Was SPD-Fraktionschef Oliver
Sucher in dieser Ausgabe des
»MAINZER« sagt, lässt tief blicken.
Gleich mehrfach macht er auf ein
Dilemma aufmerksam, das beileibe
nicht nur die Mainzer Kommunalpolitik
plagt: Die fehlende öffentliche
Wahrnehmung von Politik, Problemstellungen
und Planspielen.
Anders rum: Wie sag ich’s meinem
Bürger? Wenn der doch eigentlich
von diesem Thema nichts hören will
und allenfalls die These wagt, wer
ein Stadion bauen wolle, müsse
erstmal wie bei jedem Neubau das
komplette Grundstück im Besitz haben,
bevor große Pläne geschmiedet
werden.
So weit, so gut: Der SPD-Vorsitzende
im Stadtrat geht sogar so weit
und unterstellt, daß auch alle Scharmützel
rund um das Ende der
Zwangsehe zwischen CDU, SPD und
FDP, die als »Konsens für Mainz«
nun vorm Scheidungsrichter gestanden
hat, die Bürger eigentlich kalt
lassen. So direkt und ungeschminkt
dieses Thema anzusprechen, ist mutig
und zeigt den Realitätssinn des
Sozialdemokraten.
Wie er und seine
Partei künftig
mehr bei Mainzern
punkten können, lässt Sucher
ebenfalls nicht unerwähnt.
So können seine Aussagen
schon jetzt als programmatische
Ankündigung dafür gewertet werden,
dass die SPD in den sicherlich
erbitterten Kommunalwahlkampf
mit den Schwerpunktthemen Kinderbetreuung
und Schulpolitik zieht
– also zwei Felder, die eigentlich eine
sozialdemokratische Domäne
sind und daher in der Umsetzung
leicht fallen dürften. Wie nah die
Wahlkampagnen hierzu dann tatsächlich
an den Bürger kommen,
dürfte das eigentlich Spannende
sein.
Wenn den Mainzer nach dieser
These auch die Verschuldung kaum
oder gar nicht kratzt, nimmt dies
den Stadtrat nicht aus der Pflicht,
die Kassenlage nachhaltig zu verbessern.
Das Wie dürfte sich hierbei
zum Streitpunkt entwickeln. Fraktionschef
Sucher baut schon heute
mal vor, dass Mainz auf keinen Fall
auf Kosten der Sozialinitiativen und
Kulturschaffenden saniert werden
dürfe. Dieser Konflikt ist fast so alt
wie das Bestehen städtischer Zuschüsse,
aber dafür nicht weniger
brisant. Denn tatsächlich hat man
die Zuwendungen in diese Richtung
so weit heruntergefahren, dass eigentlich
gar kein Kürzen mehr geht
ohne einigen wichtigen Initiativen
den Garaus zu machen. Weil das
auch der verprellte Partner der SPD,
die CDU, nicht wirklich will, ist auf
diesem Terrain finanziell kein Boden
gut zu machen.
Extern müssen Quellen erschlossen
werden, wobei der sogleich erhobene
Ruf einer Erhöhung der
Grundsteuer wirklich wieder mal zu
kurz gesprungen ist. Der neidvolle
Blick zum hessischen Nachbarn
Wiesbaden, der als Oberzentrum
gutes Geld vom Land einstreicht,
müsste die Mainzer Stadtoberen
veranlassen, ihrerseits mit der
Landesregierung in den Clinch zu
gehen und auch mal ein Modell wie
den projektbezogenen Landeshauptstadtansatz
als Geldquelle zu überdenken
und auf neue Füße zu stellen.
Was in Hessen, das übrigens
seinerseits durch die höchsten Zahlungen
in Richtung Bund gebeutelt
ist, kann auch hier funktionieren.
Ein Zauberwort ist nach
wie vor auch die Privatisierung
städtischer Dienstleistungen.
Auch in Mainz gibt es Möglichkeiten,
noch öffentliche Aufgaben oder
ämter in ein eigenständiges unternehmerisches
Projekt zu verwandeln.
Denkt man nur mal an die
Privatisierung des öffentlichen Personennahverkehrs
oder des Staatstheaters!
Nur müssen dafür wiederum
die Ratsfraktionen den Mut aufbringen.
Warum bislang
vor Einschnitten in
diese Richtung
zurückgeschreckt
wurde,
ist wiederum die Angst
vor den Reaktionen der Betroffenen
oder deren Netzwerke.
Denn: Wer auf Chancen der Privatisierung
setzt, muss mit massiver
Kritik rechnen, weil sich im kommunalen
Verwaltungsgeflecht keiner
kampflos von alten Pfründen verabschiedet.
Die Alternative wäre Weiterwurschteln
wie gehabt. Den
Bund der Steuerzahler einmal im
Jahr auf die Palme bringen, Stoff für
den Landesrechnungshof liefern
und den nächsten Generationen einen
Riesenberg an Schulden aufbürden.
Kann man das ernsthaft wollen?
yyy

