Rudern für Deutschland
»Das hat mit Politik nichts zu tun!«

In unserer Mini-Serie ‚Mainzer Sportler auf dem Weg zu den olympischen Spielen‘ geht es um den Mainzer Ruder Verein von 1878. Oder besser gesagt, um seine Athleten Björn Steinfurth und Sebastian Schmidt. Die beiden dürfen sich Chancen ausrechnen, im August in Peking mit dabei zu sein.
Schmidt: »Meine Chancen, in Peking mit dabei zu sein sind eigentlich recht gut, zumindest, was den Zweier ohne angeht. Mit meinem Partner zusammen habe
ich die letzten drei internen Ausscheidungsrennen gewonnen, darunter zuletzt am 20. April die deutschen Meisterschaften. Allerdings würden wir am liebsten
im Achter mitfahren oder im Vierer ohne. Da dürften die Medaillenchancen am größten sein. Aber der Bundestrainer hat sich noch nicht auf die endgültige Besetzung der Boot festgelegt.
Mein Trainingspensum besteht meist aus zwei Einheiten pro Tag, in der Regel Kraft- und Wassertraining. Abwechslung gibt’s quasi nur am Wochenende mit einer speziellen
Kräftigungsgymnastik und Aerobic zum Ausgleich. In der Vorbereitung kommen dann noch – je nach Jahreszeit – Radfahren und Skilanglauf dazu.«
Geboren: 6. Januar 1985 in Wiesbaden-Dotzheim
Beruf: Medizinstudent
Boot: Zweier ohne
Alter: 23
Erfolge: 3 x U 23-Weltmeister (im Achter (2004), im Zweier ohne (2006) und im Vierer ohne (2007), Vize-Europameister im Zweier ohne, insgesamt 7 x Deutscher Meister (6 x U23)
Blöd ist das Ganze auch für meine Freundin. Bis vor einem halben Jahr konnten wir uns wenigstens nach dem Training immer sehen. Wegen des Studiums musste ich dann aber nach Dortmund ziehen, damit bleiben uns jetzt meist nur noch Sonntagabend und Montag – wenn ich da mal Pause mache. Aber wir sind jetzt schon über vier Jahre zusammen – da steht man so etwas gemeinsam locker durch.
Olympische Spiele sind für einen Sportler das ultimative Ziel. Etwas Größeres gibt es nicht. Für uns Ruderer ist es zudem die bestmögliche Plattform, um uns selbst und unseren Sport zu präsentieren. Zwar kann man selbst bei einer Goldmedaille davon nicht leben. Aber auch über kleinere Sponsoren kann man Kontakte knüpfen und hat später bei der Jobsuche vielleicht ein paar Vorteile.«
Die Diskussion um China und Tibet versuche ich auszublenden. Deshalb blättere ich zum Beispiel bei entsprechenden Zeitungsartikeln auch einfach weiter. Das soll jetzt bitte aber niemand falsch verstehen. Auch ich verurteile das Vorgehen der Chinesen. Aber wir Sportler können nichts dafür. Zudem ist der Konflikt ja auch nicht wirklich neu. Diese Problematik hätte man sich deshalb schon bei der Vergabe der Spiele überlegen können.«
Ein Boykott kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Ich habe vier Jahre lang auf dieses eine Ziel hintrainiert. Diesen Traum will ich mir nicht kaputtmachen lassen. Deshalb kommt auch eine persönliche Aktion, wie zum Beispiel, auf die Eröffnungsfeier zu verzichten, nicht in Frage. Ich will die Spiele bewusst erleben und genießen. Mit allem, was dazugehört und als das, was sie sind – ein Sportereignis, das mit Politik nichts, aber auch gar nichts zu tun hat!«

Mein Trainingspensum beträgt im Schnitt bis zu 28 Stunden pro Woche. Dabei sitze ich natürlich nicht immer nur im Boot. Einheiten auf dem Wasser wechseln sich ab mit Grundlagenausdauertraining, wie joggen oder Fahrrad fahren, Krafttraining und – bei schlechtem Wetter – übungen auf dem Ruderergometer.«
Familie, Beruf und Sport bekomme ich gut unter einen Hut. Jobtechnisch habe ich dank der Bundeswehr ideale Trainingsbedingungen. Und meine Familie und meine Freundin stehen voll hinter mir und werden – wenn es klappt – wohl auch mit nach Peking kommen. Aber ohne toleranten Partner ginge das nicht. Es sind ja nicht nur Training und Reisen, die Verständnis erfordern. Groß Party machen oder mal über die Strenge schlagen ist ebenfalls nicht drin. Der Sport ist halt immer mit dabei.
Geboren: 26. Juni 1981 in Mainz
Beruf: Bauingenieur; zurzeit in der Sportfördergruppe d. Bundeswehr
Boot: Mittelposition im leichten Vierer ohne Steuermann
Alter: 23
Erfolge: 2 x Vizeweltmeister mit dem leichten Achter (2006 und 2007); 3. Platz U 23-WM im leichten Vierer (2003); insgesamt 3 x Deutscher Meister
Die Diskussion um China und Tibet bekomme ich sehr wohl mit, versuche sie aber möglichst nicht an mich heranzulassen. Deshalb bin ich auch ganz froh, dass wir am Olympiastützpunkt in Saarbrücken kein Fernsehen haben. Die Spiele sind für einen Sportler nun mal das absolut Größte und stehen deshalb an erster Stelle. Ich selbst werde wohl auch nur diese eine Chance haben, daran teilnehmen zu können.
2004 war ich noch nicht soweit und in vier Jahren werde ich beruflich bestimmt zu sehr eingespannt sein, da meine Zeit bei der Bundeswehr dann schon lange vorbei sein wird. Ich glaube aber auch, dass die olympischen Spiele den Tibetern nutzen können. Schließlich bekommt der Konflikt dadurch ein riesiges Forum. Die ganze Welt schaut darauf.
Ein Boykott wäre für mich deshalb auch der absolute Super-GAU und der falsche Weg. Schließlich haben die früheren Boykotte auch nicht das gebracht, was man sich von ihnen erhofft hat. Was einen möglichen persönlichen Protest angeht, haben wir im Trainingslager mal ein bisschen rumgesponnen und gesagt, wir könnten unserem Boot ja den Namen ‚Free Tibet‘ auflackieren. Aber so richtig auseinandergesetzt habe ich mich damit noch nicht. Erst einmal muss ich mich für Peking ja auch qualifizieren.«
Mario Bast

