Dr. Eva Hanebutt-Benz:
Call me Ismael
Wenn die Direktorin des Gutenbergmuseums
sich für die berühmte
fiktive einsame Insel nur ein einziges
Buch auswählen dürfte, wüsste
sie genau, wofür sie sich entscheiden
würde: für »Mobby Dick«.
»Für mich ist Herman Melvilles
(1819-1891) Hauptwerk, erschienen
1851, der vielschichtigste,
spannendste und zugleich tiefgehendste
Roman, den ich kenne. Er
begleitet mich, seit ich ihn zuerst
mit 15 oder 16 Jahren, als Lektüre
aus Vaters Bücherschrank, verschlang.
Allerdings ließ ich viele
Passagen aus, da sich die Handlung
wie ein Abenteuerroman
liest, der aber immer wieder unterbrochen
wird von Passagen, die
langatmig und langweilig erscheinen
mögen.
Die nicht sehr komplizierte
und ziemlich geradlinige Geschichte
erzählt von Kapitän Ahab,
Chef eines Walfängers aus Massachusetts,
dessen ganzes Leben
und Handeln von einem Rachegedanken
besetzt ist: Er trachtet dem
weißen Pottwal, der ihm ein Bein
abgerissen hat, auf einer nicht enden
wollenden Jagd über die Weltmeere
nach dem Leben.
In diese simple »Story« eingeflochten
sind unendlich viele Passagen
mit naturwissenschaftlichen
Betrachtungen, über das Zusammenspiel
der Mannschaft,
häufig auch philosophische Betrachtungen.
Lässt man sich auf
diese weitschweifigen Exkurse ein,
dann wird deutlich, dass das Buch
durchsetzt ist von allegorischen
und auf die Texte der Bibel bezogenen
Anspielungen, die das ganze
Werk zu einem Gleichnis machen,
das weit über seine Handlung hinausweist.
Man soll sich davon
nicht abschrecken lassen, und
mein guter Rat für Erstleser ist:
notfalls einfach Seiten überschlagen
und weiterlesen!
Melville besticht durch eine
Präzision und Gewalt des
Ausdrucks, die seinesgleichen
sucht. Auch deshalb
ist das Buch ein
Genuss. Was aber den ersten
und unmittelbaren
Reiz ausmacht, das sind
die farbigen Personen des
Romans, denen vermutlich
auch ein Großteil
des Erfolgs bei der Verfilmung
zu danken ist:
Ismael, der naive und
gutgläubige Icherzähler
des Buches, der tätowierte
Harpunier
Queequeg, ein »Wilder«
aus Ozeanien, der indianische
Walfänger
Tashtego, Starbuck,
der verantwortungsbewusste
Erste Steuermann
des Schiffs
(Ja – die amerikanische
Kaffeehauskette
wurde nach ihm benannt!),
der kleine
schwarze Pip, dessen Seele
die Belastung der irren Verfolgungsjagd
nicht übersteht, und
schließlich der aufs tiefste verbitterte
Kapitän Ahab.
Jedes Mal, wenn ich das Buch
zur Hand nehme, verzaubert mich
schon seine erste Zeile: »Call me
Ismael« – »Nennt mich Ismael«.
Die folgenden ersten Seiten gehören
zu den schönsten erzählerischen
Leistungen der amerikanischen
Literatur, man kann sie immer
wieder lesen. »Moby Dick«: ein
Abenteuerbuch, eine Enzyklopädie,
ein Epos, eine Parabel, ein
Buch über die Freundschaft und
über die Segelschifffahrt – ich
kann es nur empfehlen.

