Mainz braucht keine
Debatten um die Finanzkrise.
Denn: Die
rheinland-pfälzische Landeshauptstadt
hat so viele »hausgemachte
« Themen zu diskutieren,
dass für hehre Weltpolitik überhaupt
kein Platz ist. So war kaum
verkündet, dass CDU-Bürgermeister
Norbert Schüler nicht noch einmal
antritt und schon herrscht Termindruck,
weil jetzt bis zum Sommer
personelle Alternativen vorgelegt
werden müssen. Sagt zumindest die
Wahlordnung, und an die müssen
sich die politischen Mitstreiter halten.
Doch wird keiner in der CDU
oder SPD in einer solch zentralen
personellen Weichenstellung aus
der Deckung treten, bevor nicht
die Kommunalwahl im Juni
gelaufen ist. Resultierend
aus diesem Urnengang
können sich
nämlich die
Gewichte im Stadtrat
derart verschieben, dass
der bisherige »schwarze« Bürgermeister
von einer möglicherweise
ganz anderen politischer Couleur
abgelöst wird.
Schüler verfällt in den letzten
Wochen in eine Art Aktionismus
und schaltet sich eifrig in alle Fragen
ein, wobei man manche Initiative
nur kopfschüttelnd verfolgen
kann. Da setzt der einstige CDUKreisvorsitzende
den Stadtwerken
mächtig zu und geriert sich zu einem
der prominentesten Gegner
des Kohleheizkraft werks, während
er fast zeitgleich von eben jenen
Stadtwerken den Bau einer Mehrzweckhalle
am Zoll- und Binnenhafen
fordert. Solche Begehrlichkeiten
wirken noch dreister, wenn man bedenkt,
dass den Stadtwerken mit
der Kohlekritik eigentlich der Boden
eines gesunden wirtschaftlichen
Daseins entzogen werden könnte.
Aber nein: Der scheidende Bürgermeister,
der wie viele seiner Parteifreunde
erst spät den Schwenk weg
von der Kohle (hin zu Gas – aber davon
spricht momentan niemand
mehr in der CDU!) vollzogen hat,
ver schanzt sich hinter der Argu -
men tation, die Stadtwerke müssten
eine solche Halle im Blick auf die
»partnerschaftliche Baulandbereitstellung
« realisieren. Fast nacht ist
doch eigentlich vorbei…
Wie verkehrt die Welt der Mainzer
Kommunalpolitik derzeit ist,
zeigt Bundesumweltminister Sigmar
Gabriel, der bei einem Auftritt
in der Betriebsversammlung der
Kraftwerke Mainz-Wiesbaden mit
ganzem Gewicht für das Kohleheizkraftwerk
trommelte. Schon seltsam:
Eine ökologisch orientierte
CDU und eine pragmatische SPD,
die mit Unterstützung der rheinland-
pfälzischen Landesregierung
gegen die wettert, die von einer
»Kohledreckschleuder« sprechen,
während im Bund die Atomkraft
aufs Abstellgleis geschoben wurde.
Wie der Mainzer Energiestreit
auch ausgehen mag: Die nächsten
Monate bis zur Wahl werden keine
Bewegung bringen, und im Juni
werden sich dann die Parteien genau
anschauen, welche energiepolitischen
Zeichen der Wähler gesetzt
hat. Sollten die Mainzer ihr Votum
für oder gegen Kohle getroffen haben,
kommt es vielerorts zu Zerreissproben.
In der CDU, deren
Nach wuchs die Abkehr vom
zunächst befürworteten
Kohleheizkraftwerk
durchgepaukt hat. Sollten
die Wähler dies honorieren,
dann müssen unter großen
Schmerzen auch alternative
Energieträger einer kommunalen
Versorgung genannt werden. Und
genau in dieser Frage herrscht in
der Union momentan Funkstille. Für
die SPD könnte diese Gretchenfrage
auch zu enormen innerlichen Zerwürfnissen
führen, weil der klare
Pro-Kohle-Kurs viele SPD-Wähler
verschreckt hat. Ohne ein Wählervotum
für das Kohleheizkraftwerk
auf der Ingelheimer Aue stehen den
Sozialdemokraten heftige Debatten
ins Haus – in Mainz wie auch in der
Landes-SPD, die sich dann für die
nächste Landtagswahl rüsten muss.
Und für die Vorstandsetage der
Stadtwerke wird die Wahl auch
Klarheit schaffen. Wie geht es energiepolitisch
weiter, welcher Aufsichtsrat
wird welchen Kurs verfolgen?
Doch längst wurden Fakten
geschaffen und das Kohleheizkraftwerk
mit Mehrheitsbeschluss auf
den Weg gebracht. Vielleicht wird
genau dies auch der Wähler in sein
Votum einfliessen lassen. Weil er
vielleicht klüger als allgemein angenommen
ist und weiß: Nur eine
rentable kommunale Energieversorgung
sichert in der Quersubventionierung
einen bezahlbaren Öffentlichen
Personennahverkehr. Und eine
Mehrzweckhalle…
Mogunzius
