Angela Maurer
Medaillenjagd als Familienunternehmen
»Welche Sportler aus Mainz haben Chancen, im August an den olympischen Spielen in Peking teilzunehmen? « – Teil drei unserer Mini-Serie führt uns dieses Mal ins Wasser. Genauer gesagt zu SG EWR/Rheinhessen und deren Aushängeschild Angela Maurer. Die Langstreckenschwimmerin ist in China definitiv am Start und schielt sogar nach einer Medaille. Dabei hatte die 32-Jährige ihren Badeanzug eigentlich schon fast an den Nagel gehängt. Nach zwei Weltcupgesamtsiegen, sowie einem ganzen Sack voller Medaillen bei nationalen und internationalen Meisterschaften hatte sich die Blondine vor knapp drei Jahren einer neuen Herausforderung gestellt: der Mutterrolle. Damals war Söhnchen Maxim zur Welt gekommen und von nun an natürlich die neue Nummer eins im Leben der Angela Maurer. Mit dem harten Training und den ständigen Weltcup-Reisen einer internationalen Top-Athletin aber schien sich der kleine Wirbelwind nur schwer vereinbaren zu lassen. Vor allem auch, weil der Herr Papa nicht einspringen konnte. Schließlich ist Nikolai Evseev nicht nur der Lebensgefährte Maurers, sondern auch deren Trainer. Deshalb lag er damals nahe, der Gedanke ans Karriereende. Und sie hätte ihn wohl auch in die Tat umgesetzt, wenn nicht wenige Wochen später das Langstreckenrennen plötzlich olympisch geworden wäre. Eine neue, lange Jahre erhoffte und erträumte Herausforderung im Sportlerleben der Rheinhessin:
Erfolgreiches Comeback
Auch wenn ihr der Wiedereinstieg schwer fiel: die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Schon im Jahr eins nach der Schwangerschaft wurde Maurer sowohl über die zehn, als auch über die 25 Kilometer zuerst Deutsche- und danach auch noch Europameisterin. Ihr vielleicht größter Comeback-Erfolg blieb medaillenlos: Die Olympiaqualifikation bei den Weltmeisterschaften Anfang Mai im spanischen Sevilla. Ein siebter Platz, mit einem Rückstand von gerade einmal zehn Sekunden auf die Siegerin, bedeutete nicht nur das Ticket in Richtung Peking, sondern lässt auch noch genügend Platz für Hoffnungen in Sachen olympisches Edelmetall.
Mörderisches Trainingsprogramm
Dafür ist Maurer auch bereit
sich selbst bis aufs Blut zu quälen.
Bis zu 100 Trainingskilometer pro
Woche reißt sie ab, aufgeteilt in
zwei Einheiten am Tag. Morgens
und abends geht’s ins Wasser, mit
dem Ziel, im August in absoluter
Topform zu sein. Und das gilt nicht
nur für den Körper. Wer mehrere
Stunden im Waser verbringt, allein
mit sich, seinen schmerzenden
Muskeln und abnehmender Ausdauer,
muss auch im Kopf fit sein.
Dazu kommen die knallharten
Positionskämpfe. Da wird getreten,
gezogen, gekniffen und geboxt,
von den Schiedsrichtern in den
Begleitbooten unbemerkt, weil unterhalb
der Wasseroberfläche. Und
nicht zu vergessen, sind die Langstreckenschwimmer
ja nicht in beheizten
und geschützten Becken
unterwegs, sondern in freien
Gewässern sprich, Seen, Flüssen
oder im Meer. Oder mit anderen
Worten: mögliche Zusatzhürden
sind Strömungen, Begegnungen
der unangenehmen Art mit einem
Fisch oder einer glitschigen Pflanze,
sowie plötzliche Temperaturschwankungen.
Rückhalt Familie
All diese Strapazen sind für Maurer natürliche keine Unbekannten und trotzdem – sie kosten überwindung. Da ist es von Vorteil, dass die Operation »Olympische Medaille« in ihrem Fall eine Art Familienunternehmen ist. Der Freund gleichzeitig Trainer, die beiden Großmütter kümmern sich um den kleinen Maxim und Bruder Alexander – früher selbst ein erfolgreicher Langstreckenschwimmer – dient als Motivationshilfe und zum sportspezifischen Gedankenaustausch. Nur auf die Vor- Ort-Unterstützung von Vereinskamerad und Trainingspartner Christian Hein muss Maurer verzichten. Er wurde bei der WM in Sevilla lediglich 20er und kann die Spiele deshalb nur von zu Hause aus erleben – vor dem Fernseher.
Mario Bast