Böse Zungen behaupten, die Mainzer hätten eine tiefe Abneigung gegen Konflikte und Meinungsverschiedenheiten.
Dann müsste ja jetzt für manche das neue Jahr zu einem absolut niederschmetternden Erlebnis werden. Ist doch
Mainz und sein Stadtrat erstmals seit Jahren ohne politischen Konsens und damit ohne eine gefestigte Mehrheit,
die zentrale Themen absegnet. Freilich: Ein breitangelegtes »Mainzer Modell«, wie es lange vor der penetranten
Nutzung des Wörtchens Konsens genannt wurde, macht’s einfacher und bequemer. Erinnern wir uns: Derartige
politische Bündnisse haben in Mainz für viele Großprojekte den Boden bereitet – eine ZDF-Ansiedlung oder ein
Staatstheater, ein Bau des Brand-Zentrums oder die Sanierung der Altstadt wären ohne das »Mainzer Modell« nur
schwerlich machbar gewesen.
Was aber nicht heißen muss, dass die Politik angesichts solcher Schmusekurs-Etappen auch mal ohne den Hang
zum Konsens oder Kompromiss klar kommen muss. Und genau in einer derartigen Phase befinden wir uns zum
Jahresbeginn 2008. Die Bereitschaft in der Parteienlandschaft zur Bündnisfähigkeit ist restlos aufgebraucht.
Wir könnten auch sagen, es wird Zeit, dass in Mainz wieder mal Kommunalwahlen stattfinden, um den Stadtrat
und zentrale Gremien wie Bauausschuss oder Finanzausschuss personell wieder zu beleben. Eine solche
Frischzellenkur scheint von vielen Bürgern herbeigesehnt zu werden. Also sollten auch die Parteien die Zeit
ohne das Korsett eines Bündnisses nutzen, um wieder zu eigener Identität und Zielsetzung zurückzukehren. Was
ein Konsens an Fesseln schaffen kann, wird wohl am besten momentan in der großen Weichspüler-Koalition in
Berlin demonstriert. Großes Getöse – kleine Ergebnisse – so etwas wird sich für Mainz garantiert kein Wähler oder Bürger wünschen.
Nur ein Thema wird zunächst zur Teamsache, weil sich nicht zuletzt alle Dezernenten im Stadtvorstand in der
Pflicht fühlen: Der Stadionbau, der für den Europakreisel in immer weitere Ferne rückt. Wer angesichts der hier
festgefahrenen Verhandlungen um die Grundstücke wieder nach dem Ministerpräsidenten ruft, der mit steter
Regelmäßigkeit als FCK-Fan am Bruchweg ausgepfiffen wird, offenbart Hilflosigkeit erster Güte.
Noch skurriler wird das Ganze, wenn man die Bilder aus dem Trainingslager sieht, auf denen Trainer Klopp und
Manager Heidel wie ein sonnenbebrilltes Pop-Duo auftreten. Um uns angesichts dieses Starschnitt-Auftritts
dann mit der Aussage zu überraschen: »Ohne neues Stadion kein Profifußball in Mainz!« Diese These wird nur
noch durch die Ankündigung getoppt, nach der beide prominente 05-Repräsentanten ihr eigenes berufliches
Schicksal vom Stadionbau abhängig machen. Mittenrein in dieses emotionale Hochgeschaukel platzte noch der
Vereinspräsident Strutz mit dem Rüffel an alle, die ihre Grundstücke partout nicht verkaufen wollen.
Bei allem Verständnis – auch für die Sozialarbeit, die der Verein über die Jugendarbeit leistet - und die
Verärgerung über so manchen Vertreter der Stadt, sollte man jene, die nicht an Verkauf denken – aus welchen
Gründen auch immer – nicht diffamieren. Insbesondere deshalb, weil die 05-er Argumentationskette kein
Beispiel ist für einen geraden und glasklaren Weg.
Zurück bleibt nur Ungewissheit. Warum gilt plötzlich das Portland-Areal trotz vieler Unklarheiten als
ernsthafte Alternative, während für das Hechtsheimer Messegelände sozusagen Argumentationsverbot herrscht?
Am Ende landet man wieder am Kasteler Petersweg und dann macht sich Mainz samt seiner Entscheidungsträger
endgültig lächerlich. Unterm Strich wird in der ganzen Debatte der Eindruck erweckt, als habe Mainz keine
anderen Probleme oder Herausforderungen als das 60 Millionen teure Stadion.
Wobei es dem Normalbürger nicht zu vermitteln ist, dass gleichzeitig manchem Kindergarten finanziell das
Wasser bis zum Hals steht, was die Einstellungspolitik betrifft, und in mancher Schule selbst Kreide oder
Heftpflaster rationiert werden. Das ist trauriger Alltag, der leider allzu oft ignoriert wird.
Mogunzius
