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Editorial
Titelbild DER MAINZER Nr. 231

Den Stier bei den Hörnern packen.


Manch eine Pressemitteilung, von denen pro Tag Dutzende auf dem Schreibtisch oder im E-Mail-Eingangsordner landen, regt zum Nachdenken an. Dieser Tage kündigte der Absender »Akademische Arbeits­gemein­schaft« an, dass ein bekannter Kaffeeröster die Steuer-Software ebenjener Arbeits­gemein­schaft für ganze 9,99 Euro vertreibt – mit »Geld-zurück-Garantie«.

Dass im Kaffee­laden Sportklamotten und Tisch­decken angeboten werden ist ein alter Hut. Dass Discoun­ter Fahrkarten der Deutschen Bahn verkaufen auch. Nun also noch Steuer-Software beim Kaffeeeinkauf. Warum eigentlich nicht? Der Preis ist verlockend, die Geld-zurück-Garantie sowieso und ob mein Steuerberater sein Büro aufgeben muss, weil seine Kund­schaft ihre Steuererklärungen künftig selbst macht, kann mir ja egal sein. Außerdem könnten die Steuerberater doch den Stier bei den Hörnern packen und – Kaffee verkaufen.

Kann so schwer ja nicht sein: Kaffee ist abgepackt, lange haltbar, braucht wenig Stau­raum und wie er schmeckt weiß auch jede Steuer­fachgehilfin, vorausgesetzt sie trinkt selber Kaffee. Schließlich wird von der Kaffee-Fach­ver­käu­ferin ja auch erwartet, dass sie die Steuer-Software erklären kann. Oder habe ich da was missverstanden? Von wegen »vom Fach«? Egal. Die Idee künftig meinen Kaffee bei meinem Steuerberater zu kaufen, wenn ich denn schon mal da bin, ist verlockend. So oft muss ich ihn nicht besuchen, aber eigentlich könnte ich Kaffe auch im Sportgeschäft einkaufen – wenn andere im Kaffeeladen Sportklamotten kaufen. Als Ausgleich. Überhaupt ist doch Kaffee ein Produkt, was wirklich an jeder Ecke, pardon in jedem x-beliebigen Laden feilgeboten werden kann.

(Ausnahme: der fair gehandelte Kaffee. Um den verkaufen zu können, braucht es wirkliche Fachleute. Die arbeiten – ehrenamtlich – im Weltladen.) Also gehe ich zum Juwelier die Batterie meiner Uhr wechseln und kauf ein Päckchen Kaffee ­dabei. Das nächste Päckchen hole ich im Schreibwarenladen – sollen ja alle von diesem Zusatzgeschäft profitieren. Auf diese Weise kann sich dann der »Kaffeeröster«

in seinem »einzigartigen Geschäftsmodell« auf die »innovative, wöchentlich wechselnde Gebrauchsartikelvielfalt mit Dienst­leis­tungen wie Reisen, Mobilfunkplus« und ähnliches konzentrieren. Denn auf die Idee dort Kaffee zu kaufen kommt dann niemand mehr.

SoS