Archiv Heft 221
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Nullfünfer Rückblick

Von der »Pole-Position« in die zweite Saisonhälfte:

Der Aufstieg ist kein Selbstläufer!


Fan

Ein knappes Fußballhalbjahr ist vergangen, seitdem Jürgen Klopp den FSV Mainz 05 verlassen hat. »Von nun an geht’s bergab«, hieß damals die Prognose vieler Fans, die sich ein erfolgreiches Kickerleben ihrer Lieblinge ohne den Kulttrainer nicht vorstellen konnten. Auch oder sogar gerade weil dessen Nachfolger Jörn Andersen hieß.

Der Norweger war soeben mit den Offenbacher Kickers in Liga Drei abgestiegen und schien alles andere als groß genug, um die Klopp’sche Lücke ausfüllen zu können. Jetzt, nach der Vorrundenende sieht, das völlig anders aus: Platz eins, Herbstmeister, alles richtig gemacht, oder?! Eine Frage, die der MAINZER versucht hat, etwas genauer zu beleuchten.

Zahlenspielereien


17 Spiele, neun Siege, vier Remis und genauso viele Niederlagen: Schwarz auf weiß gleichen sich die Mainzer Vorrundenbilanzen der letzten beiden Spielzeiten wie ein Ei dem anderen. Und doch gibt es Unterschiede, nicht nur, weil die 05er damit vor einem Jahr »nur« Zweiter waren. Im vorletzten Saisonhalbjahr unter Klopp bedeuteten die 31 Punkte quasi das Maximum. Viel mehr war für das Team damals nicht drin.

Das sieht in dieser Spielzeit ganz anders aus. Obwohl am Ende sogar Klassenprimus, gab es für Mannschaft, Trainer und Verantwortliche bis zur Winterpause genügend Gründe, sich zu ärgern. All zu oft wurden Punkte verschenkt, sei es durch Unkonzentriertheiten in den Schlussminuten (in Oberhausen, gegen St. Pauli und Fürth) oder mangelnde Chancenverwertung (gegen Duisburg, Pauli, Fürth).

Dazu kamen auffällig viele falsche Schiedsrichterpfiffe in oftmals spie­lentscheidenden Situationen (Fürth, Oberhausen, Duisburg, Pauli, Rostock). Damit hätte die Punkteausbeute der abgelaufenen Vorrunde unterm Strich sogar noch deutlich höher ausfallen können.

Trainerduell


Von der Körpergröße und der Frisur einmal abgesehen, könnten der frühere und der jetzige Chef auf der Mainzer Trainerbank kaum unterschiedlicherere Typen sein. Hier Jürgen Klopp, der Motivator, redegewandt und wortgewaltig, emotional, einnehmend, immer unter Strom, bisweilen sogar etwas ungeduldig, omnipräsent und alles überstrahlend.

Dort Jörn Andersen, ruhig und unterkühlt (zumindest nach außen hin), sachlich, überlegt, stiller Analytiker und Beobachter im Hintergrund. Oder kurz (und etwas überspitzt) gesagt: Temperamentsbolzen gegen norwegischen Eisschrank. Dass sich das nicht unbedingt auch auf dem Platz widerspiegeln muss, zeigt das…

Taktikgeplänkel


Unter Klopp war Defensive Trumpf. Oberste Priorität hatten das Spiel gegen den Ball und die Systemsicherheit, also das ständige Verschieben der gesamten Mannschaft mit dem Ziel, die Räume möglichst eng und dem Gegner das Offensivleben schwer zu machen. Selbst im Angriff sollte das Mittelfeld möglichst rasch überbrückt und das Spielgeschehen direkt vor das gegnerische Tor verlagert werden.

Was überfallartig geplant war, sah in der Realität oft so aus: Lange Bälle aus dem Abwehrzentrum heraus geschlagen, direkt in die Spitze, statisch und leicht auszurechnen, auch weil im zentralen Mittelfeld zu zurückhaltend agiert wurde und die beiden Außen viel zu selten bis zur Grundlinie vorstoßen konnten.

Anders bei Andersen: Als Spieler selbst Vollblutstürmer verlangt der Norweger von seinem Team, dass es agiert und nicht reagiert. Heißt: Lange Ballbesitzzeiten, flexibles und schnelles Kurzpassspiel, den ganzen Platz nutzend, um den Gegner hinterherlaufen und damit ermüden zu lassen. Am Ende der Kette soll der Torabschluss stehen. Ein Konzept, das über weite Strecken der Vorrunde gut funktioniert hat.

Bremsklötze waren lediglich die teilweise mangelhafte Chancenverwertung, die manchmal fehlende Cleverness und zwei individuell erstklassige Stürmer (Borja, Bancé ), die zusammen bislang aber nicht so recht funktionieren wollen. Ein (Luxus-) Problem, dass direkt zum nächsten Punkt führt, dem …

Personalkarussell


Mehr Konkurrenzdruck gleich höhere Leistungsdichte: Frei dieser Gleichung wurde vor der Saison die Einkaufspolitik umgestellt. Ging es in den Jahren zuvor meist darum, in die Zukunft zu investieren (sprich: hoffnungsvolle Talente zu holen) oder durch Verkäufe entstandene Lücken zu schließen, wur­den dieses Mal auch gezielt fertige Profis verpflichtet, um den arrivierten Kräften »Dampf unterm Hintern« zu machen und möglichst jede Position doppelt besetzen zu können.

Eine Situation, die Jürgen Klopp bewusst vermieden hatte, um des Betriebsklimas wegen. Doch die von dem Ex-Coach befürchteten internen Scharmützel blieben bislang aus. Auch, weil zahlreiche Verletzungen die ganz harten Kader-Duelle verhindert haben. Die Liste der Ausfälle hatte sogar noch einen zweiten positiven Effekt.

Aus zwischenzeitlichem Mangel an zentralen Mittelfeldspielern zog Andersen die Flügelspieler Feulner und Karhan nach innen. Ein – erzwungener – Geniestreich: Zweikampfstark (Feulner), abgezockt (Karhan) und ballsicher (beide) war das Mainzer Mittelfeldzentrum fortan das Prunkstück der gesamten Liga. Zudem sorgten die direkteren und schnelleren Außen (Florian Heller und Chadli Amri) für mehr »Power« über die Flügel. Die wurden erst nach dem Ausfall Amris wieder etwas gestutzt, weil Ersatzmann Srdjan Baljak im Sturm effektiver und vor allem gefährlicher war.

Zukunftsaussichten


Wer von der Pole-Position aus in die zweite Saisonhälfte startet, darf sich natürlich berechtigte Hoffnungen machen, am Ende auch aufzusteigen. Ein Selbstläufer wird das Rennen um einen der begehrten Klassensprungplätze für die 05er aber nicht. Auch, weil in diesem Jahr nur noch zwei Klubs direkt nach oben gehen und der Dritte in die Play-off-Spiele mit dem 16ten der Bundesliga muss. Vor allem aber, weil die Luft an der Spitze der zweiten Liga äußerst dünn ist.

Viel wird deshalb davon abhängen, wie die Andersen-Truppe das schwere Startprogramm (in Kaiserslautern, gegen 1860 München) bewältigen und den Negativtrend der letzten Vorrundenspiele stoppen kann. Zudem wird wichtig sein, ob das Team aus den Fehlern der Vorrunde gelernt hat und die Schiedsrichter in Bezug auf die 05er eine bessere, sprich normale Optik entwickeln. Wenn all das zum größten Teil umgesetzt wird, dann dürfte es was werden, mit dem erhofften Bundesligaaufstieg.

Mario Bast