleisten.
»Meine alte Dame« nennt Albert
Schönberger liebevoll und fast
ehrfürchtig das Instrument, auf
dem er seit 1981 den Dom zum
Klingen bringt. Sie habe schon
»Lungenentzündung« gehabt,
manchmal plage sie die »Gicht«
und immer gelte es ihre jeweilige
»Stimmung« zu testen, um sie angemessen
bespielen zu können.
Unterschiede in der Raumtemperatur
(»zwischen Ostchor und
Westchor in der Regel 2 Grad«),
den Raum füllende Gottesdienstbesucher,
ein »verschnupftes« Ventil
hier und ein verklemmter Kontakt
da – das komplizierte Gefüge
unterschiedlichster »Instrumente«
fordert vom Organisten, sich immer
wieder neu einzulassen. Nicht
nur auf die Orgel. Auch auf den sie
umgebenden Raum.
Instrument und Architektur

Domorganist Albert Schönberger
Mit Klaviatur, Registern und
Pedalen lässt Albert Schönberger
die Klänge von den Pfeifen im
Que rhaus herunter, um das frei
schwebende Kreuz im Altarraum
herum fließen, sich mit dem Tönen
der Westchor-Pfeifen verbinden,
gegen die Pfeiler prallen, zurück
rollen und sich in neuer Klang fülle
auf ihrem Weg durchs Mittelschiff
binden, die Töne der Ostchorpfeifen
aufnehmen und bis in die
Türme hinauf jubilieren. Für die
Zuhörer ein Ganzkörper-Klangerlebnis.
Hervorgerufen von den
Händen, Füßen, dem Kopf des
Domorganisten, einer Begeisterung
für dieses Spielen, die nicht
zu überhören ist – und »veredelt«
von der Kathedrale.
Jedes Orgelensemble kann der
Domorganist getrennt voneinander
bespielen, von kaum hörbar bis
bombastisch laut. Vom Hall der Eigernordwand,
über deren Felsrauschen
bis zum Schneekriseln – die
Orgel ist zu fast allen Ton-/Klangkombinationen
in der Lage. Mithin
bestens geeignet für die von Albert
Schönberger so sehr geschätzten
Improvisationen: Auftrumpfend
wie ein Orchester und sich reduzierend
auf eine einzige Posaune,
lassen sich die unterschiedlichsten
Stimmungen erzeugen.
Das macht auch den Orgeleinsatz
im Gottesdienst so bedeutsam:
Die Liturgie begleiten, sie
un terstützen, die Aussagen hervorheben,
ihnen den rechten
Klang verleihen. Der Domorganist
sieht in diesem komplizierten Zusammenwirken
eine stetige Herausforderung,
das einer guten
Vor bereitung bedarf – beispielsweise
für den Höhepunkt im Kirchenjahr,
die Messe in der Osternacht.
Detailliert plant die Liturgie-
Kommission, in der Domdekan,
Dompfarrer, Bischöflicher Kaplan,
Domorganist, Domkapellmeister,
Domkantor und Domküster zusammenwirken,
den gesamten Ablauf.
Diese Verbindung zwischen
Pastorale und Musik ist Schönberger
zufolge noch nicht lange so
selbstverständlich. Erst der »Geist
des Konzils« habe der Musik im
Gottesdienst ihre eigene Rolle zugeführt.
Monsignore Heino
Schneider, dem Albert Schönberger
1985 als Domorgansit nachfolgte,
sei es zu verdanken, dass
die Domorgel aus ihrem Schattendasein
hinter dem Chorgestühl
her vorgeholt und im Kirchenraum
sichtbarer wurde.
Bistum und Dom sind immer dabei
Er sei »ein Musiker der pastoral
denkt«, sagt Albert Schönberger
von sich selbst. Anders könne ein
Domorganist seine Rolle auch
nicht erfüllen: die Gemeinde in
und mit der Musik zusammen führen.
Kirchenmusik lehrte der, in
Regensburg und München ausgebildete,
Organist als Dozent am Bischöflichen
Institut für Kirchenmusik
und der Mainzer Universität
bis 1994. Seine musikalische Profession
lebt der 59-Jährige, außer
im Orgelspiel, in seinen Improvisationen,
beim Dirigieren und
Komponieren, sowie in der Zusammenarbeit
mit (z.B.) dem Mainzer
Kammerorchester und dem Figuralchor.
Für den Kardinal, dem er
in herzlich-bewundernder Freundschaft
verbunden ist, komponierte
er anlässlich dessen 25-jährigem
Bischofsjubiläums ein Credo.
Schönberger konzertiert im Mainzer
Dom und in anderen Gotteshäusern,
begleitet in schlichten
Meditationen und in Pontifikalämtern:
»Als Domorganist vertrete ich
immer auch das Bistum und den
Hohen Dom«, umschreibt Schönberger
einen durchaus werbewirksamen
Aspekt seines vielfältigen
Wirkens.
Trompeten für den Kardinal
Immer wieder fällt der Blick auf
diesen kleinen roten Schalter am
Spieltisch des Domorganisten –
Albert Schönberger strahlt regerecht,
als er ihn betätigt: im nördlichen
Querhaus, seinem »Cockpit«
gegenüber liegend, öffnen sich die
Fenster der Glöcknerstube und
zum Vorschein kommen »Trompeten
«. »Zum 20-jährigen Bischofsjubiläum
haben wir unserem Kardinal
diese 58 ‚Trompeten’ dort oben
einbauen lassen, sie begrüßen ihn
seither, wenn er in die Kirche einzieht.
Und der Volksmund hat sie
direkt ‚Kardinalstrompeten’ getauft.«
SoS
