Heft 212 Mai 2008
Jubiläum Mainz-Erfurt
Mainz - Erfurt
Partnerschaft überwindet Systeme
Es soll zusammen wachsen,
was zusammen gehört – berühmte
Worte Willy Brandts, hinsichtlich
der beiden Staaten BRD und DDR
und dem Fall der Mauer. Auf ein
konkretes Beispiel heruntergebrochen
könnten sich diese Worte
auch auf die seit nunmehr 20 Jahren
bestehende Städtepartnerschaft
zwischen Mainz und Erfurt
beziehen, denn die Liste der
Gemeinsamkeiten zwischen beiden
Städten ist erstaunlich lang.
Historische überschneidungen
zwischen der thüringischen und
der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt
reichen bis ins Mittelalter
zurück, als Mainzer Erzbischöfe
um das Jahr 1000 politische
Rechte in Erfurt erhielten.

Dom St. Marien und St.-Severi-Kirche
Reiner Zufall oder ein Indiz für die politische Verbundenheit beider Städte? Fest steht, dass die ähnlichkeit der aus dem Mittelalter stammenden Stadtwappen verblüffend ist und sich lediglich durch die Anzahl der abgebildeten Räder unterscheidet: während Erfurt über ein sechsspeichiges Rad auf rotem Grund verfügt, zieren das Mainzer Wappen zwei silberne Räder.
Fest steht auch, dass Erfurt im 17. Jahrhundert unter kurmainzische Herrschaft geriet, die bis 1802 andauern sollte. Eine historische Verbundenheit beider Städte lässt sich also nicht leugnen, auch wenn diese bei der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages im Jahr 1988 nur eine nebensächliche Rolle gespielt haben mag.
Erste Annäherungsversuche, die auf eine Städtepartnerschaft hinaus laufen sollten, kamen bereits 1986 von Mainzer Seite. Ziel einer solchen Partnerschaft sollte die Herstellung von persönlichen Kontakten zwischen Bürgern und gesellschaftlichen Gruppierungen beider Städte sein, denn – so die damalige Sicht auf die Dinge – wenn es schon keine politische Wiedervereinigung gibt, so sollte zumindest die Möglichkeit genutzt werden, miteinander ins Gespräch zu kommen.
2008 ist für Mainz ein »Partnerschaftsjubiläums-Jahr«: 50 Jahre Mainz-Dijon, 30 Jahre Mainz-Valencia und 20 Jahre Mainz-Erfurt werden
auf unterschiedlichste Art gefeiert. Im April besucht Oberbürgermeister Jens Beutel mit einer Mainzer Delegation seinen Amtskollegen
Andreas Bausewein in Erfurt und traf dort auch auf Vinciane Faber, Stadtverordnete der Grünen in der nordfranzösischen Stadt Lille,
die als Vertreterin der Liller Oberbürgermeisterin mit einer Delegation das ebenfalls 20-jährige Partnerschaftsjubiläum Erfurt-Lille feierte.
Am 20. Februar 1988
ratifizierten die Oberbürgermeister
von Mainz und Erfurt, Herman
Hartmut Weyel und Rosemarie Seibert,
den Partnerschaftsvertrag im
Mainzer Rathaus. Gestützt auf den
Grundlagenvertrag zwischen DDR
und BRD von 1972 sollte dieser
Partnerschaftsvertrag mit Hilfe von
regelmäßigen Foren zu »guten
nachbarschaftlichen Beziehungen«
zwischen den beiden Staaten beitragen.
Doch zu Beginn der Partnerschaft und in den letzten Jahren des DDR-Regimes blieb diese eher eine von oben entworfene Verbindung zweier Städte: von DDR-Seite wurden die politischen Hürden für einen persönlichen Kontakt zwischen den Bürgern beider Städte weiterhin hoch gehalten und von der Staatssicherheit kritisch beäugt. Das änderte sich schließlich 1989/90 mit dem Fall der Mauer und der anschließenden Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.
Was als eine Partnerschaft zwischen zwei Städten aus zwei verschiedenen Staaten mit unterschiedlichen politischen Systemen begann, entwickelte sich zu einer innerdeutschen Städtepartnerschaft. Es wuchs zusammen, was zusammen gehörte, und aus der ursprünglich »von oben« initiierten Städtepartnerschaft entwickelte sich langsam eine Partnerschaft auf Bürgerebene.
Partnerschaften leben vom Austausch – nicht nur der Amt- und Würdenträger. Zwischen Mainz und Erfurt gibt es beispielsweise sehr rege Schulpartnerschaften:
Das Mainzer und Erfurter Gutenberg-Gymnasium, das Rhabanus-Maurus-Gymnasium und das Königin-Luise-Gymnasium, das Willigis-Gymnasium und die Edith-Stein-Schule
pflegen einen regen Schüler- und Lehreraustausch. Im Jubiläumsjahr finden außerdem ein internationaler Theaterworkshop, ein Junioren-Fußballturnier und
ein Journalistenaustausch statt, im April wurde auf der Zitadelle Petersberg eine Zierkirche als Jubiläumsbaum gepflanzt und im Mai sind Erfurter Läufer beim Gutenberg-Marathon dabei.
Mainzer Unternehmer
und Bürger leisteten Aufbauhilfe,
Erfurter besuchten »ihre
Partnerstadt«, der Kontakt wurde
persönlicher und es entstanden
Austausche zwischen Schulen,
Vereinen und Künstlern. Und auch
auf sportlicher Ebene näherten
sich die beiden Städte einander an:
So riefen sportbegeisterte Erfurter
anlässlich des ersten Gutenberg-
Marathons kurzerhand einen Stafettenlauf
ins Leben, der von Erfurt
nach Mainz reichte, so dass Erfurter
Läufer beim ersten Mainzer
Marathon an den Start gehen
konnten.
Das Jahr 2000 und die damit verbundenen Feierlichkeiten zur 10-jährigen Wiedervereinigung war auch für die Partnerschaft zwischen Mainz und Erfurt ein besonderes Jahr. Als Dank für die jahrelange Aufbauhilfe der Mainzer überreichte der Erfurter OB Manfred Ruge dem Mainzer OB Jens Beutel ein ganz besonderes Geschenk: die Renovierung eines historischen Wacherkers auf der Mainzer Zitadelle. Keine zufällige Entscheidung, denn ein ähnliches Bauwerk ziert auch das Stadtbild von Erfurt.
Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, das unter ganz anderen politischen Vorzeichen begann als es sich jetzt darstellt– so könnte man sie bezeichnen, die deutschdeutsche Städtepartnerschaft zwischen Mainz und Erfurt.
Katrin Henrich
