Zurück in die Kirche?
Die Cityseelsorge baut Schwellenängste ab

ȟber Gott und
die Welt reden« –
eigentlich ist das
nur eine Redensart.
In der »Kirche am
Markt Nr. 10« in
unmittelbarer Nähe
zum Dom ist dieser
Satz jedoch Programm,
denn genau
darin sehen die beiden
festangestellten
Halbtagskräfte Pater Leo und
Maria Grittner-Wittig und ihre ehrenamtlichen
Helfer eine der Hauptaufgaben
der kleinen Einrichtung.
»Wer sich einfach mal ein Problem
von der Seele reden will, der kann
bei uns vorbei kommen und wir
versuchen zu helfen, soweit wir
können,« erklärt Grittner-Wittig das
Prinzip der Cityseelsorge und fügt
hinzu: »Das können konkrete Probleme
oder Fragen zu Kirchensachen
sein, aber auch wer über
Glaubensfragen diskutieren möchte,
der findet hier ein offenes Ohr.«
Niederschwelliges Angebot nennt
Grittner-Wittig dieses Konzept,
denn sie weiß: »Viele Menschen haben
der Kirche, wissen nicht zu welcher
Gemeinde sie eigentlich gehören
oder stehen der katholischen Kirche
schlicht und ergreifend kritisch
gegenüber. In die Kirche am Markt
können sie ungezwungen kommen,
ohne gleich vereinnahmt zu werden.
«
Doch in einigen Fällen war der
Schritt in die Kirche am Markt auch
gleichzeitig der erste Schritt in die
katholische Kirche. Ist die Cityseelsorge
also als eine Art Brückenbauer
zurück oder hinein in den Schoß
der Kirche? »Wer diesen Schritt gehen
will, der wird von uns natürlich
gerne unterstützt,« sagt Pater Leo,
der im vergangenen Jahr 22 Menschen
auf diesem Weg begleitet
hat. Lange und ausführliche Gespräche
über Glaubensfragen stehen
dabei an erster Stelle, dann folgen
die Formalitäten und am Ende
steht die Aufnahme- beziehungsweise
Wiederaufnahmefeier. Auf
diese Feier legt Pater Leo besonderen
Wert, denn: »Es handelt sich
dabei schließlich um ein freudiges
Ereignis, dass auch schön begangen
werden soll.« Grund zur Freude
haben im Hinblick auf Eintritt und
Wiedereintritt aber nicht nur die
Eintretenden selbst, sondern auch
die Kirche als Institution: Für das
gesamte Dekanat Mainz Stadt gilt,
dass die Zahl der Ein- und Wiedereintritte
in den vergangenen Jahren
kontinuierlich gestiegen ist, die
Zahl der Austritte hingegen abnimmt.
Auch wenn die Austritte
zahlenmäßig immer noch überwiegen,
scheint sich ein Trend hin zur
katholischen Kirche abzuzeichnen.
»Religion ist wieder ein Thema geworden,
für das man sich nicht
mehr schämen muss, wie das jahrelang
eher der Fall war,« spekuliert
Grittner-Wittig und fügt hinzu:
»Außerdem ist auch die öffentlichkeitsarbeit
der Kirche besser geworden,
das darf man nicht unterschätzen.
«
Auf eines legt Grittner-Wittig bei
der Frage nach Ein- und Wiedereintritt
aber besonderen Wert: »Wir
missionieren die Menschen hier
nicht gegen ihren Willen. Eine offene
Begegnung, bei der interessante
Fragen ausgetauscht werden, ist
für mich wichtiger als Leute in die
Kirche zu zerren.« Diese Meinung
vertritt auch Pater Leo: »Wenn wir
merken, dass ein Mensch zwar religiös
ist, aus den Gesprächen aber
hervorgeht, dass er sich zum Beispiel
in der evangelischen Kirche
von seinem Wesen her viel wohler
fühlen würde, dann versuchen wir
in solchen Fällen natürlich die
Brücke zur evangelischen Kirche zu
bauen.« Und Grittner-Wittig fügt
hinzu: »Jeder soll seinen persönlichen
Glaubensweg finden bei dem
es ihm gut geht, ob nun innerhalb
oder außerhalb der Kirche.«
Für Ostern hat sich die Kirche
am Markt daher ein besonderes
Angebot ausgedacht, das man wieder
mit dem Adjektiv niederschwellig
schmücken könnte. Dazu Grittner-
Wittig: »Gerade die Karfreitags-
Liturgie ist eher schwer und erdrückend.
Daher bieten wir an Karfreitag
einen Rundgang durch
Mainz an, der zwar auch gottesdienstähnliche
Elemente enthält,
aber leichter verdaulich ist, als das
herkömmliche Angebot der Kirche.«
Infos unter www.bistummainz.de
Katrin Henrich

