Explosive Spannung garantieren:
Regional-Krimis, 68er Kommune und Sonne

Der Oktober ist ein Büchermonat: wenn’s draußen herbstlich windet, lässt es sich drinnen gemütlich schmökern. Außerdem gibt es rund um die Frankfurter Buchmesse massig Informationen zu Neuerscheinungen und Autoren. Auch in Mainz findet alljährlich eine Büchermesse statt, allerdings im November, trotzdem gibt DER MAINZER schon mal einige Anregungen zur Befriedigung der Mainzer Leselust.
MÖRDERISCH…
… wird es in Rheinhessen mit dem gleichnamigen Krimispektakel, das vom 24.10.-26.Oktober in der Verbandsgemeinde Wöllstein stattfindet. Die Krimis aus Rheinhessen sind schon lange beliebt, die Zahl der Krimi-Schreibenden wächst und einen Krimi (oder auch andere geschriebene Werke) einfach nur so vorzulesen, scheint nicht mehr zu ziehen. Also werden Lesungen mit Dinner und Weinproben verbunden und schon ist der Kreis der Interessenten erweitert: Wer gerne isst, hört sich dazu auch einen Krimi an und wer gerne liest kann dabei auch etwas essen. So bringen die Autor/innen ihr Produkte unters Volk, die Gäste vergnügen sich und die Wirtsleute haben auch noch etwas davon. Gelungene Mischung. Das ist ernst gemeint! www.moerderisches-rheinhessen.de
PETER HACKS – SCHON MAL GEHÖRT?
Der Mainzer Verlag André
Thiele hat sich vor allem auf das
Werk von Peter Hacks spezialisiert,
einem der bedeutendsten Dramatiker
der DDR, der auch in der
Bundesrepublik gespielt wird und
der in den sechziger Jahren die
»sozialistische Klassik« begründete.
Mitte dieses Jahres brachte
André Thiele den Roman »Am
Rubikon« von André Müller sen.
heraus: Eine zugleich amüsante
und erschreckende Satire auf die
68er.
Aus der zeitlichen Ferne betrachtet,
erscheint vieles was
André Müller sen. erzählt so irreal:
eine Wohngemeinschaft voller junger
Menschen, die die Welt verändern
wollen, deshalb weder ihr
Geschirr ab- noch sich selbst waschen.
Es gab tatsächlich einmal
eine Zeit, da wurde selbst etwas so
banales wie Körperpflege als ein
Kennzeichen von »Bürgerlichkeit«
verachtet, nach dem Motto: wer
sich wäscht ist ein Revisionist!
Ideologische Auseinandersetzunge
dieser Art gab (und gibt) es immer
wieder, wenn zwei, die grundsätzlich
der gleichen Meinung sind,
den richten Weg zur Durchsetzung
ihrer Meinung suchen. Rund um 68
traf das vor allem auf Sozialisten
und Kommunisten zu, heute
scheint sich manches in der Partei
„Die Linken“ zu wiederholen.
André Müller sen. beschreibt
die Auseinandersetzungen in dieser
WG-Kommune als eine Art
Spiegel für viele, die in diesem
Zeiten auf dem Wege gen eine irgendwie
andere Politik waren. Das
macht die Geschichte richtig spannend
(vielleicht sogar zeitlos?).
Zumal ein polizeilicher Karriererist
und ein idealistischer Spitzel dem
ganzen Geschehen ungeheure
Sprengkraft verleihen. Es macht
Laune, die verqueren Innenansichten
der Protagonisten zu verfolgen:
68 ist lange her und die eigenen
Verirrungen und Verwirrungen
lange vergessen. Deshalb
lässt sich auch ob solch an den
Haaren herbeigezogner Begründungen
für die Heimlichkeiten
ums Sexualleben schon mal ausgiebig
grinsen: Zwei Freundinnen,
die sich von einem dahergelaufenen
Hannebambel aufs Kreuz legen
und auch noch gegeneinander
ausspielen lassen! Ja wo sind wir
denn? Zum Glück 40 Jahre über
1968 hinaus. Da passiert so was
bestimmt nicht mehr! Wie gesagt:
eine Satire. Und lesenswert.
Infos:
André Müller sen.
»Am Rubikon« Mainz Verlag André
Thiele 2008, 304 S., 14.90 Euro,
ISBN 978-3-940884-03-9
WAS WÄRE WENN ...
… Oder der Weltenlauf einmal
ganz anders. Was wäre, wenn Lenin
1917 nicht den plombierten
Zug von Zürich nach Petrograd bestiegen
hätte? Was wäre, wenn die
bolschewistische Revolution eben
nicht in Russland statt gefunden
hätte? Christian Kracht beantwortet
diese Fragen mit einer irrwitzigen
Option der Zeitgeschichte: Die
Revolution bricht in der Schweiz
aus, ein sozialistisches Imperium
entsteht, das sich als Kolonialmacht
in einem immerwährenden
Krieg befindet.
Christian Kracht vermischt in
»Ich werde hier sein im Sonnenschein
und im Schatten« die Genres
des Polit-Thrillers und des
Science Fiction zu einem Opus, in
dem die Weltgeschichte durcheinander
gewirbelt wird.
Lesung:
Christian Kracht »Ich werde hier sein
im Sonnenschein und im Schatten«,
Mo, 20.10., 20 Uhr, KUZ, Dagobertstr.
20b, Eintritt: 8,- €, 6,- € (erm.)